Extremismus Gesellschaft

„Keupstraße ist überall“ erhält Kölner Demokratiepreis

  • Juli 24, 2026
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„Keupstraße ist überall“ erhält Kölner Demokratiepreis

Die Bildungsinitiative „Keupstraße ist überall – erinnern, aufklären, verändern“ e. V. wird mit dem „Miteinander-Preis Köln für Demokratie und Vielfalt“ ausgezeichnet. Die Stadt Köln würdigt damit den langjährigen Einsatz des Vereins für die Betroffenen des NSU-Nagelbombenanschlags, gegen Rassismus und für eine lebendige Erinnerungskultur.

Die Initiative gehört zu den diesjährigen Preisträgern des Ehrenamtspreises „KölnEngagiert“. Eine unabhängige Jury wählte die Ausgezeichneten aus mehr als 130 eingereichten Vorschlägen aus. Mit dem „Miteinander-Preis“ soll insbesondere das ehrenamtliche Engagement von Kölnerinnen und Kölnern mit Einwanderungsgeschichte sichtbarer gemacht werden.

„Das ehrt die ehrenamtliche Arbeit aller, die sich unter dem Schirm der Initiative „Keupstraße ist überall“ versammelt und die Betroffenen unterstütz haben“, so eine Sprecherin des Vereins. Der Verein sei die Weiterentwicklung einer Bürgerinitiative und stelle die Erinnerungsarbeit nun auf professionelle Beine. „Umso wichtiger ist diese Auszeichnung, um unsere unermüdliche Arbeit für die Demokratie zu würdigen“, teilt der Verein schriftlich mit.

Preis für Demokratie und Vielfalt

Die feierliche Preisverleihung findet am 6. September im Historischen Rathaus der Stadt Köln statt. Die Preisträgerinnen und Preisträger werden zudem für den Deutschen Engagementpreis vorgeschlagen. Für die Bildungsinitiative ist die Auszeichnung eine Anerkennung einer Arbeit, die weit über klassisches Ehrenamt hinausreicht. Der Verein verbindet Erinnerung, politische Bildung, Beratung und die aktive Beteiligung von Betroffenen rechter Gewalt.

Im Zentrum der Arbeit steht eine grundlegende Forderung: Die Geschichte des NSU-Terrors darf nicht ausschließlich aus der Perspektive von Polizei, Justiz, Politik und Sicherheitsbehörden erzählt werden. Im Mittelpunkt müssen die Menschen stehen, die durch den Anschlag verletzt, danach selbst verdächtigt und über Jahre mit ihren Erfahrungen alleingelassen wurden. Die Bildungsinitiative setzt deshalb auf eine betroffenenorientierte Erinnerungskultur. Es wird nicht nur über die Betroffenen gesprochen. Sie selbst erzählen ihre Geschichte, vermitteln ihre Erfahrungen und bestimmen mit, wie an den Anschlag und seine Folgen erinnert wird.

Der Anschlag in der Keupstraße

Am 9. Juni 2004 hatte der rechtsterroristische „Nationalsozialistische Untergrund“ in der Kölner Keupstraße eine Nagelbombe gezündet. Die Täter hatten das mit Hunderten Nägeln präparierte Sprengmittel auf einem Fahrrad vor einem Friseursalon abgestellt. 22 Menschen wurden verletzt, einige von ihnen schwer. Der Anschlag war gezielt darauf ausgerichtet, möglichst viele Menschen zu töten (was zum Glück nicht klappte) und das gesellschaftliche Leben in der von Einwanderung geprägten Keupstraße zu erschüttern. Doch statt frühzeitig in Richtung eines rassistischen Terroranschlags zu ermitteln, konzentrierten sich die Behörden über Jahre auf die Betroffenen, ihre Familien und das geschäftliche Umfeld der Straße.

Menschen, die gerade einen Anschlag überlebt hatten, wurden verdächtigt, überwacht und mit Spekulationen über organisierte Kriminalität konfrontiert. Auch große Teile der medialen Berichterstattung übernahmen diese Perspektive. Der rassistische Hintergrund des Anschlags wurde lange nicht ernst genommen. Erst mit der Selbstenttarnung des NSU im November 2011 wurde öffentlich bekannt, dass Rechtsterroristen für die Tat verantwortlich waren.

Aus dem Kampf um Anerkennung entstand eine Initiative

Aus dem jahrelangen Kampf um Aufklärung, Anerkennung und einen würdigen Umgang mit den Betroffenen entwickelte sich die Initiative „Keupstraße ist überall“. Ihr Name macht deutlich, dass der Anschlag und der institutionelle Umgang mit seinen Opfern nicht nur die Menschen einer einzelnen Straße betreffen. Rassistische Gewalt, gesellschaftliche Ausgrenzung, mediale Vorverurteilung und behördliches Versagen können überall stattfinden. Der Name des Vereins ist deshalb zugleich Mahnung und politischer Anspruch.

