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Mafiöse Figuren füllen in der Türkei staatliche Leerräume – und erhalten dafür Applaus

  • April 11, 2026
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Mafiöse Figuren füllen in der Türkei staatliche Leerräume – und erhalten dafür Applaus

Ein einziger Satz kann mehr entlarven als ein ganzer Regierungssprecher auf dem Höhepunkt seiner Formulierungsakrobatik. In der Türkei reichte im Februar 2025 ein öffentliches „Allah razı olsun“ von MHP-Vizechef İzzet Ulvi Yönter, um sichtbar zu machen, wie weit sich politische Sprache bereits verschoben hat. Anlass war die bekannt gewordene Hilfe von Sedat Peker für den nach einer Erkrankung gelähmten und pensionierten Spezialeinsatzpolizisten Ömer Korkmaz. Der konkrete Fall ist dokumentiert. Verstörend ist aber nicht nur die Nachricht selbst, sondern die Normalität, mit der sie aufgenommen wurde. 

Natürlich geht es hier nicht einfach um einen einzelnen Dank oder um eine beiläufige Geste. Verstörend ist vielmehr, was in solchen Momenten sichtbar wird: Hilfe aus einem problematischen Milieu wird nicht nur registriert, sondern öffentlich in eine moralisch aufgeladene Erzählung verwandelt. Wer das bloß als menschliche Regung liest, übersieht den eigentlichen Skandal. Denn sobald fragwürdige Akteure dort Anerkennung bekommen, wo eigentlich öffentliche Verantwortung greifen müsste, verschiebt sich mehr als nur der Ton einer Debatte.

Hier liegt auch der eigentliche Kern des Problems: Mafiöse Figuren füllen staatliche Leerräume nicht deshalb, weil sie plötzlich moralische Instanzen wären, sondern weil öffentliche Schwächen politisch, medial und emotional in eine falsche Heldengeschichte übersetzt werden. Genau das macht solche Fälle so gefährlich. Nicht die Hilfe an sich, sondern die Kulisse, in der sie als Ersatz für institutionelle Verantwortung lesbar wird.

Wenn Dankbarkeit plötzlich nach Normalisierung klingt

Natürlich kann man argumentieren, Hilfe ist Hilfe. Ein kranker Mensch braucht Behandlung, eine Familie braucht Unterstützung, ein Notfall duldet kein ideologisches Seminar. Das stimmt sogar. Aber es beantwortet nicht die entscheidende Frage: Warum entsteht überhaupt ein öffentlicher Applausraum, in dem Hilfe aus einem mafiösen Umfeld nicht nur registriert, sondern geradezu moralisch aufgeladen wird?

Sobald politische Akteure solche Fälle mit wohlwollender Rhetorik begleiten, verschiebt sich etwas Grundsätzliches. Dann wird nicht mehr nur eine Tat kommentiert, sondern ein Akteur symbolisch aufgewertet. Der Satz „Allah razı olsun“ ist in diesem Zusammenhang eben nicht bloß Frömmigkeit oder Höflichkeit. Er wirkt wie eine Form öffentlicher Absolution im Kleinformat, sparsam dosiert, aber politisch hochwirksam. Aus dem Ausnahmefall wird ein anschlussfähiges Narrativ: Seht her, wo offizielle Strukturen versagen, handeln andere eben. Genau dort beginnt die eigentliche Verharmlosung.

Die Normalisierung kommt selten mit Trompeten. Sie kommt in Form beiläufiger Formeln, in freundlichem Ton, in Gesten, die man schnell als Nebensache abtut. Doch genau so verschiebt sich die Grenze des politisch Sagbaren. Was gestern noch als unerträgliche Nähe gegolten hätte, erscheint heute plötzlich als menschlich, pragmatisch oder gar ehrenwert. Das Problem liegt nicht nur in der Tat, sondern in der Sprache, die sie umhüllt.

Wohltat ist kein Gegenmodell zum Rechtsstaat

Der Fehler beginnt oft an einer sehr menschlichen Stelle. Viele Leute sehen einen konkreten Fall, sehen Leid, sehen Hilfe und ziehen daraus einen vorschnellen moralischen Schluss. Wer hilft, kann so schlimm nicht sein. Wer spendet, verdient Respekt. Wer einspringt, wo andere fehlen, zeigt Größe. Das klingt warm, direkt und lebensnah. Leider ist es politisch brandgefährlich.

Denn Wohltätigkeit ersetzt keine verlässliche Ordnung. Sie ersetzt keine sozialen Sicherungssysteme, keine Gesundheitsversorgung, keine institutionelle Verantwortung und schon gar nicht das Prinzip, dass ein Gemeinwesen nicht auf die Gnade informeller Machtzirkel angewiesen sein darf. Wenn mafiöse Figuren dort sichtbar werden, wo eigentlich öffentliche Strukturen tragen müssten, dann ist das kein Beweis für moralische Überlegenheit dieser Figuren. Es ist ein Hinweis darauf, dass öffentliche Lücken so groß geworden sind, dass sie von den falschen Leuten bespielt werden können.

