Politik

Zwischen Waffenruhe und Misstrauen: Warum ein Frieden mit der PKK den Nahen Osten verändern könnte

  • Januar 27, 2026
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Zwischen Waffenruhe und Misstrauen: Warum ein Frieden mit der PKK den Nahen Osten verändern könnte

Abgelegen, schwer zugänglich, militärisch umkämpft: In den Kandil-Bergen im Nordirak entscheidet sich möglicherweise die Zukunft eines der längsten Konflikte des Nahen Ostens. Ein Reporter der WELT war vor Ort – in einem Moment, in dem alte Feindbilder ins Wanken geraten.

Es sind Orte wie dieser, an denen Kriege enden – oder neu beginnen. Hoch oben in den Kandil-Bergen, wo schmale Pisten durch zerklüftetes Gelände führen und Militärdrohnen regelmäßig den Himmel kreuzen, hält sich seit Jahrzehnten die PKK verschanzt. Von hier aus führte sie ihren bewaffneten Kampf gegen den türkischen Staat. Nun, mehr als 40 Jahre nach Beginn des Konflikts, steht erstmals wieder die Möglichkeit eines dauerhaften Friedens im Raum.

Dass ein Reporter der „Welt“ Zugang zu diesem Gebiet erhielt, ist ungewöhnlich. Die Autonome Region Kurdistan im Nordirak erlaubt internationalen Journalisten nur eingeschränktes Reisen in die Kandil-Region. Zu groß ist die Sorge vor türkischen Luftangriffen, zu sensibel sind die politischen Verwerfungen. Doch gerade hier zeigt sich, wie ernst es der PKK mit dem neuen Friedensprozess ist – und wie groß zugleich das Misstrauen gegenüber Ankara bleibt.

Ein Konflikt, der nie lokal war

Der bewaffnete Kampf der PKK gegen die Türkei hat den Nahen Osten über Jahrzehnte mitgeprägt. Zehntausende Tote, zerstörte Dörfer, Millionen Vertriebene – die Bilanz ist verheerend. Bis heute gilt die PKK in der Türkei, der EU und den USA als Terrororganisation. Dennoch laufen seit Anfang 2025 erneut Gespräche, die den Konflikt endgültig beenden sollen.

Auslöser war ein überraschender Appell von Abdullah Öcalan. Der seit 1999 inhaftierte PKK-Gründer forderte öffentlich die Auflösung der Organisation und den Verzicht auf Gewalt. Die Führung folgte – zumindest formal. Waffen wurden, wenn auch eher symbolisch, verbrannt, einzelne Einheiten aus Grenzregionen abgezogen, Stellungen geräumt. Schritte, die vor allem eines zeigen sollten: den politischen Willen zur Deeskalation.

In den Kandil-Bergen wird darüber diskutiert, was Frieden konkret bedeuten könnte. Viele der dort lebenden Kurden stammen aus der Türkei. Sie hoffen auf eine Rückkehr in ihre Herkunftsregionen – ein Wunsch, der bisher an drohenden Haftbefehlen und Sicherheitsgesetzen scheiterte.

Vorsicht statt Euphorie

Doch Euphorie ist in den Bergen nicht zu spüren. Zu präsent ist die Erinnerung an den gescheiterten Friedensprozess von 2013 bis 2015. Damals standen Ankara und die PKK kurz vor einer Einigung, ehe die Gespräche abrupt abgebrochen wurden und türkische Kampfjets erneut Stellungen bombardierten.

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„Wir reden über den Friedensprozess, ja“, sagt die PKK-Kommandeurin Haval Jian dem Reporter. Mehr will sie nicht sagen. Öffentliche Aussagen gelten als Risiko – nicht zuletzt, weil sich die politische Lage jederzeit drehen kann. Dieses Misstrauen wird durch Entwicklungen außerhalb der Türkei verstärkt. Vor allem Syrien ist zum entscheidenden Unsicherheitsfaktor geworden.

Syrien: Der eigentliche Prüfstein

Im Nordosten Syriens kontrollieren kurdische Kräfte, darunter PKK-nahe Strukturen, gemeinsam mit den Demokratischen Kräften Syriens (SDF) ein großes Gebiet. Die Türkei betrachtet diese Einheiten als direkte Bedrohung und hat in den vergangenen Jahren mehrfach militärisch interveniert.

Ein Friedensabkommen zwischen Ankara und der PKK hätte daher unmittelbare Auswirkungen auf Syrien. Doch genau dort spitzt sich die Lage in diesen Wochen erneut zu. Entlang des Euphrats kommt es zu Gefechten zwischen syrischen Regierungstruppen und den SDF. Kurdische Wohnviertel wurden zuletzt beschossen, Truppenbewegungen deuten auf eine mögliche Eskalation hin.

Besonders brisant: Die Türkei ist ein zentraler Unterstützer der neuen islamistischen Übergangsregierung in Damaskus. Während Ankara offiziell auf einen inner-syrischen Ausgleich drängt, sehen kurdische Vertreter in den Angriffen einen Versuch, Fakten mit Gewalt zu schaffen.

„Noch ist nichts beschlossen“

Haval Zagros, Sprecher der PKK, formuliert die zentrale Forderung seiner Organisation klar: „Wir haben Schritte unternommen. Jetzt erwarten wir rechtliche und politische Garantien.“ Ankündigungen reichten nicht aus, sagt er. Weder zur Rückkehr von Kämpfern noch zur Freilassung politischer Gefangener gebe es verbindliche Zusagen.

Inoffiziell ist allerdings von ersten Absprachen die Rede. Die Freilassung mehrerer hundert kurdischer Häftlinge gilt als mögliches Signal Ankaras. Auch die Zukunft Öcalans bleibt ein zentrales, wenn auch heikles Thema.

Die türkische Regierung wiederum setzt auf Kontrolle. Eine spezielle Kommission überprüft die Demobilisierung der PKK. Erst wenn diese vollständig umgesetzt sei, könne eine Streichung von der Terrorliste erfolgen. Doch die Sorge, dass der Konflikt wieder aufbrechen könnte, ist allgegenwärtig. Besonders angesichts der Eskalation in Syrien wächst die Angst.

Ein Frieden mit Signalwirkung

Sollte es dennoch zu einem Abkommen kommen, wären die Folgen weitreichend. Ein Ende des PKK-Konflikts würde nicht nur die Türkei innenpolitisch stabilisieren, sondern auch Spannungen in Syrien und im Irak reduzieren. Scheitert der Prozess, droht hingegen eine neue Phase (über)regionaler Gewalt.

In den Kandil-Bergen wartet man ab. Zwischen entwaffneten Stellungen und bewaffnetem Misstrauen ist klar: Dieser Frieden ist möglich – aber alles andere als sicher.

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Stefan Kreitewolf