Die beiden Angeklagten Ebrahim H. B. (26, 2.v.l.) und Ayoub B. (27, r, verdeckt von einem Aktenordner) sitzen zu Beginn der Verhandlung am 03.08.2015 in einem mit Sicherheitsglas abgetrennten Raum im Gerichtssaal des Oberlandesgerichts in Celle (Niedersachsen). Die zwei IS-R¸ckkehrer stehen vor Gericht, weil sie laut Anklage Ende Mai 2014 ¸ber die T¸rkei nach Syrien reisten und sich dort der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) anschlossen.
Vor dem Oberlandesgericht Celle müssen sich derzeit zwei Männer verantworten, die sich in Syrien dem IS angeschlossen haben. Offenbar radikalisierte ein IS-Prediger die Männer aus Wolfsburg. Es entstand ein regelrechter Sog, sagt ein Rückkehrer vor Gericht.

Gewalt ist ein wichtiger Bestandteil vieler Propaganda-Videos des Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) – aber nicht der einzige. In zahlreichen Propagandavideos des IS wird das Leben unter der Herrschaft des Pseudo-Staates angepriesen. Viele der qualitativ meist hochwertigen Bilder und Videoaufnahmen zeigen wahlweise die Ernte in den verschiedenen vom IS ausgerufenen Provinzen, Märkte voller bunter Früchte und Gemüse, Schulunterricht, Instandsetzungsarbeiten an Brücken, Straßen und Moscheen. Die verschiedenen IS-Propaganda Abteilungen setzen alles daran, das Leben in ihrem Herrschaftsbereich als harmonisch und gerecht darzustellen. Mögliche Sympathisanten sollen so davon überzeugt werden, sich dem IS anzuschließen. In deutschsprachigen IS-Videos ist oftmals beschönigend „vom Boden der Ehre“ die Rede. Der mit viel Aufwand erzeugte Schein trügt jedoch nicht über die brutale Realität im IS-Herrschaftsgebiet hinweg, die geprägt ist von Bestrafung, Hinrichtung und Angst. Einmal auf dem „Boden der Ehre“ angekommen, werden verblendete IS-Rekruten aus Europa von dieser Realität schnell eingeholt. Dann ist es jedoch meist bereits zu spät. Wie wichtig die Verblendung für die Anwerbung neuer IS-Freiwilliger ist, zeigt derzeit ein Fall aus Wolfsburg.

Fast drei Stunden lang sagt der wegen Terrorverdachts angeklagte IS-Rückkehrer Ayoub B. vor dem Oberlandesgericht Celle aus. Detailreich gibt der 27-jährige Deutsch-Tunesier am Dienstag Einblick, wie Dutzende junge Wolfsburger in die Fänge des Islamischen Staates gerieten. Nur auf die Frage, ob er sich auch wegen seiner Verlobten Gedanken gemacht habe, bleibt er eine Antwort schuldig.

Eltern und der Moscheevorstand warnten demnach vergeblich vor der Gefahr. Immer mehr radikalisierte Muslime – später nannte man sie die Wolfsburger Zelle – brachen nach Syrien auf. Ayoub B. und der Mitangeklagte Ebrahim H. B. (26) kamen zurück nach Niedersachsen, viele andere sind tot.

Ein charismatischer Prediger, „der wissende Bruder“, habe die Gruppe radikalisierter Muslime in seinen Bann gezogen, erzählt Ayoub B. Weil sie mit ihrem radikalen Gerede in der tunesischen Moschee rausflogen, trafen sie sich in der türkischen Moschee, wo niemand sie verstand. Sein Vater sei gegen die Salafisten gewesen. Er habe von Terroristen gesprochen und ihn gewarnt, dass er in Syrien sterben werde, sagt der 27-Jährige. Aber der Prediger habe ihm versichert, dass die alten Leute nichts vom Islam verstünden. Allerdings sei Einigen bekannt gewesen, dass der Prediger zunächst wohl eine Al Kaida nahestehende Terrorgruppe unterstützte.

Ausreise vor den Eltern geheim gehalten 

„Das ist der wahre Islam, alle kommen rüber gerade, das ist ein neues Land“, habe der Prediger gesagt und euphorisch für eine Reise in das IS-Gebiet geworben. „Der geht, der geht, der vielleicht, da wollte ich auch mit“, beschreibt der Angeklagte den Sog, der unter den jungen Muslimen im Laufe des vergangenen Jahres entstand.

Manche redeten von humanitärer Hilfe, andere vom„Heiligen Krieg“, auf jeden Fall wussten die Männer, dass die Polizei sie im Visier hatte, meint Ayoub. Auch weil klar war, dass viele Eltern sich damals bereits um ihre radikalisierten Kinder sorgten, fädelten sie die Ausreise im Geheimen ein. „Du wirst die Lichter der Türkei sehen, Du kannst jederzeit zurück“, sei ihm vorgegaukelt worden, sagt Ayoub, dem es nach eigenen Worten nur um das Studium des Islams ging.

Wie ein Terrorist sieht der schmächtige Ayoub mit seinem schwarzen Lockenkopf eigentlich nicht aus. Differenziert kann er seinen Weg vom Jugendlichen mit Schul- und Drogenproblemen bis hin aufs Schlachtfeld im Irak und zurück in die deutsche Haft beschreiben. Immer wieder muss er lachen und bringt auch Gericht und Zuhörer mit mancher Schilderung zum Schmunzeln. Voller Widersprüche ist auch, was er zu seinem Leben sagt. „Aladin-Hosen trage ich nicht, ich habe Designer-Klamotten“, begründet er seine Ablehnung der für Salafisten typischen Hosen. „Wieso ist ein Auto auf Kredit haram (aus muslimischer Sicht tabu), wie soll ich mir sonst einen Audi leisten?“

IS veröffentlicht Video auf Deutsch – mit deutschen Kämpfern

Anders als sein Mitangeklagter habe er nicht von vier Frauen gleichzeitig und einem tollen Auto in Syrien geträumt. Mit seinem Gehalt und Job bei Volkswagen hätte er sich daheim gleich zwei Geländewagen leasen können. Und auch bei seiner Reise zu seiner Verlobten gab er sich eher weltlich: Den Islamistenbart rasierte er sich ab und beschaffte sich ein Cabriolet – „weiß, schwarze Sitze, Leder“, wie er dem Richter erläutert.

Die Zahl der aus Deutschland stammenden IS-Rekruten beträgtnach Angaben des Bundesamtes für Verfassungsschutz bislang rund 720 Personen. Das auch deutsche Kämpfer an den Gräueltaten des IS beteiligt sind, zeigt ein jüngst veröffentlichtes Video, das erstmals ausschließlich auf Deutsch ist. Das fünfminütige Video zeigt mehrere Dschihadisten aus Deutschland und Österreich, darunter auch der aus Österreich stammende Mohammed Mahmoud. Unter anderem ist die Ermordung zweier Geiseln in der syrischen Stadt Palmyra zu sehen. Die deutschen IS-Kämpfer rufen außerdem Unterstützer dazu auf, auch in Deutschland und Österreich Anschläge zu verüben. (dpa/dtj)