Reza Zarrab
Archiv: Reza Zarrab

Der iranischstämmige türkische Geschäftsmann Reza Zarrab (33, auch Rıza Sarraf) ist in den USA verhaftet worden. Die Festnahme erfolgte bereits am Samstag, als Zarrab zusammen mit seiner Frau Ebru Gündeş, einer bekannten türkischen Sängerin, und Tochter Alara in Miami aus dem Flugzeug stieg. Die Familie wollte Disneyland besuchen. Zarrab wurde am Montag in New York dem Haftrichter vorgeführt, ihm drohen insgesamt 75 Jahre Haft. Zarrab wird Geldwäsche, Verletzung internationaler Sanktionen sowie Korruption im Bankenwesen vorgeworfen. Mit ihm wurden auch die 29-Jährige Kamelya Cemsidi und der 65-Jährige Hussein Nedschafzade verhaftet. Beide gelten als enge Mitarbeiter Zarrabs. Gündeş soll bereits wieder in die Türkei zurückgekehrt sein.

Schlüsselfigur in der Korruptionsaffäre

Die Anwältin der Familie Zarrab, Şeyda Yıldırım, sagte der Zeitung Hürriyet, dass es bei der Festnahme um Geschäftsangelegenheiten gehe und sie erklärbar sei. Sie erwarte, dass ihre Mandanten in Kürze wieder auf freien Fuß kommen werden. Doch es kann mit gutem Grund bezweifelt werden, dass diese Feststellung zutreffend ist: Reza Zarrab gilt als eine der Schlüsselfiguren der Korruptionafffäre vom 17. Dezember 2013. Der leitende Staatsanwalt Celal Kara hatte damals auch seine Festnahme angeordnet. Neben Zarrab waren unter anderem Barış Güler, der Sohn des damals amtierenden Innenministers der Türkei Muammer Güler, Salih Kaan Çağlayan, der Sohn des damaligen Wirtschaftsministers Zafer Çağlayan, sowie 53 weitere Personen inhaftiert worden.

Staatsanwalt Kara forderte damals für Zarrab eine Haftstrafe von bis zu 37 Jahren für Schmiergeldzahlungen und Goldschmuggel. Er soll zwischen 2009 und 2012 insgesamt 87 Milliarden Euro Schwarzgeld aus illegalen Ölgeschäften mit dem Iran (die damals unter die internationalen Sanktionen fielen) erhalten und über drei Scheinfirmen in Istanbul gewaschen haben. Neben hochrangigen Regierungsmitgliedern und deren Verwandten war auch die staatliche Halkbank in die Affäre verwickelt. Es war der größte Korruptionsskandal der türkischen Geschichte.

Für Barış Güler und Salih Kaan Çağlayan wurden wegen der Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation und der Mithilfe zur Korruption ebenfalls hohe Haftstrafen gefordert. Zarrab selbst wurde am 21. Dezember 2013 festgenommen und befand sich bis zum 28. Februar 2014 in Haft. Von der amtierenden AKP-Regierung unter Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan wurden die Enthüllungen als Putschversuch der Gülen-Bewegung in der Justiz dargestellt.

Die Ermittlungen wurden Kara entzogen und einem anderen Staatsanwalt übergeben. Dieser hat die Ermittlungen eingestellt und die Festgenommenen freigelassen. Damit schien die Angelegenheit in der Türkei ad acta gelegt zu sein. Doch nun erwarten politische Beobachter, dass durch Zarrabs Festnahme und den absehbaren Prozess die Korruptionsaffäre neu aufgerollt wird. Die Aussagen von Zarrab könnten viele türkische Politiker, Beamte und Geschäftsleute belasten und damit die Diskussion in der Türkei erneut befeuern.

Von der Regierung als Exportchampion geehrt

Zarrab galt trotz seines jungen Alters als einer der reichsten Menschen in der Türkei. Sein Vermögen wird auf 500 Millionen Dollar geschätzt. Zuletzt kaufte er in Fındıklı bei Rize ein Haus für 72 Millionen Dollar. Er soll allein in Istanbul 62 Wohnungen besitzen sowie mehrere Villen direkt am Bosporus, eine Fabrik, Hotels und mehrere Büros. Der Wert seiner Immobilien wird auf 300 Millionen Dollar geschätzt. Zarrab unterhielt auch nach der Korruptionsaffäre hochrangige Beziehungen zur AKP-Regierung; 2015 ehrte sie ihn als „Exportchampion“. Bei einer Zeremonie, an der auch Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan teilnahm, erhielt Zarrab eine Anerkennungsplakette vom stellvertretenden Ministerpräsidenten Numan Kurtulmuş und Wirtschaftsminister Nihat Zeybekçi.

Erdoğan bezeichnete Zarrab mehrmals als einen Unternehmer mit Herz für Wohltätigkeit („hayırsever işadamı“). Doch zuletzt wurde bekannt, dass Zarrab seine Vermögen in der Türkei veräußern wollte. Dies wurde als möglicher Hinweis darauf gedeutet, dass er die politische Entwicklung in der Türkei skeptisch beurteile und sich eventuell absetzen wolle. Babek Sandschani, sein Geschäftspartner im Iran, wurde von der dortigen Justiz unlängst zum Tode verurteilt.

Unterdessen rückte die regierungsnahe Zeitung Sabah den leitenden amerikanischen Staatsanwalt Preet Bharara, der die Festnahme von Zarrab anordnete, mithilfe einer Fotomontage in die Nähe der Gülen-Bewegung – eine Vorgehensweise, die mittlerweile Gewohnheit ist. Ihn zu diffamieren dürfte aber schwieriger werden als es bei den meisten Türken der Fall ist: Bharara hat sich bereits weltweit einen Namen gemacht. Unter anderem ist er für die Verhaftung und Verurteilung mehrerer internationaler Terroristen verantwortlich sowie für die Zerschlagung weltweiter krimineller Netzwerke wie das des berühmten russischen Waffenschmugglers Viktor But (bekannt aus dem Film Lord of War, der lose auf seinem Leben beruht) oder das Drogenschmuggel-Netzwerk der kolumbianischen FARC-Rebellen. 2012 schaffte er es auf die Times-Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt.