In der zentralanatolischen Stadt Karaman soll der Lehrer M. B. mindestens zehn Schüler über einen Zeitraum von drei Jahren missbraucht haben. In Artvin im Osten der Türkei wird der Religionslehrer R. A. beschuldigt, sich über zehn Jahre lang an minderjährigen Schülern ebenfalls vergangen zu haben. Auch in der Hauptstadt Ankara soll es zu sexuellen Übergriffen auf Minderjährige gekommen sein.

Die Staatsanwaltschaft von Karaman fordert für B. 600 Jahre Haft. Laut Anklageschrift soll der Klassenlehrer in den Wohnheimen der Ensar-Stiftung und des Vereins KAIMDER sich an Schülern vergangen haben. KAIMDER ist ein Verein, in dem sich die Absolventen der örtlichen Imam-Hatip-Schule organisiert haben. Die Imam-Hatip-Schulen sind spezielle Berufsgymnasien, in denen die Schüler auf ein Theologiestudium vorbereitet werden.

Lehrer gibt jahrelangen Missbrauch zu

B. verteidigte sich zunächst mit der Begründung, er hätte sich lediglich neben Kinder, die Heimweh verspürten, ins Bett gelegt, um sie trösten, gestand dann aber, sie missbraucht zu haben: „Ich gestehe“, wird er von „Hürriyet“ zitiert.

Das Gericht hat der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft stattgegeben. Demnach soll B. in den Jahren 2012-2014 als Aufsichtspersonal in den Einrichtungen der Ensar-Stiftung, die der AKP nahesteht, drei und in jenen von KAIMDER sieben Kinder missbraucht haben. Nach Medienberichten ist aber auch von mindestens 45 Missbrauchsopfern die Rede.

Bekannt wurde der Skandal, als ein Schüler nicht mehr in die Schule gehen wollte. Auf die Nachfragen der Eltern berichtete er schließlich über den sexuellen Missbrauch. Gerichtsmedizinische Gutachten bestätigten den Missbrauch.

Weitere Fälle von sexuellem Missbrauch sind in Artvin und Ankara bekannt geworden. In Ankara soll der Koranlehrer R. Y. ein siebenjähriges Mädchen im Akyurt Halk Eğitim Merkezi, das ebenfalls der AKP nahesteht, sexuell missbraucht haben. Gegen ihn werden Ermittlungen geführt, die Staatsanwaltschaft eine Haftstrafe von 36,5 Jahren.

Der Fall in Artvin wurde erst öffentlich, nachdem ein Lehrer sich über das Internet an das BIMER (Kommunikationszentrum des Amtes des Ministerpräsidenten) wandte. Er beschwerte sich über den Religionslehrer R. A., der ihn bis 2002, als er noch Schüler von A. war, missbraucht habe. Die Beschwerde reichte er ein, nachdem er feststellte, dass sich an dem Verhalten von A. seit 14 Jahren nichts verändert habe und dieser immer noch minderjährige Schüler missbrauche. Daraufhin leitete die Staatsanwaltschaft Ermittlungen ein. Der Beschuldigte wurde festgenommen.

Familienministerin nimmt Stiftung in Schutz

Die AKP-Regierung reagierte auf die Ereignisse zunächst nicht und wollte sie herunterspielen. Die Ministerin für Familien und soziale Angelegenheiten, Sema Ramazanoğlu, ging sogar soweit, die betroffenen Einrichtungen in Schutz zu nehmen: „Es kann nicht sein, dass eine Einrichtung wegen eines einzigen Vorfalls diffamiert wird. Die Ensar-Stiftung ist uns bekannt, wir schätzen ihre Arbeit.“

Der Vorsitzende des Kindervereins Gündem, Şahin Antakyalıoğlu, bezeichnete die Äußerung als „unglücklich“ und beschuldigte das Ministerium: „Es muss die nötigen Maßnahmen für den Schutz von Opfern sexuellen Missbrauchs einleiten und die Einrichtungen kontrollieren“.

Die oppositionelle nationalistische MHP reichte am Mittwoch im Parlament einen Antrag ein und forderte die Bildung einer Kommission zur Untersuchung der Vorfälle in Karaman. Ihr Antrag wurde nicht nur von der CHP, sondern auch von der prokurdischen HDP mitgetragen. Die AKP-Abgeordneten, die die parlamentarische Mehrheit haben, stimmten jedoch dagegen.

Im Anschluss hielt die CHP-Abgeordnete Lale Karabıyık eine bewegende Rede. In den sozialen Medien regte sich Widerstand über das Abstimmungsergebnis. Schließlich lenkte die AKP ein und stimmte einen Tag später der Bildung einer Untersuchungskommission zu.