Sexualisierte Gewalt: Frauen in türkischen Textilfabriken berichten von Missbrauch
Amnesty International prangert sexualisierte Gewalt und Belästigung in türkischen Textilfabriken an. Nach einer Studie der Gewerkschaft Birtek-Sen berichten mehr als 42 Prozent der befragten Arbeiterinnen von Belästigung durch Männer am Arbeitsplatz. Einige Frauen beginnen, sich gegen die Übergriffe zu organisieren.
Sexualisierte Gewalt, Einschüchterung und Machtmissbrauch gehören für viele Frauen in der türkischen Textilindustrie offenbar zum Arbeitsalltag. Das zeigt eine Studie im Auftrag der „Vereinten Textil- und Lederarbeitergewerkschaft“ (Birtek-Sen), über die Amnesty International berichtet. Für die Untersuchung wurden 116 Textilarbeiterinnen in Südostanatolien zu ihren Arbeitsbedingungen befragt. Mehr als 42 Prozent gaben an, am Arbeitsplatz bereits von Männern belästigt worden zu sein.
Die Textilindustrie ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige der Türkei. Rund eine Million Menschen arbeiten in der Branche, etwa die Hälfte davon Frauen. Zugleich weisen Berichte seit Jahren auf problematische Arbeitsbedingungen hin: niedrige Löhne, lange Arbeitszeiten, Überstunden, mangelnder Arbeitsschutz und hohe Abhängigkeit von Vorgesetzten.
Vorfälle in Jeansfabrik in Malatya
Die Türkei zählt weltweit zu den wichtigsten Bekleidungslieferanten. Auch für Deutschland spielt das Land eine zentrale Rolle: 2024 war die Türkei nach China und Bangladesch das drittwichtigste Herkunftsland für importierte Kleidung. Eine der betroffenen Arbeiterinnen ist Emine Aslan*.
Sie arbeitete mehrere Jahre in einer Jeansfabrik in Malatya im Osten der Türkei. Nach ihrer Darstellung wurde sie dort über Monate von einem Vorarbeiter bedrängt. Der Mann habe ihre Nähe gesucht, sie verfolgt, sie mit sexualisierten Bemerkungen konfrontiert und sie auch an abgelegene Orte der Fabrik begleitet. Die Situation habe sich so zugespitzt, dass Aslan schließlich keinen anderen Ausweg mehr gesehen habe, als zu kündigen.
Machtverhältnisse begünstigen Übergriffe
Aslan meldete die Vorfälle nach eigener Darstellung dem Management. Konsequenzen habe es jedoch nicht gegeben. Der Vorarbeiter sei weiterhin in ihrer Nähe geblieben. Aus Angst und dem Gefühl heraus, nicht geschützt zu werden, habe Aslan gemeinsam mit Kolleginnen ein eigenes Warnsystem entwickelt: Die Frauen nutzten Bluetooth-Kopfhörer, die sie unter ihren Kopftüchern versteckten, um sich gegenseitig zu alarmieren, wenn ein Mann einer Kollegin folgte oder sie bedrängte. Auf diese Weise versuchten sie, einander im Fabrikalltag zu schützen.
Die Juristin Esmer Özer, die mit Birtek-Sen zusammenarbeitet und Arbeiterinnen bei Arbeitsrechtsverstößen sowie sexualisierter Gewalt unterstützt, sieht in den Berichten kein Einzelfallproblem. Nach ihrer Einschätzung begünstigen Machtverhältnisse in den Fabriken Übergriffe. Häufig seien Vorgesetzte oder Männer in höheren Positionen beteiligt, während Frauen aus Angst vor Jobverlust, Stigmatisierung oder fehlender Unterstützung schwiegen.
Einschüchterungen, Belästigungen und kaum Toilettenpausen
Ein weiteres Problem ist laut den Arbeiterinnen das digitale Verwaltungssystem e-Devlet. Offiziell dient es dazu, staatliche Daten und Verwaltungsprozesse zu bündeln. Beschäftigte berichten jedoch, dass Arbeitgeber vor Neueinstellungen Einblick in solche Profile verlangten. Bestimmte Einträge oder Codes könnten demnach Rückschlüsse auf Konflikte am Arbeitsplatz zulassen und Betroffenen die Suche nach neuer Arbeit erschweren.
Einige Arbeiterinnen beschreiben solche Markierungen als faktisches Berufsrisiko, weil sie nach Konflikten oder Beschwerden kaum noch Chancen auf eine neue Stelle hätten.
Auch Fatma Demir* berichtet von massiven Belastungen in der Fabrik. Sie arbeitete zehn Jahre lang in derselben Jeansproduktion wie Aslan. Nach ihrer Darstellung waren nicht nur Belästigung und Einschüchterung ein Problem, sondern auch stark kontrollierte Arbeitsabläufe. Selbst Toilettenpausen seien reglementiert worden. In der Birtek-Sen-Studie gaben 74 Prozent der Befragten an, dass ihre Toilettenpausen eingeschränkt worden seien.
Bei Kritik droht die Kündigung
Die Studie und die Berichte der Frauen zeigen, dass sexualisierte Gewalt in der Textilbranche eng mit prekären Arbeitsbedingungen verbunden ist. Wer auf den Job angewiesen ist, sich vor Kündigung fürchtet oder keinen Schutz durch Vorgesetzte erwartet, meldet Übergriffe seltener.
Besonders in konservativ geprägten Regionen kommt hinzu, dass Betroffene gesellschaftliche Ausgrenzung, Schuldzuweisungen oder familiären Druck fürchten. Mehr als die Hälfte der Frauen, die in der Umfrage von Belästigung berichteten, meldete die Vorfälle nicht. Trotz dieser Risiken beginnen manche Arbeiterinnen, sich zu wehren. Sie sprechen mit Kolleginnen, begleiten einander, dokumentieren Vorfälle oder wenden sich an Gewerkschaften und Unterstützerinnen.
*Namen von der Redaktion geändert



