Fotos aus der Putschnacht
Archiv-Foto: Sedat Suna/EPA/dpa
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In einer Kolumne beschreibt der Autor Fakih Kaptan, wie aus einem einstigen Helden des Putschversuches vom 15. Juli 2016 ein Verräter wurde und was dieser Fall, in Verbindung zu ähnlichen Vorfällen seit dem versuchten Staatsstreich, über die Hintergründe preisgibt. „Wer hat den Putsch verhindert?“ ist die Frage des Autors, die eine weitere Frage mit sich bringt: „Wer hat den Putsch gemacht?“

von Fakih Kaptan

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Ein kalter Tag in Ankara, Dezember 2017. Das Jahr neigt sich dem Ende zu, Silvester steht vor der Tür…

Seit dem Putschversuch vom 15. Juli sind nunmehr als 1,5 Jahre vergangen…

Für die Polizeidirektion der Hauptstadt Ankara ein eigentlich gewöhnlicher Tag. Alles scheint seinen routinierten Ablauf zu nehmen. In den Fluren der Behörde sitzen Verdächtige des Putschversuches in Handschellen; Lehrer, Hausfrauen, junge Mütter, die erst kürzlich entbunden haben. Sie alle werden für den Moment verdächtigt die Regierung gestürzt haben zu wollen.

Ja, alles schien seinen gewohnten Ablauf zu nehmen, bis eine ganz bestimmte Person auftauchte.

Ein Offizier.

Er hat keine Handschellen und wenn er geht, machen ihm die anderen im Korridor der Behörde Platz…

Denn er ist kein irgendwer. Er ist ein Held. Hauptmann Burak Akin. [Hauptmann Burak Akin hat Putschversuch verhindert und wurde mit einer Medaille ausgezeichnet]

Hauptmann Burak ist ein „wahrhaftiger“ Held. Er gehörte nicht zu denen, die nach dem Putschversuch, anlehnend auf unwahre Behauptungen, sich als Held verkaufen wollten. Nach dem Putschversuch tauchten Storys von vermeintlichen Helden auf, beispielsweise die Story eines Offiziers, der behauptete, dass beim Widerstand gegen die Putschisten seine Nase gebrochen wurde. Später stellte sich heraus, dass er eigentlich von seinem Cousin verprügelt wurde. Daher die gebrochene Nase.

Aber Hauptmann Burak war ein echter Held. Kameraaufnahmen von der Putschnacht belegen, dass er gegen die Putschisten Gefechte geführt hat.

Deshalb wurde er zurecht von allen respektiert. Seine Worte hatten Gewicht.

Die Regierung zeichnete ihn mit einer Medaille aus. Weil er den Putsch verhindert hat…

Nach dieser Nacht wurde er befördert und übernahm eine große Verantwortung. Der, zur größten Zielscheibe der Gülenisten aufgezählte Yaşar Güler, Kommandeur der türkischen Bodenstreitkräfte, wurde durch Hauptmann Burak Akin und dessen Team geschützt. Ein Auftrag, den man in der heutigen Türkei nicht einfach so an Personen vergibt, bevor man sich über ihre Loyalität ganz sicher ist.

Wegen dieser Position konnte der Hauptmann überall hin, jeden zu jedem Zeitpunkt erreichen, ohne an Terminvereinbarungen gebunden zu sein.

Hauptmann Burak Akin – Er ist eine Art Referenz für Staatstreue geworden

Der persönliche Besuch vom Hauptmann ist für viele wie eine Bescherung, denn dadurch konnten sie sich davor schützen, irgendwann aus irgendeinem Grund als ein Gülenist abgestempelt zu werden. Er ist eine Art Referenz für Staatstreue geworden. Denn in der gegenwärtigen Türkei reicht es schon aus, als Gülenist abgestempelt und verhaftet zu werden, wenn man in geschäftlichen Belangen aus Versehen einem Freund eines Regierungsvertreters auf den Schlips tritt.

Deshalb war Hauptmann Burak überall gleich willkommen. Sein persönlicher Besuch – ein Segen.

