Archivfoto: Ein plastischer Chirurg führt eine Lidstraffung durch. Foto: Uwe Anspach/dpa

Viele Branchen leiden in der Corona-Krise. Die ästhetisch-plastische Chirurgie mit Botox und Fettabsaugung erlebt jedoch eine Art Boom. Das hat auch etwas mit Maske und Homeoffice zu tun. 

Die Behandlungen seien riskant, meist unnötig, die Ärzte windig und die Ergebnisse in vielen Fällen nur so naja – so lautet das Klischee. Schönheitsoperationen finden viele gar nicht schön. Thema werden sie meist nur negativ, etwa wenn Promis seltsam aussehen, junge Leute angeblich ihrem Selfie-Filter nacheifern oder Frauen für den Traum vom „Brazilian Butt“ bei einer Po-Vergrößerung mit Eigenfetttransplantation sterben.

Laut Internationaler Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (ISAPS) mit Sitz im US-Staat New Hampshire gehören Deutschland und die Türkei zu den Ländern mit den meisten Schönheits-OPs – Tendenz steigend. Die Top-10-Länder waren zuletzt die USA, Brasilien, Japan, Mexiko, Italien, Deutschland, Türkei, Frankreich, Indien und Russland.

Türkei: Ein Fünftel aus dem Ausland

Die Länder mit dem höchsten Anteil ausländischer Patienten sind ähnlich wie im Vorjahr Thailand (33,2 %), Mexiko (22,5 %) und die Türkei (19,2 %). Doch die Einstellung zur ästhetisch-plastischen Chirurgie befindet sich im Wandel. In der Corona-Krise liegen Schönheits-OPs geradezu im Trend. Die Pandemie gilt als Gelegenheit, bei sich „etwas machen zu lassen“, wie es gern diskret formuliert wird.

„Die Art der Nachfrage nach ästhetischen Behandlungen hat sich in der Corona-Krise verändert“, sagt der Facharzt Dennis von Heimburg in Frankfurt am Main, langjähriger Präsident der Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen (VDÄPC). Und Lutz Kleinschmidt aus Bergisch-Gladbach, Vorstandsmitglied bei der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC) sagt: „Durch die Covid-19-Pandemie wurden die gesellschaftlichen Anlässe zwar seltener, aber das eigene Spiegelbild blieb bestehen.“

Maske als Versteck

Die Lockdowns sorgen etwa für den Wunsch nach strafferen Augenpartien. In Maskenzeiten schauen sich Menschen mehr in die Augen. Video-Konferenzen führen außerdem dazu, dass sich viele länger selbst betrachten und mehr angesehen werden. Auch Lippenkorrekturen mit Fillern sind nach Angaben von Experten häufiger gefragt. Die OPs am Mund lassen sich anfangs gut unter der Maske verstecken.

Insgesamt gebe es ein neues Körperbewusstsein in der Krise, sagt der Arzt Murat Dağdelen in Düsseldorf. Das Interesse an Fettabsaugungen steige, nicht zuletzt weil einige in der Homeoffice-Zeit zugelegt haben. Manche nutzten die Corona-Krise zur Selbstoptimierung. „Die Patienten haben mehr Zeit, sich mit ihrem Äußeren zu beschäftigen.“

In Berlin plaudert ein Arzt in Kudamm-Nähe aus dem Nähkästchen: Gerade beim Entfernen und Abbau von Fettgewebe gebe es so viele Möglichkeiten, dass sich auch der Laie denken könne, dass das perfekte Verfahren wohl noch nicht gefunden sei.

Sozialleben ohnehin eingeschränkt

Zu nennen wären neben der Fettabsaugung für ein paar tausend Euro (die auch nur örtlich betäubt möglich ist) zum Beispiel die laserassistierte Liposuktion, die Kryolipolyse (Fettzellenbehandlung mit Kälte) oder die Injektionslipolyse (Fettwegspritze mit Phosphatidylcholin aus der Sojapflanze).

Vorteil 2020 und 2021: In Zeiten von Kontaktbeschränkungen fallen Eingriffe mit einer Auszeit im Anschluss im Sozialleben kaum auf. Auch blaue Flecken, Schwellungen, Rötungen, wie sie nach den heutzutage meist minimalinvasiven Operationen üblich sind, lassen sich mit weniger Aufwand als in normalen Zeiten kaschieren. Studien zufolge verschweigt eine Mehrheit der Patient:innen gegenüber ihrem Umfeld nach wie vor eine Schönheits-OP.

Laut DGÄPC hat sich die Nachfrage bestimmter Berufsgruppen in der Pandemie verstärkt. Andrea Fornoff, Leiterin der Klinik für Plastische Chirurgie in Degerloch (Stuttgart), sagt, dass etwa mehr Lehrer:innen und Menschen, die in der Verwaltung tätig seien, Termine bei ihr machten. „Also Leute, die ein gesichertes Einkommen haben. Es gibt aber daneben auch die breite Schicht derer, die es sich jetzt nicht mehr mal eben so leisten können, etwa Friseur:innen oder Beschäftigte aus der Gastronomie.“

dpa/dtj