Der Underdog Başakşehir FK dominiert die türkische Liga, während die vier etablierten Großklubs mit Millionen-Schulden und dem Lira-Verfall zu kämpfen haben. Was das alles mit Erdoğan zu tun hat.

Ein Istanbuler Klub steht an der Spitze der türkischen Süper Lig. Das ist eigentlich keine Nachricht wert. Denn Fenerbahçe, Beşiktaş oder Galatasaray machten in den vergangenen Jahrzehnten gemeinsam mit Trabzonspor den Meister fast immer unter sich aus. Dass es in diesem Jahr zum zweiten Mal nach Bursaspor 2010 wieder einen Champion geben könnte, der nicht diesem Erfolgsquartett angehört, ist hingegen nicht weniger als eine Sensation. Zumal mit dem Istanbuler Başakşehir FK ein Verein alle etablierten Großklubs abhängen könnte, der erst seit 2007 erstklassig spielt.

Erst 1990 als Betriebssportgruppe der Istanbuler Stadtverwaltung gegründet, vollzog der Verein in kürzester Zeit eine Metamorphose zum großen Herausforderer. 2014 wurde die Profifußballmannschaft ausgegliedert. Ein gängiges Mittel, um professionelle Strukturen in der Sparte Fußball zu schaffen. Seither stellt der Klub die Machtverhältnisse in der höchsten türkischen Spielklasse auf den Kopf.

Erdoğan bekennender Başakşehir-Fan

Kein Wunder, ist der Istanbuler Vorstadtklubs doch eng mit den Mächtigen des Landes verknüpft. So ist Recep Tayyip Erdoğan bekennender Fan des Teams. Der türkische Staatspräsident ließ es sich vor vier Jahren nicht nehmen, das neue Başakşehir-Stadion persönlich als Teil einer Promi-Mannschaft auf dem Feld einzuweihen. Klubpräsident Göksel Gümüşdağ ist mit einer Nichte von Erdoğans Frau verheiratet.

Das allein ist nicht der Grund des Başakşehir-Aufschwungs. Als einer der wenigen Vereine der Türkei wirtschaften die Istanbuler profitabel. Jüngst wechselten − wenn auch in die Jahre gekommene − türkische und ausländische Fußballgrößen wie Arda Turan oder der Brasilianer Robinho überraschend zu dem Retortenklub. Vor wenigen Tagen schloss sich der ehemalige deutsche Nationalspieler Serdar Tasçı dem Verein an. Welche Rolle ein mächtiger Mann wie Erdoğan bei der Anbahnung solcher Transfers spielt, ist umstritten. Kritiker und Gegner des Vereins vermuten, der Verein profitiere von der Nähe zur Regierung.

Schulden über Schulden

Was sie verschweigen: Başakşehir kann eine ausgeglichene Transferbilanz vorweisen. Der Verein investiert in die Jugend. Junge Spieler werden systematisch an die erste Mannschaft herangeführt. Eine eigene Nachwuchsakademie sorgt für steten Nachschub. Trainer Abdullah Avcı ist seit 2014 im Amt. Jüngst verlängerte er seinen Vertrag bis 2024. Anderen Klubs würde solch eine Konstanz auch guttun. Außerdem ist der Klub schuldenfrei.

Das trifft auf keinen der vier bislang erfolgreichsten Großklubs zu. Informationen des US-Wirtschaftsdienstes Bloomberg zufolge hat Trabzonspor in den vergangenen Jahren Schulden in Höhe von 121 Millionen Euro angehäuft, Galatasaray gar 123 Millionen. Um Beşiktaş steht es mit einem Minus von 164 Millionen noch schlechter. Und Fenerbahçe führt das Schuldenranking mit sagenhaften 344 Millionen Euro Miesen an. Die sportliche Bilanz sieht nicht viel besser aus: Galatasaray ist mit drei Punkten Abstand bei einem Spiel mehr zwar noch in Schlagdistanz zu Başakşehir. Beşiktaş und Trabzonspor liegen indes abgeschlagen im Mittelfeld der Tabelle. Fener kämpft sogar gegen den Abstieg.

Rettungsprogramm für Großklubs

Nach Jahren des Protzens, in denen Altstars wie Lukas Podolski oder Wesley Sneijder mit hohen Millionen-Gagen an den Bosporus gelockt wurden, kollabiert das System Süper Lig. Kaum ausländische Spieler wechseln mehr zu einem der großen Klubs. Die Gehälter, oftmals in Euro verhandelt und überwiesen, sind für die Vereine schlicht unbezahlbar. Der Verfall des Lira-Kurses verschlimmert die Situation noch. Die Krise im türkischen Fußball, sie ist von den Großklubs und der Regierung gleichermaßen verschuldet.

Ob das zu Beginn vergangener Woche ausgerufene Rettungsprogramm, das vom türkischen Fußballverband und dem hiesigen Bankenverband mit einem Volumen von zwei Milliarden Euro ausgestattet wurde, helfen kann, die strukturellen Probleme zu lösen, ist umstritten. Das Missmanagement in den Chefetagen werde damit nicht gelöst, kritisieren Experten.

Und so könnte es in dieser Saison tatsächlich zur Meisterpremiere Başakşehirs kommen. Ein Novum, dass Staatspräsident Erdoğan sicher freuen würde.

Foto: Istanbul Başakşehir/Offizielle Homepage