12.10.2019, Türkei, Ceylanpinar: Rauch steigt in der nordsyrischen Stadt Ras al-Ain während eines Angriffs der türkischen Armee auf. Der türkische Präsident Erdogan hat eine Schlichtung der Konflikte mit den kurischen Soldaten abgelehnt und setzt seine Militäroffensive in Nordsyrien fort. Foto: Mustafa Kaya/XinHua/dpa

Das türkische Militär und sein Oberbefehlshaber Recep Tayyip Erdoğan setzen in Nordsyrien auf die Hilfe islamistischer Rebellen. Ihr brutales Vorgehen sorgt für Entsetzen. Nun rücken alte Verbindungen zum IS wieder in den Fokus.

Verstörende Bilder geisterten dieser Tage durchs Internet. „Allahu Akbar“-Rufe bilden die Soundkulisse für ein verwackeltes Handyvideo. Darauf zu sehen: Männer in Tarnuniform, die Maschinengewehrsalven auf einen leblosen Körper am Rand einer Straße abfeuern. Experten- und Medienberichten zufolge soll es sich bei der Straße um die Überlandstraße M4 zwischen den nordsyrischen Städten Kamischli und Manbidsch handeln.

Der leblose Körper, so berichten kurdische und internationale Agenturen, sollen die sterblichen Überreste der kurdischen Frauenrechtlern Havrin Khalaf sein. Khalaf, die sich auch als Politikerin für die Rechte der Kurden stark machte, war am Samstag mit ihrem Fahrer in einen Hinterhalt geraten. Verantwortlich für den Angriff soll die Miliz „Ahrar al-Scharqiya“ (auf Deutsch: „Freie Männer des Ostens“) sein, Bündnispartner des türkischen Militärs bei der Offensive in Nordsyrien.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Auch deutsche Medien gehen davon aus, dass die Miliz Gefangene exekutiert und plündert. Das verstößt gegen internationales Recht und würde, sollte es jemals zu einer Anklage gegen die islamistischen Kämpfer kommen, einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit gleichkommen. Viel schlimmer wiegt aber der Umstand, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan in Syrien offenbar brutale Islamisten für sich kämpfen lässt.

Für einen schnellen Erfolg in Syrien ist Erdoğan ein fragwürdiges Bündnis mit Salafisten und Islamisten syrischer Abstammung eingegangen. Neben der „Ahrar al-Scharqiya“-Miliz, die zahlreichen ehemalige Mitgliedern der „Al Nusra Front“, dem Ableger Al-Qaidas in Syrien, eine neue Heimat bot, zählen zu der von Ankara gelenkten Allianz „Nationale Befreiungsfront“ (NLA) auch die salafistische „Ahrar al-Scham“, die zahlenmäßig stärkste islamistische Rebellengruppe Syriens. Insgesamt soll die NLA, unter deren Dach sich die Islamisten vereinen, über mehr als 50.000 salafistische Kämpfer verfügen.

Gräueltaten auf Social Media

Sie sind die Speerspitze Erdoğans bei der Errichtung der geplanten Sicherheitszone. Da die islamistischen Milizen die nicht-sunnitischen Kurden als Ungläubige und dem Islam Abtrünnige ansehen, gehen sie besonders grausam gegen sie vor. Ihre Gegner werden exekutiert, Frauen vergewaltigt, Kinder ermordet. In der „Operation Olivenzweig“ in Afrin vom Januar 2018 wurde dies bereits deutlich: Kämpfer der Ahrar al-Scharqiya-Miliz verstümmelten damals die Leiche der kurdischen Kämpferin Barin Kobane. Auch diese Tat kursiert als verwackeltes Video auf Social Media.

Gräueltaten vor laufender Kamera, das erinnert stark an die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS). Seit Jahren wird Ankara eine Nähe zu den berüchtigten Islamisten nachgesagt. Eine Studie der Columbia University, die tagesschau.de zitiert, konnte seit 2014 zahlreiche Verbindungen zwischen der türkischen Regierung und dem IS nachweisen. Unter anderem listet die Erhebung Zeugen, die von türkischen Waffenlieferungen an die Terrorgruppe und der Behandlung von IS-Kämpfern in türkischen Krankenhäusern berichten.

Dass die türkische Offensive nun mit islamistischen Kämpfern kooperiert und maßgeblich dafür verantwortlich ist, dass aufgrund des Chaos in kurdischen Gefängnissen, in denen mehr als 10.000 IS-Kämpfer inhaftiert waren, zahlreiche dieser Terroristen bereits entkommen konnten, wirft ein Schlaglicht auf die türkische Operation in Nordsyrien.

Ein Wiedererstarken islamistischer Kämpfer, wenn nicht gar in Form des IS, ist dadurch wahrscheinlicher geworden.