Die türkische Exilmedien-Landschaft verliert mit der taz.gazete einen wichtigen Vertreter. Foto: pixabay (Symbolbild)

Es waren große Projekte mit enormen Fördersummen. Doch als nachhaltige Redaktionen konnten sie sich bislang nicht durchsetzen. Die Rede ist von Exilmedien türkischer Journalisten. Nach und nach verschwinden sie von der Bildfläche. Es bleiben oft nur Einzelspieler übrig, die hinter satten Honoraren her sind.

Die Türkei hat sich seit dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016 zu einem großen Gefängnis für Journalisten und renommierte Regierungskritiker entwickelt. Noch immer sitzen Personen wie Ahmet Altan, Osman Kavala und Selahattin Demirtaş hinter Gittern. Noch immer ist für diese Personen kein Licht am Ende des Tunnels in Sicht. Auch die Medienlandschaft in der Türkei ist nicht mehr die alte. Zahlreiche Medien existieren gar nicht mehr. Beispielsweise die Zaman, die einst mit etwas über einer Million Abonnenten die auflagenstärkste türkische Zeitung war. Auch Zeitungen wie Radikal, Taraf, Nokta und dutzende weitere Verlage, Nachrichtenagenturen, Radiosender und Fernsehsender wurden per Dekrete nach dem Putschversuch endgültig geschlossen. Die türkische Plattform für unabhängigen Journalismus P24 zählt heute noch 155 inhaftierte Medienmitarbeiter in türkischen Haftanstalten.

Der Fall özgürüz − Exiljournalismus als Newsletter?

Daraufhin haben türkische Exiljournalisten an unterschiedlichen Hotspots ihre Arbeit wieder aufgenommen. Bekannt wurde dieses Bestreben durch die herausragende Unterstützung des gemeinnützigen Recherchezentrums Correctiv, das aus dem Nichts ein neues Medium in die Welt setzte. Es wurde eine Redaktion aufgebaut, das Medium wurde özgürüz, auf Deutsch: „Wir sind frei“ genannt und die Leitung in die Hände von Can Dündar gelegt. Dieser wurde durch den armenisch-türkischen Exiljournalisten Hayko Bağdat unterstützt. Doch bereits nach sechs Monaten brach ein großer Streit aus, der durch einen Beteiligten an die Öffentlichkeit gelang. Hayko Bağdat warf den Herausgebern vor, die Exiljournalisten auszubeuten. Für die Eskalation hingegen machte Bağdat Can Dündar verantwortlich. Er habe sich nicht für die Interessen der türkischen Exiljournalisten, sondern für das Geld und „die deutsche Seite“ entschieden. Correctiv-Geschäftsführer David Schraven wies die Vorwürfe entschieden zurück, sprach davon, „verletzt und traurig“ zu sein.

Nach Hayko Bağdat kein signifikanter Erfolg für özgürüz

Bağdat verstummte danach und die Debatte geriet in Vergessenheit. Zunächst setzte özgürüz die Arbeit fort. Doch die einstige zweisprachige Redaktion − özgürüz-Artikel wurden nämlich auf Deutsch und Türkisch veröffentlicht − ist heute nur noch ein Can Dündar-Newsletter. Die Herausgeber werben zwar nach wie vor für finanzielle Unterstützung für özgürüz, bezeichnen das aber nur noch als Unterstützung für Can Dündar.

Aufruf zur Unterstützung von Can Dündar.

Doch Geldprobleme wird Dündar hoffentlich nicht bekommen. Denn angesichts seiner zahlreichen Nebentätigkeiten, beispielsweise seine Kolumnen bei die Zeit und seine fortlaufenden Beiträge für WDR-Cosmo, wirkt diese Einladung zur Unterstützung für türkischen Exiljournalismus derzeit wie eine Einbahnstraße.

Banu Güven als Influencerin

Eine ähnliche One-Man-Show liefert die ehemalige Kanal D-Nachrichtenmoderatorin Banu Güven. Sie hat aber zwei elementare Vorteile gegenüber Can Dündar. Sie ist eine Exiljournalistin, die zugleich auch fließend Deutsch spricht. Somit kann Güven mit ca. einer Million Followern in den sozialen Medien ihre Themen sehr gut vermitteln. Und ihr derzeitiger Arbeitgeber WDR wird sich sicher über ihre organische Gefolgschaft im Netz freuen. Doch auch in diesem Fall bleibt eher unklar, ob die Unterstützung einer einzelnen Figur tatsächlich türkischen Exiljournalismus insgesamt fördern kann. Wohl kaum, wenn man sich einmal umschaut, wie viele türkische Exiljournalisten derzeit noch völlig perspektivlos in Deutschkursen verweilen.

taz.gazete war ein sehr ehrliches Vorhaben. Schade.

