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Gesellschaft

„Der türkische Staat und Gesellschaft haben Gülens Lebenswerk zerstört“

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Im zweiten Teil des Interviews mit Arhan Kardaş geht es um die Auswirkungen dieser staatlicher und systematischer  Verfolgung durch den türkischen Staat auf Fethullah Gülen und auf die Hizmet-Bewegung. Im zweiten Teil des Interviews mit Arhan Kardaş geht es um die Auswirkungen dieser staatlicher und systematischer  Verfolgung durch den türkischen Staat auf Fethullah Gülen und auf die Hizmet-Bewegung. 

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Arhan Kardas
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Schon zwei Jahre sind nach dem Putschversuch vergangen und immer noch sind viele Fragen offen. Binali Yildirim, der mit der offiziellen Einführung des Präsidialsystems am Montag sein Amt als Ministerpräsident verloren hat, spricht von einem „schlechten Projekt“  an der er Mitgewirkt habe. Auch, wenn von der Regierung solche Eingeständnisse zu hören sind, hat das Erdogan-Regime als Hauptschuldigen für den Putschversuch den im US-Exil lebende muslimische Gelehrten Fethullah Gülen erklärt. Bislang fehlen dafür allerdings jegliche Beweise.
Auch wenn die Beweise fehlen, werden Angehörige der Hizmet-Bewegung über die Grenzen der Türkei hinaus verfolgt. In ihrem Gründungsland ist die Bewegung mittlerweile verboten. Erdogan selbst spricht von einer Hexenjagd, bei der alle rechtstaatlichen Prinizipien ausser Acht gelassen werden. 
Im zweiten Teil des Interviews mit dem Gülen-Experten Arhan Kardaş geht es um die Auswirkungen dieser staatlichen und systematischen Verfolgung durch den türkischen Staat auf Fethullah Gülen und auf die Hizmet-Bewegung. Um den ersten Teil des Interviews zu lesen, klicken Sie hier!

 

DTJ-Online: Wie hat sich die Verfolgung des türkischen Staats auf Gülen und die Bewegung ausgewirkt?

Arhan Kardaş: In der Türkei ist die Bewegung verboten, die Angehörigen werden verfolgt und verhaftet. Alle Einrichtungen mit Hizmet-Nähe, angefangen von Vereinen bis hin zu Unternehmen, sind entweder geschlossen oder zwangsenteignet worden. Jeder der es kann, verlässt das Land und findet oft als politischer Flüchtling Zuflucht; auch in Deutschland. Gülen selbst ist in der türkischen Öffentlichkeit von einem anerkannten Intellektuellen und muslimischen Gelehrten zum Staatsfeind Nummer Eins degradiert worden.

Wenn man sich jedoch die Geschichte des zivilen Islam anschaut, zu dem ich die Hizmet-Bewegung zähle, dann ist die Verfolgung durch den türkischen Staat kein neues Phänomen. Bereits in den 1920er Jahren wurden religiöse Orden verboten und viele muslimische Gelehrte und Intellektuelle entweder hingerichtet, oder wie im Falle des kurdisch-muslimischen Gelehrten Bediuzzaman Said Nursi verbannt, verhaftet und in Einzelhaft gesteckt.

Wiederholt sich die Geschichte?

Nein, nicht ganz. Das neue an der jetzigen Verfolgung ist die Intensität und die verantwortlichen Akteure des Unrechts.

Das heißt?

In den Gründungsjahren der Republik waren es säkulare Kemalisten, die den praktizierenden Muslimen das Existenzrecht abgesprochen haben und den Islam als ein Hindernis zur Modernisierung der noch jungen Türkei sahen. Sie haben mit Diyanet eine staatliche Religionsbehörde im politischen System etabliert. Dessen Aufgabe war und ist es immer noch, den sunnitischen Islam als Legitimationsquelle für das politische Regime zu instrumentalisieren. Das ist der Staatsislam.

Wenn man die heutige Türkei mit der jungen Republik von vor 80 Jahren  vergleicht, was ist da hinsichtlich der Verfolgung der eigenen Bürger anders?

Die Hizmet-Aktivisten erleben heute einen Schock, weil sie von einer nicht-kemalistischen Partei verfolgt werden. Dessen Sympathisanten, angefangen vom Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan bis hin zu den AKP-Wählern, sehen den Islam als Bezugspunkt für ihr Politikverständnis. Sie begründen die Verfolgung der Hizmet-Bewegung mit dem Islam. Gläubige, praktizierende Muslime werden im Namen des Islam eingesperrt, gefoltert und verbannt. Der politische und der Staatsislam handeln vereint gegen den zivilen Islam.

