Der Ramadan als Einladung – nicht als Rückzug
Der Ramadan ist für Muslime mehr als nur ein Monat der Einkehr. Er ist auch eine Gelegenheit, sich nach außen zu öffnen. Gerade in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Spannungen sollten Muslime auf Nichtmuslime zugehen und Einladungen zu gemeinsamen Iftar-Abenden aussprechen. Persönliche Begegnungen und gelebte Gastfreundschaft sind ein wirksames Mittel gegen Vorurteile, Rassismus und gegenseitige Entfremdung.
Der Ramadan steht vor der Tür und für und Muslime beginnt wieder diese ganz besondere Zeit der Besinnung, der Selbstdisziplin und Nächstenliebe. Es ist ein Monat, der zur inneren Einkehr einlädt – aber auch zur Öffnung nach außen. In vielen deutschen Großstädten werden wieder Straßen dekoriert, was ein Zeichen der Anerkennung und Wertschätzung ist, das in weiten Teilen der muslimischen Community mit Freude und Dankbarkeit aufgenommen wird.
Gleichzeitig zeigt der Blick in soziale Medien, Kommentarspalten und Protokolle von Parlamentssitzungen, dass nicht jeder mit dieser Form der Anerkennungskultur zufrieden ist. Der antimuslimische Rassismus tritt nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa wieder mit einem Selbstbewusstsein auf, wie man es zuletzt im Vorfeld der Breivik-Morde erlebt hatte.
Unsere Möglichkeiten, daran etwas zu ändern, sind begrenzt, und wir können weder schnelle Hilfe noch Wunder erwarten. Gerade in einer Zeit, in der Rassismus, Ausgrenzung und gegenseitiges Misstrauen wieder spürbar zunehmen, sollte dieser Ramadan aber mehr sein als ein religiöses Ritual im privaten Raum: Er sollte eine Einladung sein. Eine Einladung an Nachbarn, Kollegen, Mitschüler und Freunde – ausdrücklich auch an jene, die dem Islam nicht angehören.
Vorurteile gedeihen meist dort, wo Begegnung fehlt
Zu oft erleben wir derzeit, dass über „die anderen“ gesprochen wird, statt mit ihnen. Dabei zeigt sich, dass Vorurteile dort am besten gedeihen, wo Begegnung fehlt. Wer einander nicht kennt, hört eher auf Schlagzeilen als auf Menschen. Genau hier liegt aber eine große, oft unterschätzte Chance des Ramadans: im gemeinsamen Iftar, im Gespräch am Tisch, im geteilten Brot nach Sonnenuntergang.
Wer einmal an einem offenen Iftar teilgenommen hat, weiß, wie schnell sich Distanz auflöst. Man spricht über Alltägliches, über Familie, Arbeit, Sorgen und Hoffnungen. Man stellt fest: Das Trennende ist meist kleiner als gedacht, das Gemeinsame größer. Solche persönlichen Erfahrungen wiegen schwerer als jede politische Debatte oder jedes abstrakte Bekenntnis gegen Hass.
Deshalb richtet sich mein Appell in diesem Jahr besonders an die muslimischen Gemeinden, Vereine und Familien: Öffnet eure Türen. Ladet bewusst Nichtmuslime ein. Nicht als bloße symbolische Geste, sondern als ehrliches Angebot zur Teilhabe. Der Ramadan ist kein abgeschotteter Raum – er ist eine Brücke.
Muslime wissen aus eigener Erfahrung, wie verletzend Ausgrenzung sein kann
Gerade wir Muslime wissen aus eigener Erfahrung, wie verletzend Ausgrenzung sein kann. Umso wichtiger ist es, dem etwas entgegenzusetzen, das stärker ist als Misstrauen: gelebte Gastfreundschaft. Sie gehört seit jeher zum Kern unserer religiösen und kulturellen Tradition. Der Prophet Muhammad (Friede sei mit ihm) hat sie nicht nur gepredigt, sondern vorgelebt.
Natürlich wird ein gemeinsames Fastenbrechen nicht alle gesellschaftlichen Probleme lösen. Aber es setzt etwas in Gang. Es schafft Erinnerungen, Gesichter, Geschichten. Und es erschwert jenen, die spalten wollen, Menschen auf einfache Feindbilder zu reduzieren.
In Zeiten, in denen Hass wieder lauter wird, brauchen wir mehr Mut zur Begegnung. Der Ramadan bietet dafür einen passenden Rahmen – ruhig, würdevoll und menschlich. Nutzen wir ihn – nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Überzeugung.



