Archiv: Fatih Zingal, Alternative für Migranten, macht Wahlkampf für den türkischen Präsidenten Erdoğan und die Einführung des Präsidialsystems in der Türkei.

In unserer Mini-Reihe widmen wir uns den türkischen Kleinstparteien in Deutschland. Heute geht es um die politische Eintagsfliege „Alternative für Migranten“.

Wer heute in seinen Web-Browser www.alternative-fuer-migranten.de eingibt, landet im digitalen Nirgendwo. Dabei sollte diese Webseite zu einer neuen Partei führen, die „die Stimme der Unvertretenen“, „die Stimme der Stillen“ sein wollte. Der auf Facebook stolze 130.000 Follower starke Rechtsanwalt und bekennende AKP-Verteidiger Fatih Zingal erlöste im Januar 2019 die gesamte türkische Community in Deutschland von der bedrückenden Führungslosigkeit und rief seine eigene Partei aus. Wie einst die „Allianz Deutscher Demokraten“, so scheint es, wollte auch Zingal mit der Ähnlichkeit zur „Alternative für Deutschland“ Aufmerksamkeit generieren.

Alternative für Migranten als Kampfansage?

So taufte Zingal seine politische Lanze als die „Alternative für Migranten“. Der Name sei kein Zufall, sondern eine Kampfansage, schrieb er auf Facebook. Damit wollte Zingal vermutlich einem Aufruf des türkischen Staatsoberhauptes Folge leisten. Denn der AKP-Vorsitzende Recep Tayyip Erdoğan träumt bekanntlich schon länger davon, endlich einen „wahren Türkei-Freund“ im europäische Parlament sitzen zu sehen. Eine Kandidatur für die bereits seit vielen Jahren existierende BIG Partei oder für die AD-Demokraten war offenbar keine Option für den Solinger Deutsch-Türken.

Zingal, der seriöse Erdoğan-Verteidiger?

Der Parteivorsitzende der AD-D ist Ramazan Akbaş, der in dieser Mini-Reihe bereits Thema war. Der für seine menschenverachtenden Äußerungen bekannte Akbaş ist, ähnlich wie Zingal, ein deutscher Volljurist. Zwar eint die beiden nicht nur der berufliche Abschluss, sondern auch ihre sattelfeste Positionierung hinter dem türkischen Präsidenten Erdoğan. Beide setzten sich in Talkshows bereits oft genug für ihren Reis (zu Deutsch: Führer; ein gängiger Beiname für den türkischen Präsidenten) ein, rechtfertigen als deutsche Juristen dessen aus europäischer Perspektive vielfach kritisierte Haltung in Sachen Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte. Doch ansonsten haben Akbaş und Zingal kaum etwas gemeinsam.

Zingal setzt sich gern in Szene

Der diskussionsfreudige Zingal ist, trotz seiner politischen Positionierung, eher eine gemäßigte Person. Seine Bemühungen, einen intellektuellen Politiker abzugeben, der mit Begriffen wie „konstatieren“, „grassierenden Rassismus“ usw. mühelos umgeht, machen ihn in den Augen seiner Community zu einem, der es besser wissen muss. Wenngleich nicht alle seine Follower alles sofort verstehen, wenn er sich in seinem „Hochdeutsch“ zu Themen äußert. Deshalb versieht der fürsorgliche Zingal seine Postings auch mit einer türkischen Übersetzung. Gekennzeichnet durch das Emoji „Türkeifahne“. So war es auch im Jahr 2017 bei seinem Auftritt in „hart aber fair“ im ARD, als auch der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière zu den Gästen zählte. Dieser Beitrag ist in seiner Timeline fixiert. Vermutlich weil es bis heute sein relevantester Auftritt im Öffentlich-rechtlichen Fernsehen gewesen ist.

Rückkehr zur UID

So gut sich Zingal in Talkshows womöglich schlägt, so kläglich ist er mit der eigenen Partei gescheitert. Mit seiner Alternative für Migranten wollte er ursprünglich an den Europawahlen teilnehmen. Doch seine mehr als 100.000 Follower auf Facebook haben summa summarum nicht genug Unterstützer-Zettel eingereicht, sodass der AKP-Lobbyist erst gar nicht bei den Wahlen antreten konnte.

Nach der blamablen Schlappe war lange Zeit politisch kaum noch etwas von Zingal zu hören. Wie die Webseite verdeutlicht, ist die Alternative für Migranten auf dem Parteien-Friedhof gelandet. Als der Solinger Anfang 2019 davon sprach, die Stimme der Stillen werden zu wollen, hat er wohl selbst kaum gedacht, dass seine Unterstützer dies wörtlich nehmen würden. Indes ist er in diesem Jahr zu seiner alten Liebe, der Union Internationaler Demokraten (zuvor UETD) zurückgekehrt. Bei den Wahlen am 24. Januar wurde Zingal in den Vorstand der UID gewählt.