Ende Dezember ist der Offizier zum Büro des Polizeidirektors der Hauptstadt gekommen. Er hatte keinen Termin, er brauchte ja auch keinen. Er klopfte an, trat herein…

Der Direktor war über den Besuch glücklich, war davor gerettet zu irgendeinem Zeitpunkt als Gülenist abgestempelt zu werden. Wer weiß, vielleicht hätte er auch gerne ein Selfie mit ihm geschossen um damit in den sozialen Netzen zu prahlen…

Aber anders als sonst, war der Held an diesem Tag sehr zurückhaltend…

Der Polizeidirektor hat gefragt, was er ihm anbieten könne…

„Nichts“, erwiderte der Hauptmann und hielt einen Augenblick inne…

Der Direktor hat einige Sätze darüber verloren, wie überaus glücklich er über seinen Besuch sei und dass er in den Augen der Bevölkerung ein Held ist…

Doch die Blicke des Soldaten waren betrübt…

Dann hat er diesen entscheidenden Satz von sich gegeben…

„Ich bin für ein Coming Out hergekommen; ich bin ein Gülenist“

Der Polizeidirektor war schockiert, er konnte es kaum fassen und verneinte: „Nein, das kann nicht sein. Du kannst kein Gülenist sein, du hast doch den Putsch verhindert…“

Der Direktor war panisch, wusste nicht, was er machen sollte. Er fragte, ob es sich dabei um einen schlechten Scherz handele…

„Nein, ich gebe zu, dass ich ein Gülenist bin“.

Was tun? Es war ein Alptraum. Er hat seinen Vorgesetzten angerufen und Politiker. Sämtliche Paradigmen stürzten in sich ein. Wie sollte man den Nationalen Chef Recep Tayyip Erdogan über die Misere informieren? Was passiert, wenn er davon hört?

Schließlich hat er es gehört.

Ziemlich cool hat er befohlen: „Vorerst soll niemand davon hören. Später werden wir es mit einer angemessenen Geschichte über unsere Medien verkaufen. Wir sollten die Kontrolle nicht verlieren“. Staatspräsident Erdogan schien sehr abgebrüht. Dass ein Gülenist den Putsch verhinderte hatte ihn offensichtlich nicht erschüttert. Denn auch der Pilot Barış Yurtseven, der Erdogan in der Putschnacht nach Istanbul geflogen hatte, wurde anschließend gefeuert, weil er ein Gülenist sei. Auch das hatte ihn nicht verwundert. Dann wurden die Sicherheitsleute wegen Gülen-nähe verhaftet, die in der Putschnacht als Leibwächter von Erdogan im Einsatz waren. Auch darüber hatte er sich nicht gewundert. [Die Aussagen des Präsidenten des Strafgerichts von Mugla, Emirşah Baştoğ] Ebenso wurden fünf Kampfjet-Piloten wegen Zugehörigkeit zur Gülen-Bewegung verhaftet, die die Pisten unter Beschoss nahmen, die Putschisten-Flieger zum Starten nutzten. Also war es für den Staatspräsidenten Erdogan nicht verwunderlich, dass ein Gülenist den Putsch verhinderte.

Die regierungsnahen Medien und Politiker sind immer noch nicht über diese Sache hinweg. Der Schock sitzt tief. Nahezu täglich kamen Informationen ans Tageslicht, die sagen, dass Gülenisten den Putsch in Wahrheit verhinderten. Die Nummer zwei hinter dem Putschversuch ist der Bruder* von Saban Disli, dem gegenwärtig zweitwichtigsten Mann in der AKP und Berater Erdogans. Des weiteren waren die Aussagen der Regierungsvertreter in jener Nacht durchaus widersprüchlich, ihre Aussagen im Nachhinein ebenso…

Täglich wurden die Zweifel über die Urheber des Putschversuchs lauter. Jetzt auch noch Hauptmann Burak Akin. Es wurde entschieden, dass die ständige Verschwörungstheorie aufgerollt, der Held als „Krypto-Verräter“ affichiert werden sollte. Der Medienbeauftragte des nationalen Chefs wurde gab dies sämtlichen Medien durch, die allesamt Folge leisteten.

Selbst wenn Tatsachen verdreht werden  und die Bevölkerung manipuliert wird, ist mittlerweile glasklar, wer den Putsch verhindert hat.

Nun sollte man schreiben, wer den Putsch gemacht hat.

*Saban Disli ist Berater von Recep Tayyip Erdogan und stellvertretender Vorsitzender der Partei AKP. Sein Bruder Mehmet Disli wird im Bezug auf den Putschversuch als die Nummer 2 in der Befehlskette verurteilt.

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