Ein zentraler Bestandteil der Arbeit ist die Ausstellung in der Schanzenstraße 22 in Köln-Mülheim, nur wenige Minuten vom Anschlagsort entfernt. Mit Dokumenten, Gegenständen, Filmaufnahmen und persönlichen Berichten zeichnet sie nicht nur den Nagelbombenanschlag nach. Thematisiert werden ebenso die Ermittlungen gegen die Opfer, die mediale Vorverurteilung der Menschen aus der Keupstraße, das jahrelange Verdrängen des rassistischen Tatmotivs und der Kampf der Betroffenen um Anerkennung und Gerechtigkeit.

Tausende Besucherinnen und Besucher

Mehr als 2.000 Schülerinnen und Schüler besuchten die Ausstellung allein im Jahr 2025. Bis zu den Sommerferien 2026 kamen nach Angaben einer Sprecherin des Vereins bereits weitere rund 1.700 Schülerinnen und Schüler sowie andere Besucherinnen und Besucher hinzu. Zu den Gästen gehören neben Schulklassen auch Studierende, angehende Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie zahlreiche weitere Gruppen. Die hohe Resonanz zeigt, wie groß der Bedarf an einer betroffenenorientierten Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex und rassistischer Gewalt ist.

Die Ausstellung hat sich längst zu einem bedeutenden außerschulischen Bildungsort entwickelt. Schulklassen setzen sich dort mit dem NSU-Komplex, mit Rassismus, rechter Gewalt, institutionellem Versagen und demokratischer Verantwortung auseinander. Die Arbeit geht dabei über die reine Vermittlung historischer Daten hinaus. Die Schülerinnen und Schüler begegnen Menschen, die den Anschlag und seine Folgen selbst erlebt haben. Dadurch wird Geschichte konkret. Die Folgen rechter Gewalt werden nicht abstrakt behandelt, sondern anhand persönlicher Erfahrungen nachvollziehbar.

Begegnung, Beratung und politische Bildung

Die Räume dienen nicht nur als Ausstellung und Lernort. Sie sind zugleich ein Ort der Begegnung, des Austauschs und der Beratung für Betroffene rechtsterroristischer und rassistischer Gewalt sowie deren Angehörige. Damit verbindet die Initiative politische Bildungsarbeit mit psychosozialer Unterstützung und gesellschaftlicher Selbstorganisation. Diese Verbindung macht die Arbeit besonders wertvoll. Erinnerung wird hier nicht als abgeschlossener Blick in die Vergangenheit verstanden, sondern als Auftrag für die Gegenwart.

Die Bedeutung der Ausstellung reicht weit über Köln hinaus. In ihrer konkreten Form ist sie bundesweit einzigartig: als dauerhafter Bildungs- und Erinnerungsort zu einem NSU-Anschlag, der sich unmittelbar in der Nähe des Tatortes befindet und an dessen Arbeit Betroffene des NSU-Terrors aktiv beteiligt sind. Die Ausstellung steht nicht in einem beliebig ausgewählten Museumsgebäude. Sie befindet sich in einem Gebäude, das selbst Teil der Geschichte des Anschlags und seiner Folgen ist. Sie ist räumlich, gesellschaftlich und biografisch unmittelbar mit der Keupstraße verbunden.

Ein Gebäude, das selbst betroffen ist

Die Ausstellung befindet sich mitten in dem Umfeld, das durch den Anschlag, die falschen Verdächtigungen und das jahrelange institutionelle Versagen getroffen wurde. Das Gebäude ist damit nicht lediglich eine neutrale Ausstellungsfläche. Es ist Teil des betroffenen Viertels und Teil einer Geschichte, die bis heute fortwirkt. Gerade diese unmittelbare Nähe unterscheidet den Kölner Ort von vielen klassischen Dokumentationszentren, die räumlich und gesellschaftlich von den eigentlichen Tatorten und den Betroffenen getrennt sind.

In Köln sprechen nicht ausschließlich Wissenschaftlerinnen, Kuratoren oder staatliche Einrichtungen über die Betroffenen. Die Betroffenen selbst sind anwesend. Sie begleiten Besuchergruppen, führen Gespräche, vermitteln ihre Erfahrungen und bestimmen mit, wie die Geschichte erzählt wird. Genau darin liegt die besondere Stärke dieses Ortes: Die Betroffenen werden nicht erneut zu Objekten einer fremden Erzählung gemacht. Sie sind aktive Träger der Erinnerungs- und Bildungsarbeit. Die Ausstellung macht die Keupstraße nicht nur als Tatort sichtbar. Sie zeigt die Straße zugleich als Ort des Widerstands, der Solidarität und der Selbstbehauptung.

Die Menschen in der Keupstraße haben sich gegen falsche Verdächtigungen, gegen gesellschaftliche Ausgrenzung und das Schweigen über das rassistische Tatmotiv gewehrt. Diese Perspektive ist für das Verständnis des NSU-Komplexes unverzichtbar. Die Geschichte handelt nicht nur von den Tätern und dem Versagen der Sicherheitsbehörden, sondern auch vom Widerstand der Betroffenen.