Polat und Eşref als Vorbilder für eine ganze Generation

Zu dieser Schieflage trägt in der Türkei nicht nur die politische Sprache bei, sondern auch die Popkultur. Forschung zur Geschichte türkischer Fernsehserien beschreibt bereits für die späten 1990er Jahre, wie Serien wie Deli Yürek, Yılan Hikayesi und später Kurtlar Vadisi in einem Klima erfolgreich wurden, das stark von den Nachwirkungen des Susurluk-Skandals geprägt war. Neuere Produktionen führen diese kulturelle Gewöhnung auf andere Weise fort: Aile erzählt von Aslan Soykan als Kopf einer berüchtigten Verbrecherfamilie, Eşref Rüya macht aus Eşref ausdrücklich einen mächtigen Mafiosi, und Teşkilat inszeniert eine Staatslogik, in der harte, verdeckte und intransparente Macht als notwendiges Mittel erscheint. Das Problem ist nicht, dass Serien komplexe Figuren oder düstere Welten zeigen. Problematisch wird es dort, wo Unterwelt, Schutz, Loyalität und Staatsnähe in der öffentlichen Wahrnehmung so eng zusammengerückt werden, dass die Grenze zwischen krimineller Macht und legitimer Handlungsfähigkeit verschwimmt.

Wer über Jahre sieht, wie Macht mit Stil, Loyalität, Tragik und Durchsetzungsfähigkeit aufgeladen wird, verliert leichter den Blick dafür, was in der Realität dahintersteht: Gewalt, Einschüchterung, Abhängigkeit und die Zersetzung öffentlicher Ordnung. Wenn dann reale mafiöse Figuren im politischen oder medialen Raum plötzlich als Helfer, Wohltäter oder starke Männer erscheinen, fallen sie nicht mehr in ein moralisches Vakuum. Sie treffen auf ein Publikum, das mental längst darauf vorbereitet wurde, in ihnen mehr als nur Täter zu sehen. Diese kulturelle Vorarbeit ist keine Nebensache. Sie ist Teil des Problems.

Die eigentliche Zumutung steckt nicht in der Hilfe, sondern in ihrer Kulisse

Man muss deshalb fair bleiben, ohne naiv zu werden. Niemand muss eine konkrete Hilfeleistung verächtlich machen, nur weil sie aus der falschen Ecke kommt. Ein schwer kranker Mensch bleibt ein schwer kranker Mensch. Eine unterstützte Familie bleibt eine unterstützte Familie. Das Mitgefühl für Betroffene steht nicht zur Debatte. Zur Debatte steht etwas anderes: die politische und mediale Kulisse, in der solche Hilfen öffentlich verwertet werden.

Diese Kulisse produziert eine stille Botschaft. Sie lautet: Vielleicht sind die formellen Institutionen träge, kalt oder fern, aber irgendwo da draußen gibt es noch entschlossene Männer, die handeln. Genau diese Erzählung ist Gift für jede demokratische Öffentlichkeit. Sie verlegt Vertrauen aus dem Raum des Rechts in den Raum der Beziehungen, der Macht und der symbolischen Gefälligkeit. Dort zählt nicht mehr Gleichheit vor Institutionen, sondern Nähe zu denjenigen, die handeln können, weil sie sich außerhalb normaler Regeln bewegen.

Wer darin nur eine harmlose Randnotiz sieht, macht es sich zu leicht. Der eigentliche Schaden entsteht nicht erst, wenn problematische Milieus offen gefeiert werden. Er beginnt viel früher, nämlich in dem Moment, in dem politische Sprache ihnen nützliche Würde verleiht und gesellschaftliche Debatten diese Verschiebung mit einem Achselzucken quittieren. Dann wird aus dem Ausnahmefall ein Modell, aus dem Unbehagen eine Gewöhnung und aus der Gewöhnung ein stiller Verlust an republikanischem Instinkt. Genau deshalb ist die härteste Diagnose nicht moralisch, sondern institutionell: Zu sehen ist hier keine lobenswerte gute Tat, sondern das bittere Bild eines öffentlichen Raums, in dem mafiöse Figuren staatliche Leerräume füllen. Wer dieses Bild nicht sehen will, verwechselt Menschlichkeit mit politischer Kapitulation.

Info zu Resul Özçelik: Er ist Autor des Blogs „Der Integrationsblogger“ und schreibt über gesellschaftliche, politische und kulturelle Themen mit einem besonderen Blick auf Integration, Medien und öffentliche Debatten. Beruflich ist er im IT-Bereich tätig, publizistisch verfolgt er seit Jahren Themen an der Schnittstelle von Gesellschaft, Politik und Wahrnehmung.

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Resul Özçelik