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Große Trauer in der Türkei: Star-Historiker İlber Ortaylı gestorben

  • März 14, 2026
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Große Trauer in der Türkei: Star-Historiker İlber Ortaylı gestorben

Der Historiker İlber Ortaylı ist tot. Der renommierte Osmanistik-Experte prägte die Geschichtswissenschaft der Türkei über Jahrzehnte und machte stets mit seinen besonderen Lebensweisheiten von sich reden.

Der türkische Historiker İlber Ortaylı ist tot. Der international bekannte Wissenschaftler starb am gestrigen Freitag, den 13. März 2026, in Istanbul im Alter von 78 Jahren, nachdem er zuvor einige Zeit medizinisch behandelt worden war. Mit Ortaylı verliert die Türkei eine der prägendsten Stimmen ihrer Geschichtswissenschaft und einen Intellektuellen, der es wie kaum ein anderer verstand, historische Themen einem breiten Publikum näherzubringen.

Geboren wurde Ortaylı am 21. Mai 1947 im österreichischen Bregenz, wohin seine Familie als Krimtataren vor politischer Verfolgung geflohen war. Später wuchs er in der Türkei auf und studierte an der Universität Ankara, bevor er seine akademische Ausbildung unter anderem in Wien und an der University of Chicago fortsetzte. Zu seinen wichtigsten akademischen Mentoren gehörte der bedeutende Osmanistik-Historiker Halil İnalcık.

International gefragte und anerkannte Persönlichkeit

Ortaylı galt als einer der renommiertesten Experten für die Geschichte des Osmanischen Reiches, insbesondere für Fragen der Verwaltungs-, Diplomatie- und Kulturgeschichte. Er lehrte unter anderem an der Universität Ankara, der Galatasaray-Universität in Istanbul sowie an der Bilkent-Universität. Auch international war er als Gastprofessor und Referent gefragt und hielt Vorträge an zahlreichen Universitäten in Europa und darüber hinaus.

„Wir ernähren uns nicht mehr von Landkarten und Stadtführern. Infolgedessen nennt man das, was wir tun, nicht mehr Reisen, sondern Tourismus oder Urlaub. Dabei ist Reisen eine der bereicherndsten Lebenserfahrungen. Wenn man die Welt bereist, versucht man, die Welt, die Natur, andere Lebewesen und das Erbe der Vergangenheit zu entdecken. So beginnt man, sich selbst neu zu entdecken. Die Geschichten anderer Menschen zu kennen, öffnet einem die Tür zu seiner eigenen Geschichte.“ – İlber Ortaylı über das Reisen.

Einem breiteren Publikum wurde Ortaylı jedoch nicht nur durch seine wissenschaftlichen Arbeiten bekannt, sondern auch durch seine populärwissenschaftlichen Bücher, Kolumnen und Fernseh- sowie Social media-Auftritte. Mit seiner markanten, oft pointierten Art und unverwechselbaren Stimme erklärte er historische Zusammenhänge und machte komplexe Themen verständlich. Viele sahen in ihm einen Vermittler zwischen akademischer Forschung und öffentlicher Debatte.

Ortaylı verstand sich als „Kind des Osmanischen Reiches“

Von 2005 bis 2012 leitete Ortaylı zudem das Topkapı-Palast-Museum in Istanbul, eines der bedeutendsten historischen Museen der Türkei. Es war jahrhundertelang das Machtzentrum des einst mächtigsten Staates der Welt, des Osmanischen Reiches. In dieser Zeit setzte er sich unter anderem für die internationale Sichtbarkeit der osmanischen Geschichte und des kulturellen Erbes des Landes ein. Er selbst sah sich als „Kind des Osmanischen Reiches“. „Wir haben unsere Existenz den Osmanen zu verdanken. Das kann und werde ich nicht leugnen“, erklärte er einst.

Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit war Ortaylı auch für seine außergewöhnliche Sprachbegabung bekannt. Der polyglotte Historiker beherrschte neben Türkisch unter anderem Deutsch, Russisch, Englisch, Französisch und Italienisch und konnte auch historische Sprachen wie Osmanisch oder Latein lesen.

Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter internationale Kulturpreise und staatliche Ehrungen. Viele seiner Bücher über die osmanische Geschichte, über Atatürk oder über die Entwicklung der türkischen Gesellschaft wurden Bestseller.

„Für mich bedeutet ein gutes Leben, nicht untätig zu sein. Sobald man sich untätig fühlt oder es ist, läuft es schlecht. Welcher Aufgabe will man nachgehen, was will man lernen? Diese Fragen sollte man sich ständig stellen. Monotonie oder unnötiges in die Länge ziehen bedeuten Zeitverschwendung, und das ist sehr schädlich. Nehmen wir an, man setzt sich zum Essen hin, um sich zu unterhalten, nicht wahr? Eine gewisse Zeit ist gut. Sobald man es in die Länge zieht, wird es schlechter. Dasselbe gilt für das Berufsleben. Man muss die Dinge im Griff behalten.“ – İlber Ortaylı zur Frage, was für ihn gutes Leben bedeutet.

Mit dem Tod İlber Ortaylıs verliert die Türkei einen Gelehrten, der Generationen von Studierenden geprägt und die historische Debatte weit über akademische Kreise hinaus beeinflusst hat. Seine Werke und öffentlichen Beiträge werden jedoch weiterhin einen wichtigen Platz im historischen Diskurs des Landes einnehmen. In Erinnerung bleiben dürften auch seine Lebensweisheiten, etwa jene, die das Leben an sich oder das Reisen betreffen.

Er soll am Montag beerdigt werden.

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