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„E-Devlet Bahçeli“: Ist Devlet Bahçeli noch am Leben?

  • April 2, 2025
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„E-Devlet Bahçeli“: Ist Devlet Bahçeli noch am Leben?

In der türkischen Politik geht es derzeit mal wieder heißer her als in einer Teeküche während der Mittagspause – und im Zentrum des brodelnden Gerüchtekessels steht neben Ekrem İmamoğlu kein Geringerer als Devlet Bahçeli, der ewige Vorsitzende der ultranationalistischen MHP, politischer Dauerbrenner und bekannt für seine ebenso stoische wie kryptische Rhetorik. Nur: Bahçeli selbst ist seit Wochen nicht mehr öffentlich in Erscheinung getreten. Kein Auftritt, kein Interview, kein Fahnenmeer mit seinem Blick in die Ferne – stattdessen: Stille.

Das Gerücht, das sich mittlerweile viral durch Social Media frisst, ist brisanter als jede Pressekonferenz des Innenministeriums: Devlet Bahçeli, der den Großteil dieses Jahres im Krankenhaus verbrachte, sei tot. Schon seit Wochen. Nur: Keiner habe es offiziell verkündet. Die dramatische Theorie dahinter: Sein Tod wird verschwiegen – aus politischer Notwendigkeit.

Denn der Zeitpunkt wäre aus Sicht seiner politischen Mitstreiter denkbar ungünstig. Bahçeli, einst kompromissloser Anti-PKK-Hardliner, hatte zuletzt überraschend versöhnliche Töne angeschlagen. Dass er sogar PKK-Chef Abdullah Öcalan ins Parlament eingeladen und das Ende des bewaffneten Konflikts mit der PKK gefordert hat, gilt vielen als politischer Tabubruch. Ein plötzlicher Tod würde diesen Kurs ins Wanken bringen – der Rückhalt der ultranationalistischen Wählerbasis wäre dahin, die Opposition würde das politische Kapital aufsaugen wie ein trockener Schwamm.

Bahçeli irgendwo zwischen X und X-Faktor

Offiziell lebt Bahçeli – zumindest sein Account auf X (ehemals Twitter) tut es. Dort erscheinen regelmäßig Beiträge, die von politischen Kommentaren bis hin zu traditionellen Festtagsgrüßen reichen. Doch auch das nährt die Gerüchte: Seine Beiträge wirken generisch, glatt, synthetisch.

Der bekannte X-Nutzer Notorious Shark brachte es auf den Punkt – oder zumindest auf den viralen Gag: Es handele sich längst nicht mehr um Devlet Bahçeli, sondern um „E-Devlet Bahçeli“ – ein Konstrukt aus KI-generierter Stimme und strategisch kuratiertem Content. Humorvoll gemeint, doch mit bitterem Beigeschmack: Der Verdacht, dass Technologie hier politische Realität verschleiern könnte, passt zur Atmosphäre aus Misstrauen und digitaler Manipulation, die über der türkischen Medienlandschaft seit Jahren hängt. Fakten, Meinungen, Fake News und Propaganda können kaum noch auseinandergehalten werden.

Türkei unter Schock: Bahçeli lädt PKK-Chef Öcalan ins türkische Parlament ein

Wem kann man noch glauben?

Die oppositionelle Journalistin Özlem Gürses behauptete zuletzt in ihrer Sendung, sie habe Bahçeli persönlich kurz vor Ende des Ramadans am Telefon gehabt – und er habe sich „sehr gut“ angehört. Glaubwürdig? Vielleicht.

Anders der Fall Nedim Şener – ein regierungsnaher Journalist, der angab, Bahçeli habe ihn zum Ramadan-Fest angerufen. Wer die politische Hackordnung kennt, weiß: Wenn überhaupt, ruft Şener bei Bahçeli an – nicht umgekehrt. Ein solcher Fauxpas lässt Zweifel aufkommen: Wurde hier ein Gespräch konstruiert, um Normalität zu suggerieren?

Was läuft mit der DEM?

Parallel dazu hat die Regierung gegen prominente Figuren wie Zafer-Parteichef Ümit Özdağ und CHP-Shootingstar Ekrem İmamoğlu hart durchgegriffen – beide wurden zuletzt festgenommen. Kritiker vermuten jedoch, dass dies politisch motivierte Einschüchterung ist: Man wolle eine Annäherung mit der kurdisch geprägten DEM-Partei ungestört vorbereiten, ohne störende Stimmen aus dem rechten oder oppositionellen Lager. Erdoğan will über 2028 hinaus regieren und braucht dafür die DEM, um eine entsprechende Verfassungsänderung herbeizuführen.

Ob tot, lebendig oder digital konserviert – Bahçeli ist zur Phantomgestalt der türkischen Politik geworden. Zwischen offiziellen Dementis, bizarren Social-Media-Posts und grotesken Machtspielen verschwimmt Realität mit Spekulation.

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