Die Stille nach dem Bellen in der Türkei: Von Straßenhunden und Staatsräson
Kurz nachdem die Türkei den rechtlichen Rahmen geschaffen hatte, Straßenhunde unter bestimmten Bedingungen töten zu lassen, regte sich Protest. Heute zeigt sich: Zwischen staatlichem Ordnungsversprechen und zivilem Widerstand ist ein Konflikt entstanden, der weit über den Umgang mit Tieren hinausweist.
Offiziell sollte das neue Gesetz Sicherheit bringen. Straßenhunde, so die Argumentation, stellten ein Risiko dar, insbesondere für Kinder und ältere Menschen. Ihr Platz sei nicht die Straße, sondern das Tierheim. Doch was nach technokratischer Problemlösung klang, wurde von vielen als Angriff auf ein vertrautes Bild des Landes empfunden.
Straßenhunde gehören in der Türkei seit Generationen zum Alltag: Sie liegen vor Läden, begleiten Passanten, sind Teil urbanen Lebensraums. Mit dem Gesetz verschwinden sie – nicht nur aus dem Straßenbild, sondern aus einer Vorstellung davon, wie das Land mit Schwächeren umgeht.
Brennpunkt Tierheime
Seitdem füllen sich die Tierheime. Landesweit gibt es aber nur einen Bruchteil der Kapazitäten, die nötig wären, um Millionen Tiere aufzunehmen. Viele Kommunen verfügen über gar keine Einrichtungen, andere über solche, die längst überfordert sind. Die Lücke zwischen politischem Anspruch und infrastruktureller Realität ist eklatant.
Wer eines dieser staatlichen Tierheime betritt, versteht rasch, warum sie zum Symbol des Protests geworden sind. Enge Käfige, permanente Lautstärke, mangelhafte Hygiene – für viele Hunde ist der Aufenthalt kein Übergang, sondern ein Endpunkt. Aktivistinnen und Aktivisten berichten von Krankheiten, Unterernährung und hoher Sterblichkeit. Selbst ohne gezielte Tötungen wirken die Bedingungen wie ein stilles Aussortieren.
Samstags auf der Straße
Gerade deshalb haben sich in den Städten neue Formen des Engagements entwickelt. Nachbarschaftsinitiativen sammeln Spenden, wechseln Futter, organisieren Spaziergänge für Tiere, die sonst monatelang keinen Auslauf hätten. Was früher private Tierliebe war, ist zu politischer Praxis geworden.
In Istanbul treffen sich seit fast einem Jahr Woche für Woche kleine Gruppen zum Protest. Die Demonstrationen sind überschaubar, oft kaum mehr als ein paar Dutzend Menschen, begleitet von auffällig vielen Polizisten. Sie fordern nicht die Rückkehr zur völligen Untätigkeit, sondern ein anderes Modell: Impfen, sterilisieren, wieder freilassen. Ein Ansatz, der lange Zeit offizielle Politik war, nun aber als gescheitert gilt.
Verbot der Fürsorge
Die Kundgebungen verlaufen ruhig, fast beharrlich. Sie sind weniger Spektakel als Ritual. Wer hier steht, tut das nicht aus revolutionärem Gestus, sondern aus dem Gefühl heraus, eine Grenze sei überschritten worden. Viele der Beteiligten waren zuvor politisch inaktiv. Jetzt halten sie Transparente, schreiben Stellungnahmen, organisieren sich digital. Das Thema hat sie politisiert.
Zusätzlichen Zündstoff lieferte das Verbot, Straßenhunde an vielen öffentlichen Orten zu füttern. Parks, Straßenränder, sogar Bereiche vor Schulen und Krankenhäusern wurden tabu. Für Tierschützer ist das ein Widerspruch zum geltenden Tierrecht, für viele Bürgerinnen und Bürger ein moralischer Affront. Dennoch wird weiter gefüttert – oft heimlich, oft aus Trotz. Auffällig ist, dass sich daran längst nicht mehr nur organisierte Aktivisten beteiligen. Die Sorge um die Tiere mobilisiert Menschen, die sich sonst aus der Politik heraushalten.
Sicherheit gegen Mitgefühl?
Befürworter des Gesetzes verweisen auf reale Vorfälle: tödliche Angriffe, schwere Verletzungen, wachsende Rudel in Randgebieten. Sie argumentieren mit Versäumnissen vergangener Jahre, mit gescheiterten Sterilisationsprogrammen und fehlendem Personal. Ein einziger Todesfall sei einer zu viel. Diese Logik überzeugt viele – aber längst nicht die Mehrheit. Umfragen zeigen, dass ein Großteil der Bevölkerung andere Lösungen bevorzugt und die Tötung von Hunden ablehnt.
Gleichzeitig wird der Vorwurf laut, einzelne Vorfälle würden politisch ausgeschlachtet, um Härte zu demonstrieren und gesellschaftliche Spannungen zu kanalisieren. Ob diese Einschätzung zutrifft, lässt sich im Einzelfall kaum überprüfen. Klar ist jedoch: Die Debatte ist hoch emotionalisiert, die Fronten verhärtet.
Private Rettungsinseln
Abseits der großen politischen Bühne entstehen kleine Gegenwelten. Private Tierheime, oft von Einzelpersonen getragen, nehmen Hunde auf, die sonst kaum Chancen hätten. Sie sind überfüllt, chronisch unterfinanziert und abhängig von Spenden oder Adoptionen ins Ausland. Für die Betreibenden ist klar: Ihr Engagement ist keine Lösung für das strukturelle Problem, aber ein Versuch, Leben zu retten.
Diese Orte zeigen zugleich, wie unterschiedlich die Vorstellungen vom Umgang mit Tieren sind. Wo staatliche Einrichtungen auf Verwaltung und Kontrolle setzen, entstehen Räume, die auf Beziehung und Verantwortung beruhen. Zwei Modelle, die kaum miteinander kompatibel scheinen.
Mehr als eine Tierfrage
Längst geht es nicht mehr nur um Hunde. In Gesprächen, auf Plakaten, in sozialen Netzwerken taucht immer wieder dieselbe Sorge auf: dass Gewalt, einmal legitimiert, normal wird. Wer akzeptiere, dass Tiere systematisch verschwinden, stumpfe auch gegenüber anderer Gewalt ab.
So ist der Streit um die Straßenhunde zu einem Stellvertreterkonflikt geworden. Er handelt vom Selbstbild eines Landes, von der Frage, wie mit den Schwächsten umgegangen wird – seien es Tiere oder Menschen ohne politische Stimme. Die Zivilgesellschaft erhebt sich, nicht laut, aber beharrlich.



