Wirtschaft & Arbeitswelt

Kann die Türkei den Exportrückgang stoppen?

  • April 29, 2026
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Kann die Türkei den Exportrückgang stoppen?

Der Iran-Krieg hat die strukturellen Schwächen der türkischen Handelsbilanz erneut offengelegt: Während die Exporte nachlassen, steigen die Importe weiter. Kann sich diese Entwicklung umkehren?

Die Sperrung der Straße von Hormus infolge des Iran-Krieges gefährdet den türkischen Handelsverkehr. Dies spiegelt sich bereits in den Zahlen für März wider, in denen sinkende Exporte einem Anstieg der Importe gegenüberstanden.

Globalisierung am Wendepunkt? Stillstand im Welthandel

Trotz des Kriegsendes bleiben die wirtschaftlichen Nachwirkungen bestehen. Der Ölpreis, der vor dem Konflikt noch bei 60 Dollar notierte, verdoppelte sich im März auf 120 Dollar. Erst die Friedensvereinbarungen zwischen den USA und dem Iran sowie zwischen dem Libanon und Israel ließen den Preis wieder auf unter 90 Dollar fallen.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges werden die betroffenen Staaten massiv belasten und den Inflationsdruck erhöhen. Gleichzeitig ist mit einem (mindestens vorübergehenden) Rückgang der Globalisierung und einer Verlangsamung des Welthandels zu rechnen.

Außenhandelsdefizit nähert sich 100 Milliarden Dollar

Die Türkei trifft die Krise inmitten hoher Inflation und struktureller Handelsprobleme. Im März sanken die Exporte im Jahresvergleich um 6,4 Prozent auf 21,9 Milliarden Dollar, während die Importe auf 33,2 Milliarden Dollar stiegen. Das monatliche Handelsdefizit wuchs damit um 56,6 Prozent auf 11,3 Milliarden Dollar an, womit sich das Defizit der letzten zwölf Monate der 100-Milliarden-Dollar-Marke nähert.

In neun direkt vom Krieg betroffenen Ländern (ohne Israel) brachen die türkischen Ausfuhren massiv ein. In jenem Monat sanken die Exporte in diese Region, die sonst ein hohes Handelsvolumen aufweist, im Schnitt um 40 Prozent – mit Spitzenwerten von bis zu 80 Prozent Rückgang in Katar und Bahrain. Der Internationale Währungsfonds hat seine Wachstumsprognose für die Türkei für das Jahr 2026 derweil von 4,2 auf 3,4 Prozent gesenkt. Als Hauptgründe gelten die direkten Folgen des Krieges, ein schwächeres Vorjahreswachstum sowie der massive Druck durch gestiegene Öl- und Erdgaspreise.

Laut Mustafa Gültepe, dem Präsidenten der Türkischen Exporteursvereinigung TİM, verzeichnete die Türkei durch steigende Energie- und Logistikkosten allein im ersten Monat einen Exportverlust von 815 Millionen Dollar in der betroffenen Region. Langfristig könnte die Türkei bei einem andauernden Konflikt jedoch durch ihre geografische Nähe profitieren und Aufträge aus Asien abwerben.

Europa bleibt wichtig, andere Märkte dürften aber verstärkt in den Fokus rücken

Das Ziel, die Exporte bis Ende 2026 auf 282 Milliarden Dollar zu steigern, ist durch den Iran-Krieg in Gefahr geraten. Um den Rückgang zu stoppen, will sich die Türkei weiterhin auf den europäischen Markt konzentrieren, aber auch durch intensivierte Handelsdiplomatie verstärkt in neue Märkte wie den Nahen Osten, die USA, Afrika und Lateinamerika expandieren.

Süleyman Sönmez, Präsident des Dachverbandes der türkischen Wirtschaft TÜRKONFED, warnt vor den dauerhaften Folgen des Konflikts. Jeder Anstieg des Ölpreises um 10 Dollar belaste das türkische Außenhandelsdefizit um bis zu 5 Milliarden Dollar. Er fordert sofortige Entlastungsmaßnahmen für Exporteure und mahnt eine schnelle Diversifizierung der Energiequellen an.

Gleichzeitig sieht Sönmez in der globalen Neuordnung der Lieferketten eine große Chance. Durch den Trend zur Beschaffung aus nahegelegenen und befreundeten Ländern dürfte die Rolle der Türkei als Schnittstelle zwischen Europa und Asien in den nächsten Jahren strategisch wieder massiv an Bedeutung gewinnen.

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