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Muslime und Christen vor besonderen Wochen: Wenn Ramadan und Passionszeit sich begegnen

  • Februar 18, 2026
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Muslime und Christen vor besonderen Wochen: Wenn Ramadan und Passionszeit sich begegnen

Am heutigen Mittwoch, dem 18. Februar 2026, beginnt etwas, das es in dieser Form nur selten gibt. Christen treten am Aschermittwoch in die Passionszeit ein, Muslime beginnen am selben Abend den Ramadan. Zwei religiöse Traditionen, zwei unterschiedliche Kalender, zwei theologische Horizonte und doch ein gemeinsamer Anfang. Dass dieser Gleichklang nur alle paar Jahrzehnte vorkommt, liegt daran, dass der islamische Kalender dem Mondjahr folgt, während die christliche Liturgie am Sonnenjahr orientiert ist – mit Ausnahme des Osterfestes allerdings, das sich ebenfalls nach dem Mondkalender richtet. 2026 jedoch treffen sich beide Zeitachsen, das erste Mal seit 1928. Ein kalendarischer Zufall, der mehr sein kann als bloße Astronomie.

Ein seltener Gleichklang mit geistlicher und gesellschaftlicher Tiefe

Fasten ist in beiden Religionen weit mehr als Nahrungsverzicht. Im Koran heißt es: „O ihr, die ihr glaubt, euch ist das Fasten vorgeschrieben, wie es denen vor euch vorgeschrieben war, auf dass ihr gottesbewusst werdet“ (Sure 2,183). Ziel des Ramadan ist Taqwa, ein vertieftes Bewusstsein für Gott und die eigene Verantwortung. Auch im Christentum ist das Fasten eine Bewegung der Umkehr. Jesus fastete der Überlieferung nach vierzig Tage in der Wüste, bevor er öffentlich wirkte. Im Matthäusevangelium wird deutlich, dass Fasten keine Inszenierung sein soll, sondern ein innerer Weg: „Wenn ihr fastet, dann macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler“ (Mt 6,16).

Die äußeren Formen unterscheiden sich deutlich. Im Ramadan verzichten Gläubige von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang auf Essen und Trinken, das tägliche Fastenbrechen im Kreis der Familie oder Gemeinde gehört wesentlich dazu. In der christlichen Tradition reicht das Spektrum von verbindlichen Fasttagen bis zu individuellen Formen der Askese. Doch die innere Dynamik ähnelt sich. Der Mensch begrenzt sich freiwillig, um sich neu auszurichten. Weniger Konsum, weniger Ablenkung, weniger Selbstbezogenheit. Mehr Gebet, mehr Bewusstsein, mehr Verantwortung.

Zwischen Spiritual- und Solidarität

Fasten bleibt nicht im Inneren stehen. In beiden Traditionen verbindet sich die Gottesbeziehung mit sozialer Verantwortung. Im Ramadan ist die Unterstützung Bedürftiger fester Bestandteil religiöser Praxis. Das eigene Hungergefühl schärft den Blick für diejenigen, die unfreiwillig verzichten. Auch die christliche Passionszeit ist historisch eng mit Almosen und sozialem Engagement verbunden. Der Verzicht auf Überfluss soll anderen zugutekommen.

Gerade in einer Gesellschaft, die von Beschleunigung und ständiger Erreichbarkeit geprägt ist, wirkt diese Haltung wie ein bewusster Einspruch. Fasten unterbricht Routinen. Es relativiert das scheinbar Unverzichtbare. Es stellt die Frage, wovon und wofür wir wirklich leben. Wer sich freiwillig beschränkt, entdeckt oft eine neue Sensibilität für Mitmenschen. Spirituelle Disziplin wird zur Schule der Empathie.

Der zeitgleiche Beginn von Ramadan und Passionszeit im Jahr 2026 eröffnet deshalb eine besondere Möglichkeit. Wenn Millionen Menschen parallel fasten, entsteht ein Resonanzraum. Moschee- und Kirchengemeinden könnten einander besuchen, Gesprächsabende organisieren oder gemeinsam über Sinn und Praxis des Fastens sprechen. Nicht um Unterschiede aufzulösen, sondern um sie respektvoll zu benennen und voneinander zu lernen.

Eine Chance für den Dialog

Dialog bedeutet nicht Vermischung, sondern Begegnung in Klarheit. Christlicher Glaube bleibt christlich, islamischer Glaube bleibt islamisch. Doch beide kennen die Erfahrung, dass der Mensch durch Verzicht innerlich freier werden kann. Beide wissen um die Kraft der Besinnung und um die Verantwortung gegenüber dem Nächsten.

In einer Zeit, in der Religion häufig als Konfliktlinie wahrgenommen wird, kann dieser Gleichklang ein anderes Bild zeichnen. Er zeigt, dass religiöse Praxis nicht nur Identität markiert, sondern Selbstbegrenzung einübt. Dass Glaube nicht nur trennt, sondern auch verbindet, wenn er ernst genommen wird.

Heute beginnt daher mehr als eine liturgische Phase. Es beginnt eine Zeit, in der zwei große Glaubensgemeinschaften sich gleichzeitig auf einen Weg der Umkehr und Konzentration begeben. Vielleicht liegt in diesem parallelen Aufbruch eine leise Botschaft. Dass Gott größer ist als unsere Differenzen. Und dass im freiwilligen Verzicht eine Verbindung entstehen kann, die tiefer reicht als politische Debatten oder kulturelle Zuschreibungen.

*Kadir Boyacı ist Soziologe und islamischer Theologe, außerdem Geschäftsführer des Forums für Interkulturellen Dialog e.V., das der Gülen-Bewegung, die sich selbst als „Hizmet“ bezeichnet, nahesteht.

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