NSU-Dokumentationszentrum: Das Aus für Nürnberg verschärft die Lage

Noch größer wird die bundesweite Bedeutung der Kölner Ausstellung vor dem Hintergrund des erklärten beziehungsweise faktischen Aus für das geplante nationale NSU-Dokumentations- und Bildungszentrum in Nürnberg. Für das Vorhaben wurden im Haushaltsentwurf keine ausreichenden Mittel eingeplant. Damit droht ein Projekt zu scheitern, das als zentraler Ort der bundesweiten Aufarbeitung angekündigt worden war. Dieses Scheitern wäre mehr als eine haushaltspolitische Fehlentscheidung. Es wäre eine Schande für die deutsche Demokratielandschaft.

Nach der Selbstenttarnung des NSU hatte der Staat den Angehörigen und Betroffenen umfassende Aufklärung versprochen. Bis heute sind jedoch entscheidende Fragen zum Unterstützernetzwerk, zum Verhalten der Sicherheitsbehörden und zum Umgang mit Akten und Beweismitteln unbeantwortet. Dass nun auch ein zentrales Dokumentationszentrum auf der Kippe steht, sendet ein fatales Signal.

Es zeigt, wie schnell politische Versprechen gegenüber den Opfern rechter Gewalt an Bedeutung verlieren können, sobald langfristige Finanzierung und institutionelle Verantwortung erforderlich werden.

Nürnberg wurde über die Köpfe der Betroffenen hinweg ausgewählt

Problematisch war allerdings bereits die Entscheidung, das zentrale Dokumentationszentrum in Nürnberg aufzubauen. Diese Entscheidung wurde weitgehend über die Köpfe vieler Betroffener hinweg getroffen. Erneut bestimmten staatliche Institutionen darüber, wo und wie die Geschichte des NSU erzählt werden sollte, während Betroffene und Angehörige um Beteiligung kämpfen mussten. Damit drohte sich ein zentraler Fehler der bisherigen Aufarbeitung zu wiederholen: Diejenigen, deren Leben durch den Terror zerstört oder dauerhaft verändert wurde, sollten erneut nicht im Zentrum der Entscheidungen stehen.

Nürnberg ist selbst ein wichtiger Tatort des NSU. Vier der zehn Mordopfer wurden dort getötet. Dennoch bleibt die Frage, ob ein zentral geplantes Großprojekt tatsächlich jene Nähe zu allen Betroffenen hätte herstellen können, die für eine glaubwürdige Aufarbeitung notwendig ist. Viele Betroffene leben an anderen Tatorten. Ihre Geschichten, Erfahrungen und Kämpfe lassen sich nicht ohne Weiteres an einen zentralen Standort übertragen. Gerade deshalb wäre eine dezentrale, an den Tatorten verankerte Erinnerungslandschaft von großer Bedeutung.

In Köln finden die Betroffenen tatsächlich statt

Die Kölner Ausstellung zeigt bereits heute, wie eine solche Erinnerungskultur funktionieren kann. Sie befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Tatort. Sie ist Teil des betroffenen Viertels. Sie wird von Menschen getragen, die den Anschlag, die Verdächtigungen und den jahrelangen Kampf um Anerkennung selbst erlebt haben. Die Betroffenen finden dort nicht nur symbolisch statt. Sie sind tatsächlich und dauerhaft anwesend.

Der entscheidende Unterschied lautet: In Köln wird nicht lediglich an die Betroffenen erinnert. Mit ihnen gemeinsam wird aufgearbeitet, vermittelt und diskutiert. Die Ausstellung steht damit für einen grundlegenden Wandel der Erinnerungskultur. Nicht staatliche Institutionen allein entscheiden über die Erzählung. Die Perspektiven der Betroffenen bilden das Fundament der Arbeit.

Initiative „Keupstraße ist überall“ als bundesweite Chance begreifen

Das Scheitern des Nürnberger Vorhabens darf nicht dazu führen, dass die bundesweite Aufarbeitung des NSU-Komplexes insgesamt aufgegeben wird. Vielmehr muss die bestehende Ausstellung in Köln nun als Chance begriffen werden. Statt immer neue Konzepte zu entwerfen, während bereits funktionierende Erinnerungsorte um ihre Existenz kämpfen, sollten Bund, Land und Kommunen die Kölner Arbeit dauerhaft stärken. Die Ausstellung muss als bundesweit relevanter Bildungs- und Erinnerungsort anerkannt werden. Die Kölner Ausstellung muss nicht erst geplant, gebaut und gesellschaftlich verankert werden.

Sie existiert bereits. Sie wird angenommen. Sie erreicht Tausende Menschen. Sie verfügt über die unmittelbare Beteiligung von Betroffenen und über eine wachsende pädagogische Erfahrung. Gerade darin liegt ihre große Chance: Hier besteht bereits ein funktionierender Ort, dessen Wirkung sichtbar und dessen gesellschaftlicher Bedarf belegt ist.

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