Rojava – Der 1000 jährige Streit

Seit fast 100 Jahren träumen die Kurden von einem eigenen Staat. In den Wirren des syrischen Bürgerkriegs haben sie eine Region im Norden Syriens für autonom erklärt. „Rojava“, so der Name des staatsähnlichen Gebildes, erfüllt viele Sehnsüchte. Worum es geht, lesen Sie in Teil I der DTJ-Serie.

Von STEFAN KREITEWOLF

Syrien und der Irak zerfallen gerade durch Krieg und Terror. Die Türkei erschüttern Terroranschläge, der Bürgerkrieg im Osten des Landes und die immer schärfere Repression unter Recep Tayyip Erdoğan. In Nordsyrien herrscht indes Aufbruchstimmung. Dort träumen viele Kurden ihren alten Traum, für den ihr Volk seit fast hundert Jahren kämpft – ein unabhängiger Staat. Er soll Rojava heißen. Was Sie über Rojava wissen sollten – fünf Antworten auf die drängendsten Fragen:

Wo liegt Rojava?

Rojava entspricht den überwiegend kurdisch bewohnten Regionen im Norden Syriens entlang der Grenze zur Türkei. Als Rojava, das auf Deutsch Rodschawa oder Westkurdistan genannt wird, werden aus kurdischer Perspektive die de facto autonomen kurdischen Siedlungsgebiete im Norden Syriens bezeichnet. Rojava besteht aus den Kantonen Efrîn, Kobanê und Cizîrê. 

Seit wann gibt es Rojava?

Am 17. März 2016 rief eine Versammlung von kurdischen, assyrischen, arabischen und turkmenischen Delegierten die autonome Föderation Nordsyrien aus. Seitdem gilt Rojava als staatsähnliches Gebilde. Doch bereits zuvor entstand Rojava in den Wirren des syrischen Bürgerkriegs. Bereits am 12. November 2013 beschloss die „Partei der Demokratischen Union“ (Partiya Yekitîya Demokrat, PYD) gemeinsam mit der christlichen Suryoye Einheitspartei und weiteren Kleinparteien im Norden Syriens eine Übergangsverwaltung aufzustellen, um die im Zuge des Krieges entstandenen Missständen auf kommunaler Ebene zu lösen. Am 21. Januar 2014 wurde deswegen eine Verwaltung in Cizîrê etabliert, am 27. Januar in Kobanê und einige Tage später auch in Efrîn. Rojava ist allerdings bis heute völkerrechtlich nicht anerkannt.

Wer lebt in Rojava?

Die von Rojava kontrollierten Gebiete entsprechen etwa den syrischen Verwaltungseinheiten Afrin, Ain al-Arab und Tall Abyad sowie dem Gouvernement al-Hasaka. 2004, bei der letzten Volkszählung, lebten rund 1.900.000 Menschen dort. Die Bevölkerung bestand überwiegend aus Kurden, Arabern und Assyrern. Durch den Bürgerkrieg gab es große Migrationsbewegungen. Im Jahr 2014 wurde die Bevölkerung auf rund 4,6 Millionen geschätzt. Aktuellere Zahlen gibt es nicht.

Was hält die Türkei von Rojava?

Für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan ist Rojava ein Rückzugsort für Terroristen – und zwar ein besonders gefährlicher. Die PYD und die Selbstverteidigungs-Streitkräfte YPG gelten in der Türkei, genau wie die PKK, als Terrornetzwerke. Um zu verhindern, dass sich die Kurden irgendwann durchsetzen, verschärfte der türkische Staatspräsident in den vergangenen Jahren immer wieder seine Politik. 

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte wirft der Türkei vor, den IS und andere islamistische Gruppen zu unterstützen bzw. unterstützt zu haben, die die von der PYD eingerichtete Verwaltung von Rojava bekämpfen. Erst half Erdoğan also Islamisten in Syrien, schickte dann seine Armee ins Nachbarland und bombardierte schließlich auch die revoltierenden Kurden in der Türkei. Denn in Rojava fliegen seine Jets bis zu heutigen Tag Bombenangriffe. Allerdings nicht ohne Ankündigung: Die türkische Regierung hatte wiederholt gedroht, dass sie einen Kurdenstaat im Norden Syriens nicht dulden werde.

Wie stehen die USA und Russland zu Rojava?

Kurden, Türkei, Russland, USA, Damaskus: Die Konstellation der Interessen im Norden Syriens ist verzwickt. Die YPG kämpft gemeinsam mit der von den USA geführten internationalen Koalition gegen den IS. Im Osten Syriens befreiten die Kurden unterstützt durch Luftangriffe der US- Koalition mehrere Städte von der Besatzung durch den IS. Die USA haben Waffen und Spezialkräfte in die nordsyrischen Kurdengebiete geschickt. Die US-Regierung forderte außerdem die Türkei zur Einstellung der Flugangriffe auf und bezog nach den türkischen Luftwaffen- und Artillerieangriffen auf kurdische Einheiten in Syrien Stellung zwischen der türkischen Grenze und den kurdisch kontrollierten Gebieten bezogen. 

Russland hat die Entscheidung der syrischen Kurden kritisiert, eine autonome Region im Norden des Bürgerkriegslandes auszurufen. Die russische Regierung setzte sich zuvor aber fast immer für die Belange der Kurden in Syrien ein. Kämpfer der PYD sollen von der russischen Luftwaffe unterstützt worden sein. Das steht allerdings im scharfen Gegensatz zur syrischen Regierung, mit der Russland gegen den IS vorgeht. Die Situation hat sich  deswegen mittlerweile geändert. Russland scheint die Türkei zu unterstützten und verschärfte den Ton gegenüber Rojava zuletzt zunehmend. In Afrin stationierte russische Militärs wurden bereits abgezogen. 

Lesen Sie im zweiten Teil der DTJ-Serie mehr über das politische System Rojavas, seine Wirtschaft, den Krieg gegen den IS und die Zukunft des syrischen Kurdenstaates.

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