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Längerer Mutterschutz in der Türkei: Hilfe oder neue Hürde für Frauen?

  • April 28, 2026
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Längerer Mutterschutz in der Türkei: Hilfe oder neue Hürde für Frauen?

In der Türkei ist eine gesetzliche Neuregelung zum Mutterschaftsurlaub verabschiedet worden. Künftig erhalten Arbeitnehmerinnen und Beamtinnen insgesamt 24 Wochen bezahlten Urlaub rund um die Geburt. Doch ist gut gemeint auch gut gemacht?

Bisher lag die Dauer bei 16 Wochen: acht Wochen vor und acht nach der Entbindung. Nach der neuen Regelung bleiben die acht Wochen vor der Geburt bestehen, die Zeit nach der Geburt wird jedoch auf 16 Wochen verlängert. Auch der bezahlte Urlaub für Väter wird ausgeweitet. Männliche Arbeitnehmer erhalten künftig zehn statt bisher fünf Tage frei, wenn ihre Ehefrau ein Kind bekommt. Damit wird ihre Regelung an jene für Beamte angeglichen.

Die Regierung begründet das Gesetz damit, dass die ersten Monate nach der Geburt entscheidend für Pflege, Bindung und Entwicklung des Kindes seien. Zugleich steht die Reform im Zusammenhang mit der Familien- und Bevölkerungspolitik der Regierung und wird als Teil des ausgerufenen „Jahres der Familie“ gesehen.

Schwächt Neuregelung Stellung von Frauen im Berufsleben?

Doch die Debatte geht weit über die Frage hinaus, wie lange Mütter nach einer Geburt zu Hause bleiben können. Frauenorganisationen, Juristinnen und Arbeitsmarktexpertinnen warnen, dass die Reform ohne zusätzliche Maßnahmen die Stellung von Frauen im Berufsleben schwächen könnte.

Die feministische Anwältin Selin Nakıpoğlu sieht in der Verlängerung des Mutterschaftsurlaubs allein keinen ausreichenden Fortschritt. Formal wirke eine längere Freistellung wie ein sozialer Anspruch, praktisch könne sie aber dazu führen, dass Arbeitgeber Frauen im gebärfähigen Alter noch zurückhaltender einstellen. Je länger Frauen aus dem Beruf herausgenommen würden, desto schwieriger könne der Wiedereinstieg werden. Auch Einkommen, Beförderungen und Karrierechancen könnten darunter leiden.

Türkischer Arbeitsmarkt angespannt

Die Ausgangslage auf dem türkischen Arbeitsmarkt ist bereits angespannt. Nach Angaben des türkischen Statistikamts TÜİK liegt die Erwerbsbeteiligung von Frauen bei 36,8 Prozent, während sie bei Männern 72 Prozent erreicht. Besonders stark sinkt die Beschäftigung bei Frauen zwischen 25 und 49 Jahren, wenn im Haushalt ein Kind unter drei Jahren lebt: Dann liegt die Beschäftigungsquote nur noch bei 26,9 Prozent.

Hinzu kommt, dass Frauen deutlich häufiger in unsicheren oder schlechter bezahlten Arbeitsverhältnissen arbeiten. Rund 18 Prozent der beschäftigten Frauen arbeiten in Teilzeit. In der Landwirtschaft liegt der Anteil informeller Beschäftigung bei Frauen bei über 90 Prozent. Auch bei den Einkommen bleibt eine Lücke: Hochschulabsolventinnen verdienen im Durchschnitt 17,4 Prozent weniger als Männer mit vergleichbarer Ausbildung.

Kinderbetreuung und Care-Arbeit in erster Linie Frauensache

Ein zentraler Grund für die geringe Erwerbsbeteiligung von Frauen ist die ungleiche Verteilung unbezahlter Sorgearbeit. Laut TÜİK nennen viele Frauen Hausarbeit als Grund dafür, nicht am Arbeitsmarkt teilzunehmen. Frauen verbringen im Durchschnitt täglich 4 Stunden und 35 Minuten mit Haus- und Familienarbeit, Männer nur 53 Minuten. Auch die Kinderbetreuung liegt fast vollständig bei Frauen: Ihr Anteil wird mit 94,4 Prozent angegeben, der der Männer mit nur 2,3 Prozent.

Expertinnen sehen darin ein strukturelles Problem. Sorgearbeit werde in der Türkei noch immer überwiegend als private Aufgabe innerhalb der Familie behandelt — und dort vor allem Frauen zugeschrieben. Staatliche Betreuungsangebote, Krippen, Kindertagesstätten und flexible Arbeitsmodelle seien nicht ausreichend ausgebaut.

Werden bestehende Ungleichheiten vertieft?

Auch im Bereich der frühkindlichen Bildung zeigen sich Rückschritte. Nach Auswertungen der Bildungsreforminitiative auf Grundlage von Daten des Bildungsministeriums ist die Zahl der Kinder in der Vorschulbildung zuletzt gesunken. Im Schuljahr 2023/24 waren rund 1,95 Millionen Kinder in der Vorschulbildung, 2024/25 nur noch rund 1,74 Millionen. Auch die Einschulungsquoten im Vorschulbereich gingen zurück.

Kritik kommt auch aus der Opposition. Gamze Taşcıer, Vorsitzende des CHP-Ausschusses für Arbeits- und Sozialpolitik, warnte bereits vor der Verabschiedung des Gesetzes, die Reform könne bestehende Ungleichheiten vertiefen. Solange Frauen ohnehin nur eingeschränkt am Arbeitsmarkt teilnähmen, reiche eine Verlängerung des Mutterschaftsurlaubs nicht aus. Entscheidend seien Fragen wie Arbeitsplatzsicherheit, Einkommensschutz und der Ausbau öffentlicher Betreuungsangebote.

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Stefan Kreitewolf