Gesellschaft

Hilferuf von Mevlüde Genç e.V.: „Bitte spendet uns“

  • April 10, 2026
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Hilferuf von Mevlüde Genç e.V.: „Bitte spendet uns“

Die Nachricht traf viele Träger der Zivilgesellschaft mit voller Wucht: Die Bundesregierung aus CDU/CSU und SPD will ein seit Jahren bestehendes Förderprogramm deutlich zurückfahren. Was auf politischer Ebene als Neujustierung erscheint, bedeutet für zahlreiche Initiativen existenzielle Unsicherheit. Projekte, die über Jahre gewachsen sind, stehen plötzlich vor dem Aus.

Das Bundesprogramm „Demokratie leben“ war über Jahre hinweg eine tragende Säule für zivilgesellschaftliches Engagement. Es unterstützte Initiativen, die sich für Demokratiebildung, Erinnerungskultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt einsetzen. Mit den angekündigten Kürzungen geraten nun nicht nur kleinere Projekte, sondern auch etablierte Strukturen unter Druck.

Viele Akteure reagieren mit ungewöhnlicher Offenheit – und mit Sorge. Denn die Einschnitte treffen nicht abstrakte Systeme, sondern konkrete Menschen, Netzwerke und Bildungsangebote.

Die Stimme der nächsten Generation

Besonders eindrücklich zeigt sich das am Beispiel des Vereins Mevlüde Genç e.V.. Über soziale Medien meldeten sich zwei junge Stimmen zu Wort: die Enkelkinder von Mevlüde Genç. Mit einem klaren Appell wandten sie sich an die Öffentlichkeit: „Ohne diese Förderung können wir nicht weitermachen. Bitte spendet uns.“

Es ist ein bemerkenswerter Moment. Zwei junge Menschen, die das rassistische Verbrechen von 1993 nicht selbst erlebt haben, treten dennoch in die Öffentlichkeit – nicht aus unmittelbarer Betroffenheit, sondern aus einem tiefen Verantwortungsgefühl heraus.

Erinnerung als Auftrag

Der Verein wurde gegründet, um die Werte und Botschaften von Mevlüde Genç weiterzutragen: Versöhnung, Menschlichkeit und gesellschaftlicher Zusammenhalt. Mit dem Mevlüde Genç Fellowship ist daraus ein konkretes Bildungs- und Begegnungsprojekt entstanden, das genau diese Werte in die Praxis überträgt. Dass gerade ein solches Projekt nun um seine Existenz kämpfen muss, wirft grundlegende Fragen auf: Wie viel ist einer Gesellschaft ihre Erinnerungskultur wert? Und welche Rolle spielt der Staat dabei?

So einschneidend die Kürzungen auch sind, sie lassen sich zugleich als Anlass für eine überfällige Neujustierung lesen. Förderprogramme, die über viele Jahre bestehen, laufen naturgemäß Gefahr, Strukturen hervorzubringen, die sich verselbstständigen – organisatorisch stabil, aber inhaltlich nicht mehr zwingend wirksam. Wo Förderung zur Routine wird, kann auch inhaltliche Schärfe verloren gehen.

Reform oder Rückbau?

In diesem Sinne könnte der aktuelle Einschnitt auch als eine Art Stresstest für die Zivilgesellschaft verstanden werden: Welche Projekte tragen tatsächlich Wirkung in die Gesellschaft? Welche Initiativen sind lebendig, anschlussfähig und relevant – und welche existieren vor allem aufgrund bestehender Förderlogiken?

Ein solcher Prozess ist schmerzhaft, aber nicht zwingend destruktiv. Im Gegenteil: Er kann Raum schaffen für neue Ideen, neue Akteure und eine stärkere Fokussierung auf Wirkung statt Struktur. Eine Phase des „Ausmistens“ kann dazu führen, dass sich diejenigen durchsetzen, die nicht nur organisiert sind, sondern auch gesellschaftlich wirksam arbeiten.

Gerade Organisationen mit klarer Haltung und echter Resonanz könnten gestärkt aus dieser Situation hervorgehen. Auch für den Mevlüde Genç e.V. liegt darin eine Chance: Der aktuelle Moment zwingt zur Sichtbarkeit, zur Mobilisierung und zur direkten Ansprache der Öffentlichkeit. Dieser neue Aktionismus kann Kräfte freisetzen, die über klassische Förderlogiken hinausgehen – und am Ende dazu führen, dass genau solche Initiativen gefestigt und mit neuer Energie aus diesem Umbruch hervorgehen.

Wer spenden möchte, kann das über diesen Link tun.

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