Wenn wir noch mal zurück zur von Ihnen angesprochenen Intensität gehen…

Erdogan führt eine – wie er es selbst nennt – Hexenjagd gegen die Hizmet-Bewegung durch. Und das tut er nicht nur in der Türkei, sondern auf der ganzen Welt. Erst im vergangenen März wurden fünf Lehrer und ein Arzt vom türkischen Geheimdienst MIT durch eine Operation aus dem Kosovo entführt. Das hat es in der türkischen Geschichte so noch nicht gegeben.

Wie sieht die bleibende historische Dimension aus, auch wenn die Verfolgung eines Tages vorbei ist?

Wie stark sich das Islam-Verständnis der Hizmet-Bewegung von dem des politischen Islams unterscheidet. Ich beobachte eine nachhaltige Veränderung der Mitglieder der Bewegung und ihrer Arbeitsweise. Sie hinterfragen nicht nur die Rolle des Staates und ihr eigenes Verständnis von der Nation. Es geht viel tiefer. Auch die eigenen Grundwerte, wie Dialog und das Engagement für die Bildung, werden hinterfragt. Vor der Krise sahen sich die Hizmet-Angehörigen als Botschafter der anatolischen Kultur und glaubten, dass sie der Welt sehr viel zu geben hätten. Heute merken sie, dass sie eigentlich sehr viel von anderen Kulturen und Gesellschaften lernen können. Aus einer Türkei-zentrierten Bewegung wird zunehmend eine internationale Bewegung. Diese ist dabei, selbstkritisch die traumatischen Erlebnisse mit dem türkischen Staat und dessen Bevölkerungsmehrheit aufzuarbeiten. Es ist in der Bewegung selbst die Rede von Hizmet-Bewegungen, also im Plural.

Was ist damit genau gemeint?

Bediuzzaman Said Nursi [Anm. d. Red.: Islamgelehrter] hat vor dem Ersten Weltkrieg den Zustand der islamischen Welt mit dem folgenden Satz auf den Punkt gebracht: „Eine Rückkehr zu den alten Verhältnissen ist unmöglich. Entweder gelingt es, etwas Neues zu errichten oder es wartet der Untergang.“ Diese Analyse trifft heute ebenfalls auf die Hizmet-Bewegung zu.

Nachdem die Türkei-Zentrierung zusammengebrochen ist, stellt sich die Frage einer Neuausrichtung. In diesem Prozess gewinnen Regionalisierung und die Integration der jeweiligen Länder an Bedeutung. Zudem kommen durch die gute Bildungsarbeit der vergangenen Jahrzehnte neue Freiwillige aus anderen Kulturräumen hinzu und werden in Zukunft viel stärker das Gesicht des Hizmet prägen. Daher wird es wohl in einigen Jahren nicht mehr eine einzige in sich homogene Bewegung geben, sondern eine, die in sich pluralistisch ist. Bei diesem Prozess wird wohl der anatolische Humanismus, wie ihn in der Geschichte Yunus Emre oder Mevlana vorgelebt und geformt haben, eine wichtige Rolle spielen. Aber das starke türkische Element, das es bis zu der Krise gab, wird zwangsläufig schwächer ausfallen.

Wie geht Gülen selbst mit dieser schwierigen Situation um?

Nach weltlichen Kriterien bewertet, ist sein Lebenswerk durch seine eigene Gesellschaft und den Staat, dessen Bürger er ist, zerstört worden. Aber Gülen ist ein Mensch des Glaubens und findet darin seinen Trost. Nicht das Weltliche, sondern die Orientierung an das Jenseits ist bei ihm maßgebend. Er predigt sehr viel von Vergebung und Barmherzigkeit auch gegenüber den Menschen, die ihm und seinen Mitstreitern Unrecht antun. Oft verwendet er in diesen Tagen den Satz: „Jeder tut das, was sein Charakter ihm gebietet.“

Können Sie zum Schluss noch mal erläutern, was er damit ausdrücken möchte?

Vielleicht kann ich diese Frage mit einem Zitat von Hodschaefendi, der Lehrmeister, wie er von seinen Schülern genannt wird, beantworten: „Wenn heute diejenigen, die uns dieses ganze Unrecht antun, hierher zu mir kommen würden, würde ich ihnen mein Zimmer für ihre Übernachtung zur Verfügung stellen und selbst woanders übernachten. Ich kann nicht anders. So bin ich nun mal.“

Ich bedanke mich für das Gespräch.

Teil I des DTJ-Interviews mit Arhan Kardas finden Sie hier.