Doch die Perspektiven scheinen sich nicht gerade zu erweitern. Ein besonders interessantes Projekt türkischer Exiljournalisten war „taz.gazete“. Nach mehr als drei Jahren wird das deutsch-türkische Internetportal leider wieder eingestellt. Das Projekt werde Ende Juli beendet, teilte die taz Verlags- und Vertriebs GmbH am Donnerstag in Berlin mit. Grund dafür: die taz Panter Stiftung könne das Projekt auf Dauer nicht alleine finanzieren. Stiftungs-Vorstandsmitglied Konny Gellenbeck betonte: „Trotz aller Bemühungen ist es uns nicht gelungen, andere Stiftungen oder Organisationen zu finden, die „taz gazete“ unterstützen und für gewisse Zeit finanziell absichern konnten.“ Die Stiftung hatte das deutsch-türkische Projekt 2017 ins Leben gerufen, um die freie türkische Presse nach dem Putschversuch in dem Land 2016 mit einer internationalen Web-Plattform zu unterstützen. Rund 50 Journalisten, von denen einige in der Türkei nicht mehr arbeiten konnten, veröffentlichten dort Fotos und Artikel. Für sie fällt vermutlich erneut jegliche finanzielle Grundlage ins Wasser.

Deutsche Welle wichtiger denn je

Die Deutsche Welle hat hingegen mit einem türkischem Nachrichtenformat und tiefgründigen Hintergrundartikeln auf der Online-Präsenz einen neuen Status errungen. Lange Zeit galt die Deutsche Welle als eine Art Auslaufmodell. Doch mit der personellen Umrüstung kam der Erfolg zurück. Seitdem der ehemalige Tagesschau-Moderator und Redaktionsleiter der türkischen Redaktion bei WDR Cosmo bei der Deutschen Welle tätig ist, hat es das Medium sogar in den von der türkischen Regierung als Agitationspapier erstellten SETA-Bericht geschafft. Dabei handelt es sich um eine Studie der türkischen Stiftung SETA, in der Journalisten der DW und von BBC öffentlich verunglimpft wurden. Auch die Personalie Aydın Üstünel, der ebenfalls aus der WDR Cosmo-Redaktion zur Deutschen Welle wechselte, sorgt mit seiner Moderation für ein professionelles Erscheinungsbild im neuen türkischsprachigen Youtube-Kanal. Auch in der Türkei wird das Informationsangebot durch die Deutsche Welle gut angenommen. Derzeit kann sich das Format mit fast 400.000 Abonnenten rühmen. Eine satte Zahl.

Aydın Üstünel als Moderator bei der Deutschen Welle Türkisch.

Bold als die neue Zaman?

Ein weiteres türkisches Exilmedium präsentiert sich in Deutschland auch vermehrt in deutscher Sprache: Bold Medya von Cevheri Güven. Dabei handelt es sich um den einstigen Chefredakteur der heute verbotenen Zeitschrift „Nokta“ und einstigen Mitinsassen von Can Dündar. Beide saßen zur selben Zeit, weit vor dem Putschversuch in der Türkei, im berüchtigten Silivri-Gefängnis in Istanbul ein und kamen zeitgleich aus der Haft. Kurze Zeit nach seiner Freilassung konnte Dündar mit einem gewöhnlichen Linienflugzeug nach Deutschland reisen, während Güven das Land auf illegalem Wege in Richtung Griechenland verlassen musste. In einer WDR-Story von Osman Okkan wurde das neue Exilmedium Bold als eine Art Fortsetzung der heute geschlossenen, Gülen-nahen Zaman dargestellt. Tatsächlich betrifft die Berichterstattung der kleinen Redaktion in großem Maße die Belange und Themen der Personen, die sich eher zum Netzwerk des islamischen Gelehrten Fethullah Gülen hingezogen fühlen. Doch auch für gute Investigativ-Recherchen in Bezug auf den gescheiterten Putschversuch sowie allgemeine Menschenrechtsverletzungen in der Türkei ist Bold mittlerweile bekannt.

Hayko Bağdat und Cevheri Güven in einer Sendung eines Gülen-nahen Moderators im Exil.

dtj/dpa