Symbolbild; Archiv
Symbolbild: Ein Mann läuft vor einer Waffenwerbung entlang; Quelle: DTJ-Archiv

Wenn in den Schlagzeilen wieder von einer Schießerei die Rede ist, denkt man als erstes gewöhnlich an die USA. Doch nicht nur das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, sondern auch das Land am Bosporus kämpft mit zu vielen Schusswaffentoten.

Schon wieder ein Amoklauf, schon wieder in den Vereinigten Staaten. Jene Nation, die den Beinamen „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ trägt und bekannt für seine Waffennarren ist. Auf einem Volksfest im kalifornischen Gilroy kam es vor wenigen Tagen bei einer Schießerei zu mindestens drei Toten sowie 12 Verletzten. Typisch USA, typisch „Amis“ mag man sich denken. Aber nicht nur dort, auch die Türkei kämpft mit einer zu stark bewaffneten Bevölkerung. In einem Beitrag von DW Türkçe wurde ausführlich darüber berichtet.

Verzehnfachung der sich im Umlauf befindenden Schusswaffen

Demnach kam es innerhalb der letzten zehn Jahre in der Türkischen Republik zu einer Verzehnfachung der sich im Umlauf befindenden Waffen. Mit anderen Worten ausgedrückt: Es gab einen Anstieg von 1000 Prozent. Mehr Aufschluss darüber bietet der von der Umut Stiftung herausgegebene Schusswaffengewalt-Atlas (Silahlı Şiddet Haritası) von 2018. Aus ihm geht hervor, dass in 3680 Gewaltfällen spitze Gegenstände und Waffen benutzt wurden. Die blutige Konsequenz: Landesweit 2280 Tote und 3760 Verletzte. Hinzu kommt, dass die allermeisten Schusswaffen, nämlich satte 85 Prozent, sich ohne Lizenz illegal im Umlauf befinden. Nach Schätzungen gibt es deshalb mindestens 25 Millionen Schusswaffen, die sich jeglicher staatlicher Kontrolle entziehen und ein Sicherheitsrisiko für unbescholtene türkischen Bürger darstellen. Zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein genügt, um als Unbeteiligter erschossen zu werden.

Türkisches Innenministerium: Zahlen spiegeln nicht die Realität wider

Doch was sagt die türkische Regierung dazu? Auf eine Anfrage des CHP-Abgeordneten Ömer Fethi Gürer spricht das Innenministerium von einer verzerrten Wahrnehmung. Der Anstieg der Gewaltfälle um 69 Prozent in den letzten vier Jahren spiegele nicht die Realität wider. Denn im Vergleich zu 2017 sei die Zahl der Schusswaffentoten und -verletzten wieder um 14 Prozent zurückgegangen. Das mag zwar stimmen, jedoch liegt das Niveau von 2018 mit 2.280 erschossenen Bürgern nach DTJ-Recherchen weit über dem Niveau von 2015 mit „nur“ 1552 Toten. Im Folgejahr ging dann mit den politischen Unruhen auch ein Anstieg der Toten und ein stärkerer Erwerb von Waffen einher.

Anti-Waffen-Kampagne „SilahlanMA“

Unlängst sind auch Anwälte zur Zielscheibe geworden, wenn sie sich mit mächtigen und kriminellen Personen anlegen. Beispielsweise verlor die Anwaltskammer von Diyarbakır erst kürzlich zwei ihrer Mitglieder. Als Reaktion darauf rief sie die Kampagne „SilahlanMA“ (Bewaffne dich NICHT) ins Leben. Ihre Kernforderungen: Der türkische Staat müsse die Verbreitung eindämmen und den legalen als auch den illegalen Erwerb erschweren. Insbesondere der Waffenhandel im Internet sei zu einfach und unreguliert. Nur so könne Artikel drei der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit) besser gewährleistet werden.

Mehr Regulierung von Schusswaffen? Leichter gesagt als getan

Nicht unerwähnt bleiben sollte die Tatsache, dass die Eindämmung sich schwieriger gestaltet als es beispielsweise in Neuseeland geschah. Nach den Anschlägen auf zwei Moscheen verbot Regierungschefin Jacinda Ardern kurzerhand jene Art halbautomatischer Waffen, womit der Attentäter 51 Muslime erschoss. Man kann aber nur das verbieten, worauf der Staat Zugriff hat. Im Falle der Türkei trifft dies nur auf 15 Prozent zu, da die restlichen 85 Prozent der Schusswaffen nicht registriert sind. Außerdem grenzt die Türkei an das Bürgerkriegsland Syrien, was den illegalen Waffenhandel beeinflusst. Hinweise darauf liefern Daten des UNODC, die Abteilung der Vereinten Nationen für Drogen und Kriminalität. Sie gab eine Auflistung mit den Nationalitäten von aufgegriffenen Waffenhändlern in der Türkei heraus. Demnach waren zwischen 2010 und 2012 90 Prozent der Waffenhändler Türken und drei Prozent Syrer. 2013 waren nur noch 77 Prozent türkischer und bereits 14 Prozent syrischer Herkunft.

Es bleibt zu hoffen, dass der Rückgang seit 2017 weiter anhält und sich die Verhältnisse in Syrien stabilisieren. Aber auch die Regierung muss stärker gegen illegalen Waffenbesitz vorgehen, damit neben den USA nicht auch noch die Türkei ständig in die negativen Schlagzeilen gerät. Dem Tourismus kann dies nur helfen.