Politik

Machtkampf in der AKP: Diese Namen gelten als Erdoğan-Erben

  • Januar 19, 2026
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Machtkampf in der AKP: Diese Namen gelten als Erdoğan-Erben

Noch ist offen, ob der türkische Präsident Erdoğan in zwei Jahren tatsächlich abtritt. Doch erstmals seit langer Zeit nimmt die Debatte über seine Nachfolge konkrete Formen an. Eine Analyse des „Economist“ und aktuelle Umfragedaten zeichnen ein Bild wachsender Unsicherheit in der regierenden AKP – und deuten auf einen möglichen Machtkampf zwischen zwei Schwergewichten des Systems hin.

Noch ist nicht sicher, dass Recep Tayyip Erdoğan tatsächlich 2028 sein Amt verlässt. Die Verfassung sähe dies jedenfalls vor. Es wäre nicht das erste Mal, dass er Wege finden würde, um seine Amtszeit durch einen Trick zu verlängern. Mittlerweile mehren sich jedoch die Indizien dafür, dass die Ära Erdoğan tatsächlich endet – eines davon ist die intensivere Nachfolgedebatte in der regierenden AKP.

Sohn Bilal bestreitet Interesse an einer Präsidentschaftskandidatur

Der „Economist“ hat jüngst eine Analyse veröffentlicht. Darin hat das britische Magazin vier mögliche Nachfolger ausgemacht, die nach voraussichtlich mehr als einem Vierteljahrhundert an der Macht in Erdoğans Fußstapfen treten könnten. Ein Name, der dabei genannt wird, ist der seines Sohnes Bilal.

Dieser hat zwar im Vorjahr erklärt, er habe keine Ambitionen, dieses Amt anzustreben. Er wolle stattdessen „eine führende Persönlichkeit in der Zivilgesellschaft“ bleiben. Bilal Erdoğan wird von Gegnern bereits seit Jahren mit Korruption in Verbindung gebracht. Er gilt jedoch als bestens vernetzt und verfügt über Unterstützer in AKP-nahen Organisationen im In- und Ausland.

Vor allem mit Blick auf den Gaza-Konflikt ist er als aggressiver Redner in Erscheinung getreten. Auch gäbe es ohne Zweifel Wählerschichten, in denen er von seinem Nachnamen profitieren würde. Andererseits sind die Umfragewerte seines Vaters deutlich eingebrochen – und die der AKP. Demgegenüber liegt der CHP-Oberbürgermeister von Ankara, Mansur Yavaş, deutlich vor allen möglichen Kandidaten.

Auch Drohnenhersteller und Milli-Görüş-Altkader weit abgeschlagen

Die Wahlen 2028 könnten trotz der Instrumentalisierung der Justiz gegen führende Oppositionspolitiker zu einem Fiasko für die Partei und ihren Kandidaten werden. Es erscheint deshalb als unwahrscheinlich, dass die AKP riskieren würde, ausgerechnet Bilal Erdoğan zu verheizen.

Der „Economist“ präsentiert die Ergebnisse einer Umfrage von Refleks Data & Research. Das Institut befragte am 22. Dezember 2025 insgesamt 2.386 Personen mittels einer computergestützten Telefonumfrage. In dieser sprechen sich nur 14,2 Prozent für Bilal Erdoğan aus. Das sind kaum mehr als die 12,9 Prozent, die Selçuk Bayraktar als ihren Favoriten für die Nachfolge des Langzeitpräsidenten nennen.

Bayraktar ist als Ingenieur und Unternehmer aufgrund der Entwicklung weltweit nachgefragter Kampfdrohnen zu einer der bekanntesten Persönlichkeiten der Türkei aufgestiegen. Ob er als Politiker Erfolgschancen hätte, steht auf einem anderen Blatt. Er profitierte in erster Linie von Staatsaufträgen, was eine deutliche Nähe zur Politik voraussetzt. Andererseits ist fraglich, ob er emotional einen Zugang zu den ländlichen und religiösen Kernwählerschichten fände.

Fidan gilt derzeit als Favorit für die Erdoğan-Nachfolge

Nur 7 Prozent würden sich Numan Kurtulmuş als Erdoğan-Nachfolger wünschen. Er gilt als langjähriger Hardliner der Milli-Görüş-Bewegung und war Mitglied in mehreren später verbotenen Parteien des politischen Islam. Mit der Saadet-Partei überwarf er sich in den 2000er Jahren und gründete die Partei der Volksstimme (HAS). Diese führte er bald in die AKP über und erhielt später den Posten des Kultur- und Tourismusministers. Jenseits fundamental-religiöser Wählergruppen scheint er jedoch keinen Rückhalt zu haben.

So deutet sich ein möglicher Zweikampf um die Erdoğan-Nachfolge zwischen Außenminister Hakan Fidan und dem früheren Innenminister Süleyman Soylu an. Derzeit hätte Fidan mit 33,4 Prozent die Nase vorn. Er hat zwar nicht annähernd das Charisma des Präsidenten, aber bereits als Geheimdienstchef galt er als graue Eminenz mit ausgeprägtem Machtinstinkt. Fidan gehörte auch zu den Stichwortgebern zur Verfolgung und Zerschlagung der Gülen-Bewegung.

Mit 33,4 Prozent liegt Fidan in der Wählergunst derzeit knapp vor dem früheren Innenminister Süleyman Soylu. Dieser trat erst 2012 der AKP bei, nachdem die Demokratische Partei (DP) ihn wegen seiner Unterstützung des Verfassungsreferendums ausgeschlossen hatte. Die USA verhängten gegen ihn Sanktionen nach der willkürlichen Inhaftierung des Pastors Andrew Brunson.

Soylu stand in der Corona-Zeit schon kurz vor dem Rücktritt

Der frühere Innenminister war auch für die Amtsenthebung dutzender gewählter Bürgermeister in mehrheitlich von Kurden bewohnten Provinzen verantwortlich. Gegen die HDP-Co-Vorsitzende Pervin Buldan sprach er 2018 eine Todesdrohung aus. In der Corona-Zeit löste er durch einen kurzfristig verhängten Lockdown Panikkäufe aus und reichte seinen Rücktritt ein, der aber abgelehnt wurde.

Der bekannte Mafiaboss Sedat Peker warf Soylu einst vor, selbst in der Unterwelt verankert gewesen zu sein und ihn vor Polizeirazzien gewarnt zu haben. Der frühere Minister stand Peker zufolge mit Korruptionsnetzwerken, Drogenschmuggel und politischen Morden in Verbindung. Im Austausch für politische Unterstützung habe Soylu ihn gedeckt.

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