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Europas Gas-Ausstieg macht Ankara zum Schlüsselpartner

  • Februar 25, 2026
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Europas Gas-Ausstieg macht Ankara zum Schlüsselpartner

Die EU will russisches Gas bis spätestens Herbst 2027 aus dem Markt drängen – und braucht dafür neue Wege und neue Lieferanten. So gewinnt die Türkei an Gewicht: als Transitland, als wachsender LNG-Akteur und als potenzieller Knotenpunkt zwischen Förderregionen und Europa. Doch Ankara drängt auf einen unabhängigen Kurs – und die politische Zusammenarbeit ist längst nicht konfliktfrei.

Brüssel zieht die Reißleine – und plötzlich steht Ankara wieder im Scheinwerferlicht der europäischen Energiepolitik. Einem neuen Länderbericht der Konrad-Adenauer-Stiftung zufolge stimmten Ende Januar 24 von 27 EU-Staaten einem Importstopp für russisches Gas zu: Die Einfuhren sollen schrittweise sinken und spätestens zum 1. November 2027 enden.

Für Europa ist das ein strategischer Schritt, um die Abhängigkeit von russischer Energie endgültig zu überwinden – für die Türkei eröffnet es Chancen, bringt aber auch neue Zielkonflikte. Denn die Türkei ist in dieser Neuordnung mehr als nur ein Nachbar: Sie ist Transitkorridor zwischen Förderregionen und europäischen Abnehmern – und zugleich selbst stark auf Importe angewiesen.

Ankara pocht auf Eigenständigkeit

Laut dem Bericht betrifft der EU-Kurs Ankara auch deshalb, weil über türkisches Territorium weiterhin russisches Öl und Gas Richtung Europa fließen. Gleichzeitig macht die türkische Regierung deutlich, dass sie sich nicht automatisch an ein mögliches neues EU-Gasrecht anlehnen will – etwa bei zusätzlichen Vorgaben zur Herkunftszertifizierung – und sich auch nicht vollständig von russischen Lieferungen lösen möchte.

Türkei will Öl- und Gas-Produktion deutlich ausbauen – Erdoğan kündigt neue Energieoffensive an

 

Im Inneren treibt Ankara dennoch eine klare Linie voran: Energiesicherheit als Staatsräson. Der Bericht beschreibt, wie Präsident Recep Tayyip Erdoğan „nationale Energieunabhängigkeit“ zum politischen Ziel erhoben hat – auch als Reaktion auf den stark wachsenden Energiebedarf der vergangenen Jahrzehnte. Die Rechnung dahinter ist doppelt: weniger Verwundbarkeit bei Lieferausfällen und Preisschocks – und zugleich mehr ökonomischer Spielraum für Industrie, Handelsbilanz und Haushalte.

Türkei als Energie-„Hub“

Doch der Weg zur Unabhängigkeit ist steil. Die Türkei kann sich laut Bericht auf absehbare Zeit nicht selbst versorgen; fossile Energieträger dominieren weiterhin die Versorgung, was die Importabhängigkeit hoch hält. Um aus dieser Klammer herauszukommen, setzt Ankara auf mehrere Hebel: LNG-Terminals zur flexibleren Beschaffung, eine breitere Lieferantenbasis sowie die Stärkung eigener Quellen – von erneuerbaren Energien bis zu neuen Förder- und Speicherprojekten.

Gerade LNG verschafft der Türkei kurzfristig Flexibilität, weil sie weniger an einzelne Pipeline-Routen gebunden ist. Parallel wächst die politische Erzählung von der Türkei als Energiehändler: nicht nur Durchleitung, sondern Handel, Preisbildung und Einfluss. Der Bericht zeichnet diese „Hub“-Vision nach – und verweist zugleich auf Grenzen.

Energiepartnerschaft bei Erneuerbaren?

So wurden Pläne, in der Türkei einen großen Umschlagplatz für (auch) russisches Gas zu etablieren, demnach Mitte 2025 wieder ausgebremst, unter anderem wegen knapper Exportkapazitäten Richtung Europa und unterschiedlicher Vorstellungen bei der Vermarktung. Kurzfristig bleibt die Türkei für Europa dennoch relevant – schlicht, weil der Kontinent noch Zeit braucht, fossile Importe weiter zu ersetzen.

Die neue Unabhängigkeit: Wie die Türkei sich von Russland löst – und neu erfindet

Für Deutschland und die EU liegt der interessanteste Hebel laut Konrad-Adenauer-Stiftung weniger in einer neuen Gasabhängigkeit als in einer Energiepartnerschaft bei Erneuerbaren: Solar- und Windkraft bieten in der Türkei günstige Bedingungen, zudem entstehen Kooperationsfelder bei Technologie, Investitionen und perspektivisch grünem Wasserstoff. Allerdings gilt auch: Politisches Vertrauen ist die Voraussetzung, und genau daran hapert es seit Jahren.

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Stefan Kreitewolf