Papst Franziskus

Im Vatikan wird man am 2. Juni gespannt nach Berlin schauen: Dann wird im Bundestag über die Resolution abgestimmt, die das Massaker an Armeniern in der heutigen Türkei während des Ersten Weltkriegs einen Völkermord nennt. Es wird ein Schmerzempfindlichkeitstest der türkischen Führung, die den Begriff Genozid vehement ablehnt. Und just drei Wochen darauf reist Franziskus nach Armenien – ein Papst, der in der Wortwahl nicht zimperlich ist.

Schon früher hat sich Franziskus mit der Türkei angelegt. Bei seiner ersten Begegnung mit dem armenisch-katholischen Patriarchen Nerses Bedros XIX. Tarmouni nahm er das für türkische Ohren provokante G-Wort in den Mund. Auch im April 2015, in einem Gottesdienst zum Gedenken an den Beginn der Verfolgungen 100 Jahre zuvor, bezeichnete er die Ermordung von bis zu 1,5 Millionen Armeniern im Osmanischen Reich als „ersten Genozid des 20. Jahrhunderts“, in einer Reihe mit dem nationalsozialistischen Holocaust und den Schlächtereien Stalins.

Der Papst verband damit den Blick nach vorne, den Appell zu Versöhnung zwischen Türken und Armeniern: „Wo es keine Erinnerung gibt, hält das Böse die Wunde weiter offen.“ Doch die Botschaft kam in Ankara schlecht an. Das Außenministerium bestellte in einem eher seltenen Vorgang den vatikanischen Botschafter ein. Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu warf dem Papst auf Twitter vor, er schüre „Hass“. Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan hat die Predigt als „Unsinn“ gescholten und warnte Franziskus unverhohlen vor einer Wiederholung.

Die könnte just am 25. Juni erfolgen. Dann besucht Franziskus im Rahmen seiner dreitägigen Armenienreise das Völkermord-Mahnmal Zizernakaberd im Westen der Hauptstadt Jerewan. Das Programm sieht eine Stunde an der Gedenkstätte vor. Undenkbar, dass dabei nur Unverbindlichkeiten vom Blatt abgelesen werden.

Dass das Kirchenoberhaupt bei Auslandsreisen eine politische Agenda verfolge, weist der Vatikan regelmäßig zurück. Auch in Armenien gehe es um einen Pastoralbesuch, wird in kirchendiplomatischen Kreisen betont. Gleichwohl sei man gerade bei diesem Papst vor Überraschungen nicht sicher. Im Übrigen, so heißt es, werde sich Franziskus hinsichtlich der Genozid-Frage „in einer Kontinuität mit Johannes Paul II.“ (1978-2005) bewegen.

Mehr braucht es auch nicht, um Erdoğan zu verstimmen. Der polnische Papst, der den Völkermord an den Juden miterlebt hatte, sagte 2001 während seiner Armenien-Reise in einer gemeinsamen Erklärung mit dem Oberhaupt der armenisch-apostolischen Kirche, Karekin II.: „Die Ermordung von eineinhalb Millionen Christen ist das, was generell als der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts bezeichnet wird.“

Ein generelles Türkei-Bashing kann man Franziskus nicht vorwerfen. In seiner Rede zur Karlspreis-Verleihung beschwor er eine Seele Europas, die in Begegnungen jenseits der „gegenwärtigen Grenzen der Europäischen Union“ gewachsen sei und die weiter nach Kulturoffenheit und „neuen Synthesen“ verlange. Dies alles zwar im Apostolischen Palast vorgetragen unter dem monumentalen Fresko der „Schlacht von Lepanto“, in der das christliche Europa gegen die Türken zu Felde zog, aber doch zu verstehen als Wink zum Dialog.

Dem Papst geht es darum, eine gesamteuropäische Lösung für die Flüchtlingskrise zu finden und die Kooperation mit Muslimen voranzubringen. Dafür ist die Türkei ein wichtiger Partner. Zugleich sorgt sich der Heilige Stuhl um die Kultfreiheit für Christen und die allgemeinen Menschenrechte in der Türkei sowie um kirchlichen Besitzstand. Das verlangt von der Vatikan-Diplomatie ein hinreichend klares Auftreten.

In Armenien wird Franziskus einen ökumenischen Schulterschluss mit der armenisch-apostolischen Kirche suchen und – nicht zuletzt mit Blick auf Verfolgungssituationen andernorts in der Region – an den Blutzoll erinnern, den die armenischen Christen in der Vergangenheit entrichteten. Das Experiment in Berlin könnte dem päpstlichen Nuntius in der Türkei, Erzbischof Paul Fitzpatrick Russell, zeigen, auf welche Reaktionen er sich womöglich demnächst einzustellen hat. (Burkhard Jürgens, kna)