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Halal in Deutschland: Wie Marken, Märkte und Realität zusammenfinden

  • Mai 11, 2026
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Halal in Deutschland: Wie Marken, Märkte und Realität zusammenfinden

Die Debatte um Halal-Zertifizierungen wird politisch geführt – doch die eigentliche Entwicklung ist wirtschaftlich. Immer mehr Unternehmen in Deutschland reagieren auf eine wachsende Nachfrage muslimischer Konsumenten. Marken wie Katjes oder Wiesenhof sowie Gastronomiekonzepte wie Mangal Döner zeigen: Halal ist längst Teil des Alltagsmarktes.

Die auf einer Kontaktschuld-Konstruktion beruhende Debatte um Halal-Zertifizierungen in Kölner Filialen von Mangal Döner sorgt derzeit für Aufwallungen. Sie geht aus von der SPD-Politikerin Lale Akgün, die einst für ihre aggressive Islamkritik bekannt war. Dabei werden Ex-Nationalspieler Lukas Podolski und seine Marke indirekt in die Nähe der Milli Görüş (IGMG) gerückt – weil ein Lieferant sich bei einer Organisation sein Zertifikat ausstellen ließ, die dieser nahesteht.

Was dabei leicht aus dem Blick gerät, ist jedoch das eigentlich relevante Phänomen. Hinter dem Thema verbirgt sich vor allem eine wirtschaftliche Entwicklung, die längst im Mainstream angekommen ist. Halal ist in Deutschland kein Nischenphänomen mehr, sondern ein wachsender Markt – und große Marken haben darauf längst reagiert.

Wiesenhof, Katjes – Große Marken passen sich der Nachfrage an

Immer mehr bekannte Unternehmen berücksichtigen gezielt die Bedürfnisse muslimischer Konsumenten. So hat bereits in den 2000er Jahren Wiesenhof Teile seiner Produktion halal zertifizieren lassen. Auch der Süßwarenhersteller Katjes verzichtet seit Jahren auf Schweinegelatine und positioniert sich bewusst als vegan und halal-tauglich.

Bei der von Podolski betriebenen Kette Mangal Döner kommen halal-konforme Lieferketten zum Einsatz. Allerdings erfolgt dort keine zentrale Steuerung, sondern die Zertifizierung ist eine Angelegenheit der jeweiligen Franchise-Partner und deren Zulieferer.

Entscheidend ist: Im Allgemeinen betrifft eine Halal-Zertifizierung nicht die gesamte Marke, sondern einzelne Produkte, Produktionslinien oder Lieferketten. Anders als bei einigen islamkritischen Kreisen, für die „halal“ aus ideologischen Gründen zum roten Tuch wird, geht es dabei allein um Angebot und Nachfrage – und damit den Kern der freien Marktwirtschaft.

Wie Halal-Zertifizierung in Deutschland funktioniert

Der deutsche Halal-Markt ist organisatorisch vielfältig. Eine einheitliche staatliche Zertifizierungsstelle gibt es nicht. Stattdessen gibt es mehrere private und religiös geprägte Prüfstellen. Und auch dort entscheiden allein Angebot und Nachfrage, welche dabei von Unternehmen ausgewählt werden, die sich um eine Zertifizierung bemühen.

Eine der größten privaten Zertifizierungsstellen ist etwa Halal Control. Ein international akkreditierter Anbieter ist Halal Quality Control, der beispielsweise nach malaysischen Standards arbeitet. Eine technisch orientierte Prüfstelle ist hingegen die World Halal Union.

Und dann gibt es islamische Gemeinden, die von sich aus Zertifizierungsdienstleistungen anbieten. Solche gibt es in Aachen, Hamburg oder München. Sie arbeiten mit eigenen Gütesiegeln wie RAL Halal. Das nun in Köln ins Visier geratene Europäische Halal Zertifizierungsinstitut (EZI) vergibt Zertifikate für Fleisch- und Wurstprodukte. Es weist Verbindungen zur IGMG auf, die in einzelnen Verfassungsschutzberichten noch aufgeführt ist – wenn auch schon seit 2014 nicht mehr in NRW. Allerdings dürfte diese Verbindung eher der Bequemlichkeit einer vorhandenen Infrastruktur als ideologischen Erwägungen geschuldet sein.

Unterschiede bei Standards und Auslegung

Zwischen den Zertifizierern bestehen teils erhebliche Unterschiede: Einige Stellen orientieren sich stärker an europäischen Qualitätsstandards, andere an internationalen Normen wie jenen aus Malaysia (JAKIM), Indonesien oder der OIC/SMIIC-Struktur. Nicht alle Zertifikate erfüllen dabei die Funktion „staatlicher Gütesiegel“ im klassischen Sinne, häufig entsprechen sie eher religiösen Konformitätsbescheinigungen.

Eine umstrittene Frage ist dabei die der Betäubung. Ein Teil der Zertifizierer akzeptiert beispielsweise reversible Betäubungsverfahren als halal-konform. Andere lehnen die Betäubung ab. Nach deutschem Recht kann dies problematisch sein. Im Ergebnis stellt halal jedoch nur eines von zahlreichen Marktsegmenten, die auf spezifische Verbraucherbedürfnisse eingehen – wie auch vegan, Bio oder laktosefrei.

Halal-Angebote sind aber mittlerweile alltäglicher Teil der deutschen Wirtschaft. Ob Geflügelhersteller, Süßwarenproduzent oder Gastronomiekette – sie alle reagieren auf eine wachsende, kaufkräftige Zielgruppe. Die Vielfalt der Zertifizierungen mag komplex sein, ist aber Ausdruck eines sich entwickelnden Marktes und die Konsequenz des Fehlens eines einheitlich gesteuerten Systems. Die eigentliche Geschichte ist daher keine politische, sondern eine ökonomische: Halal ist längst ein alltäglicher Bestandteil moderner Konsumrealität in Deutschland.

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