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Skispringer Fatih Arda İpcioğlu: „Ich bin mehr als Eddie the Eagle“

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Fatih Arda İpcioğlu war auch in Innsbruck wieder einer der gefragtesten Skispringer. DTJ sprach mit ihm über seinen Werdegang.

Am Horizont in Götzens nahe Innsbruck ist kein blauer Schimmer zu sehen. Regenwolken verdunkeln den Himmel, Regen ist jedoch nicht zu erwarten. Zwei Kameramänner nehmen im Beisein von zwei Redakteurinnen Bilder von zwei jungen Sportlern auf – daneben steht der Trainer in seiner roten Daunenjacke. Hinten auf seinem Rücken steht „Türkiye“. Es ist der aus Slowenien stammende Nationaltrainer Frank Nejc, der den türkischen Shootingstar Fatih Arda İpcioğlu und dessen Teamkollegen Muhammet İrfan Cintimar beobachtet, der dank İpcioğlu bei der Vierschanzentournee antreten durfte. Unser Gesprächspartner wirkt gelassen – sein Erfolg in den letzten Tagen war aber alles andere als gewöhnlich. Als erster türkischer Skispringer überhaupt konnte er an einem Weltcup teilnehmen, die Qualifikation bestehen und Weltcup-Punkte sammeln.

Die außergewöhnliche Geschichte des „fliegenden Türken“ – wie ihn die türkischen Medien jetzt bezeichnen – beginnt im Jahr 1997 in Erzurum. Viele erwarten vermutlich, dass hier eine Erfolgsstory mit intensiver familiärer Betreuung und staatlicher Unterstützung erzählt wird. Doch dem ist nicht so. Vielmehr kann von einer One-Man-Show eines jungen Mannes die Rede sein, der jetzt in einem kleinen Alpendorf auf der Straße steht und sich auf einen Sprint vorbereitet.

Ein kleiner Bub in Ostanatolien

Ganz so wie in den Bergen von Erzurum ist es hier natürlich nicht, als er noch Sprungschanzen gebastelt hat, um sich einen Adrenalinkick zu gönnen. Denn das von seinem Vater – ebenfalls ein Skifahrer – beigebrachte Abfahren auf den Skiern war ihm gleich danach schon zu wenig. Das war es nämlich auch schon mit dem familiären Erbe. İpcioğlu begann allmählich, von allen möglichen Hügeln herunterzuspringen.

Als er 2008 eine Ausschreibung sah, traute er seinen Augen kaum. Der türkische Skiverband wolle Wintersportler:innen ausbilden, um einige Türkischstämmige bei der Winter-Universiade 2011 in Erzurum an den Start zu bringen. „Als ich mich bewerben wollte, dachte mein Vater erst, dass ich die Schule schwänzen will“, erinnert sich İpcioğlu. Dennoch ließ er ihn nicht nur gewähren, sondern besorgte auch gute Skier für seinen Sohn. Nur zur Leihe für den Eignungstest wohlgemerkt, eigene hatte er bis dato nicht. Ein Team aus Slowenien sah sich die Bewerber:innen an. İpcioğlu wurde gewählt.

Erste und einzige Schanze in der Türkei

Doch ein kleines Problem blieb: Es gab keine Sprungschanze in der Türkei. Sie musste bis zur Universiade noch gebaut werden. Deswegen trainierten die Nachwuchssportler:innen über drei Wochen lang in Slowenien. Dann folgten immer mehr Sprünge mit professionellen Trainern. Ein herkömmliches Nationalteam mit Co-Trainern, Physiotherapeuten und Masseuren blieb für ihn bis heute ein Traum. Auch ein persönliches Gespräch beim türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan brachte keine Lösung.

„Das war und ist kein Hindernis für mich“, sagt der tüchtige Sportler. Immer wieder schaffte er tatsächlich das kaum für möglich Gehaltene. Als er einen gewissen Rhythmus entwickelt hatte, musste er mit einem schweren Schicksalsschlag kämpfen. Während eines Trainings in Slowenien brach er sich 2012 das linke Bein. Die Familie riet ihm, aufzuhören. Doch keine Chance. Nach einem Jahr stand er schon wieder auf dem Startbalken. Er vergleiche sich mit Michael Edwards, dem ersten Skispringer, der für Großbritannien bei Olympischen Winterspielen an den Start ging, sagt er im Gespräch. Er verweist auf den weltbekannten Film „Eddie the Eagle“ und fügt hinzu: „Ich bin noch mehr als er“.

„Nicht einmal der türkische Verband ist sich im Klaren, was das bedeutet“

Wer kann behaupten, dass er übertreibt? Der 24-Jährige sammelte als erster türkischer Skispringer überhaupt Weltcup-Punkte. Dafür musste er zu den ersten 30 Springern gehören. Das schaffte er. Unter diesen 30 ist er der einzige, der keine persönlichen Sponsoren hat. İpcioğlu schüttelt den Kopf: „Nicht einmal der türkische Skiverband ist sich im Klaren, was das alles bedeutet“. Doch auch das ist kein Problem für ihn.

„Für mich ist das wichtigste die schwebende türkische Flagge“, sagt der Patriot aus Erzurum. Anscheinend fand auch sein slowenischer Trainer den richtigen Zugang. Mit osmanischer Mehter-Musik begleitet er die Einheiten. Nach der Vierschanzentournee stehen im Februar die Olympischen Winterspiele in China an. Auch dort wird er dabei sein und freut sich bereits, seine Farben repräsentieren zu dürfen.

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