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Ex-AKP-Sprachrohr und Erfinder von „FETÖ“ wegen Glücksspiels verhaftet

  • Mai 17, 2026
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Ex-AKP-Sprachrohr und Erfinder von „FETÖ“ wegen Glücksspiels verhaftet

Die türkischen Behörden haben den früheren regierungsnahen Journalisten Rasim Ozan Kütahyalı im Zuge einer landesweiten Razzia gegen illegale Wettnetzwerke festgenommen. Die Ermittler sprechen von milliardenschwerer Geldwäsche und einem weit verzweigten kriminellen Netzwerk.

In der Türkei ist der in Ungnade gefallene Journalist Rasim Ozan Kütahyalı im Zusammenhang mit Ermittlungen wegen illegalen Glücksspiels verhaftet worden. Berichten mehrerer Medien zufolge erfolgte die Amtshandlung am Donnerstag nach einer groß angelegten Razzia in 21 Provinzen. Diese hatte die Generalstaatsanwaltschaft der Provinz Adana angeordnet. Kütahyalı wurde an seinem Wohnsitz in Istanbul angetroffen und festgenommen.

Ermittlungen reichten bis in Kreise der High Society hinein

Justizminister Akın Gürlek äußerte sich auf X zu dem groß angelegten Einsatz. Dieser widme sich einer „vielschichtigen kriminellen Organisation“, die sich gegen die öffentliche Ordnung und die Wirtschaft richte. Ihr werden unter anderem illegale Wetten, schwerer Betrug, Bestechung und Geldwäsche zur Last gelegt. Insgesamt seien Haftbefehle gegen 200 Verdächtige ergangen.

Zu den Verdächtigen sollen unter anderem drei Bankmanager, acht Polizeibeamte und vier Anwälte gehören. Bei der Razzia beschlagnahmten die Sicherheitskräfte 221 Immobilien, 120 Fahrzeuge und drei Boote. Drei elektronische Zahlungsdienstleister, drei Juweliergeschäfte und ein Devisenbüro stehen seither unter Zwangsverwaltung.

Gürlek verwies auf Berichte des türkischen Untersuchungsausschusses für Finanzkriminalität (MASAK) und die Ergebnisse technischer und physischer Überwachungsaktionen. Diesen zufolge hätten der Zusammenschluss etwa 100 Milliarden TL (etwa 1,89 Milliarden Euro) und zwei Milliarden an Erlösen aus strafbaren Handlungen über das Finanzsystem gewaschen.

Kütahyalı lobte das Vorgehen der Justiz – einen Tag seiner Festnahme

Der Minister lobte die „entschlossene Haltung und Kooperation unserer Ministerien für Justiz, Inneres und Finanzen“. Diese sei „das deutlichste Zeichen dafür, dass wir niemals Zugeständnisse an Finanzkriminalitätsorganisationen oder illegale Wettnetzwerke machen werden“.

Als besonders skurril gilt mittlerweile, dass Kütahyalı selbst einen Tag vor seiner Festnahme die Äußerungen von Gürlek über die Aktion gegen eine andere Bande kommentiert hatte. Er hatte den Beitrag auf X geteilt und dazu geschrieben: „Mit allen Wettbanden wird Schluss sein.“

In den vergangenen Monaten hatten türkische Behörden groß angelegte Razzien gegen illegale Wettbüros durchgeführt. Erst zu Beginn der Woche hatte es 108 Festnahmen bei Razzien in 35 Provinzen gegeben. Diese richteten sich gegen ein von Istanbul aus betriebenes Netzwerk. Außerdem blockierte die Türkei den Zugang zu mehr als 5.000 Webseiten, die mit illegalen Wetten und damit verbundenen Transaktionen in Zusammenhang stehen sollen.

Türkei will gutes Standing bei FATF beibehalten

Die Türkei will mit ihrem offensiven Vorgehen offenbar ihre Position gegenüber der Financial Action Task Force (FATF) stabilisieren. Noch 2021 hatte diese globale Aufsichtsbehörde gegen Geldwäsche das Land wegen Defiziten in der Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung auf ihre „graue Liste“ gesetzt. Drei Jahre später strich die FATF diese Einordnung, weil die Türkei „bedeutende Fortschritte“ verzeichnet habe.

Ein MASAK-Bericht aus dem Jahr 2025 spricht von 502 Analyseakten zu illegalen Wettaktivitäten und 545 Geheimdienstberichten sowie Informationshinweisen, die man an die zuständigen Institutionen weitergeleitet habe. Es sei gelungen, im Rahmen von Anti-Geldwäsche-Maßnahmen Transaktionen stillzulegen, die einen Umfang von 5,1 Milliarden TL (ca. 96 Millionen Euro) aufwiesen. Die Konten seien illegalen Wettveranstaltern zuzuordnen gewesen.

Kütahyalı hatte sich über lange Zeit hinweg als Sprachrohr der regierenden AKP betätigt. Er hatte unter anderem für „Sabah“, „CNN Türk“, „Star TV“ oder „Beyaz TV“ gearbeitet. Im Jahr 2017 wurde er wegen rassistischer Herabwürdigung in der Türkei lebender Bosnier zu 10 Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt.

Erfinder des „FETÖ“-Narrativs?

Im Jahr 2024 prahlte er in einem Interview, er sei einer der „Spindoktoren“ von Präsident Recep Tayyip Erdoğan gewesen. So habe er bereits 2014 einen entscheidenden Beitrag zur Begründung des Narrativs von der „Fethullahistischen Terrororganisation (FETÖ)“ geleistet. Dies habe geholfen, die Gülen-Bewegung in der breiten Öffentlichkeit als „terroristisch“ zu markieren.

Die vom 2024 verstorbenen Fethullah Gülen gegründete und nach ihm benannte Bewegung (Eigenbezeichnung „Hizmet“) fiel bei der türkischen Regierung in Ungnade, nachdem es im Dezember 2013 zu staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen im Umfeld der Regierung gekommen war. Erst gab es groß angelegte Säuberungsaktionen gegen vermeintliche oder tatsächliche Gülen-Anhänger im Staatsapparat.

Nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 musste die Bewegung als Sündenbock für die Führung in Ankara herhalten. Seit dieser Zeit wurden zehntausende Menschen unter teils fadenscheinigen Gründen gefoltert, zu langjährigen Haftstrafen verurteilt oder ins Exil vertrieben.

Nun scheint das Karma Rasim Ozan Kütahyalı einzuholen. Bereits vor einem Jahr verlor er die Gunst der Führung in Ankara endgültig, nachdem er behauptet hatte, die Regierung plane eine Übernahme der oppositionellen Republikanischen Volkspartei (CHP). Kütahyalı wurde wegen „Verbreitung von Falschaussagen“ kurzzeitig inhaftiert und dann unter Aufsicht wieder freigelassen. Seit April steht die Anklage gegen ihn in dieser Sache. Die Staatsanwaltschaft hat eine Haftstrafe von drei Jahren beantragt.

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