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 Eine religiöse Generation in der Türkei? Das ist der Traum des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Doch eingetreten ist etwas anders. Zumindest wenn man der Umfrage des Forschungsinstituts KONDA glauben schenkt. Demnach ist die Zahl der gläubigen Menschen in der Türkei nämlich rückläufig. 

Von einer religiösen Generation hatte Recep Tayyip Erdogan gesprochen, als er noch Ministerpräsident der Türkei war. „Wir werden eine konservative, demokratische Generation erziehen, die die Werte und Prinzipien ihrer Nation beschützen“, sagte Erdogan auf einer Veranstaltung seiner Partei. Das war im Jahr 2012. Damals gab es eine heftige Diskussion über die Aussagen des Ministerpräsidenten. Die kemalistische Oppositionspartei CHP stellte sich gegen eine staatliche Bevormundung, während Erdogan die Kritik immer wieder konterte: „Eine religiöse Generation. Ich stehe dahinter. Herr Kilicdaroglu, erwartest du von uns, die eine demokratisch-konservative Partei ist, eine atheistische Generation zu erziehen? Das mag vielleicht dein Ziel sein, aber unserer ist es nicht.“
 

Maßnahmen der türkischen Regierung

Um dieses Ziel zu erreichen, wurden in der Vergangenheit viele Maßnahmen ergriffen. So wurde beispielsweise die Steuer für religiöse Bücher auf 1% gesenkt. Für 2019 wurde das Budget der türkischen Religionsbehörde sogar um  34,36 Prozent aufgestockt und beträgt nun 10,5 Milliarden Türkische Lira (etwa 1,6 Milliarden Euro).  
 

Religiöse Generation Erdogans?

Die jüngsten Zahlen des Forschungsinstituts KONDA sind demnach ein Rückschlag für den heutigen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, der auch nach sieben Jahren am selben Ziel festhält. KONDA hat untersucht, wie sich die türkische Gesellschaft in den letzten 10 Jahren verändert hat. Die Studie untersucht dabei viele Bereiche des Lebens der türkischen Gesellschaft: Wie glücklich sind die Menschen in der Türkei? Wie viele Menschen lesen regelmäßig Zeitung? Wie viele Leben in Etagenwohnungen? Das sind nur einige von vielen Fragen, die in der Studie untersucht wurden. 
 

 
KONDA gehört zu den renommiertesten Umfrageinstituten der Türkei. Die Umfrage zu gesellschaftlichen Fragen in der Türkei hat KONDA anhand von 5793 Interviews durchgeführt. 

Obwohl die Studie Ergebnisse zu sehr vielen Fragen liefert, sticht eine Frage besonders hervor. Das mag an der Brisanz der Thematik sowie an dem überraschenden Ergebnis liegen. Bei dieser Frage geht es darum, wie viele Menschen sich in der Türkei sich noch als gläubig bezeichnen. Während noch vor 10 Jahren 55 Prozent der Menschen sich als gläubig bezeichneten, ist diese Zahl in der letzten Studie auf 51 Prozent zurückgegangen. Das überrascht vor allem angesichts der Wahlergebnisse der letzten Jahre, in denen die regierende AKP vor allem durch Wahlkampf mit religiösen Inhalten punkten konnte. Auch die Zahl jener, die sich als „Atheisten“ bezeichnen, ist von ein auf drei Prozent angestiegen. Zudem sei die Zahl derjenigen, die aus religiösen Gründen für einen Monat lang auf Essen und Trinken verzichten, von 77% auf 65 Prozent zurückgegangen. 
 

„Glaubensgrundsätze des Islam werden nicht gelebt“

Der Theologe Cemil Kiliç hat eine Erklärung dafür. In einem Interview mit der Türkischen Redaktion der Deutschen Welle (DW Türkçe) sagte Kilic, dass theoretisch 99 Prozent der türkischen Bevölkerung aus Muslimen besteht. Allerdings handle es sich dabei um ein kulturelles sowie soziologisches Muslim-Sein. Man definiere Muslime in der Türkei lediglich über die Ausrichtung von Gebeten, die Pilgerfahrt oder durch das Tragen des Kopftuchs. Doch Kilic glaubt, dass Islam vielmehr ist als nur diese geläufigen Praktiken: „Eigentlich muss auch über ethische sowie menschenrechtliche Werte eine Definition über die Religiosität aufgestellt werden.“ Und bei Einbezug dieser Werte zieht Kilic die Zahl der Muslime in der Türkei runter: „Nach meinen Beobachtungen ist die Zahl der Muslime nach den Glaubensgrundsätzen nicht über 60 Prozent.“

„Koran wird von Atheisten mehr befolgt als von Muslimen“

Kilic glaubt auch, dass in der Türkei ein umayyadischer Islam herrscht: „Die Ausrichtung des Gebets, die wir im Koran finden, ist eine Aufruhr gegen die Ungerechtigkeit. Beim umayyadischen Islam wird das Gebet als ein Gehorsam gegenüber dem Sultan, dem Staat, der Regierung angesehen.“ Laut Kilic werden die Aussagen des Koran eher von Atheisten und Deisten angewandt als von Muslimen.