Türkei und die Atombombe: Ankara spielt mit dem nuklearen Tabu
Der türkische Außenminister Hakan Fidan warnt vor einem atomaren Dominoeffekt im Nahen und Mittleren Osten – und deutet an, dass auch die Türkei im Ernstfall nachziehen könnte. Damit bekommt eine alte Idee in Ankara neue Schärfe: die Sehnsucht nach nuklearer Abschreckung.
Der Satz fiel in einem heimischen TV-Interview, doch er hallt weit über die Grenzen der Türkei hinaus: Sollte der Iran Atomwaffen erlangen, könne in der Region ein Wettrüsten beginnen – und Ankara wäre womöglich nicht in der Lage, sich dem zu entziehen. Mit dieser Botschaft entfachte Außenminister Hakan Fidan eine Diskussion neu, die Präsident Recep Tayyip Erdoğan seit Jahren immer wieder berührt: die Frage, ob die Türkei eines Tages selbst zur nuklearen Macht werden will.
Offiziell ist die türkische Position klar. Das Land ist dem Atomwaffensperrvertrag beigetreten und hat sich damit verpflichtet, keine Kernwaffen zu erwerben. Doch Fidans Einlassung legt nahe, dass diese Selbstbindung in Ankara nicht als unverrückbare Konstante gilt, sondern als politischer Rahmen, der unter veränderten Sicherheitsbedingungen ins Wanken geraten könnte.
Strategisches Gleichgewicht gefährdet?
Ein nuklear bewaffneter Iran wäre aus Sicht der türkischen Führung nicht nur ein weiterer Risikofaktor – er würde das strategische Gleichgewicht in der Region grundsätzlich verschieben. Dass die Debatte nicht neu ist, hat Erdoğan selbst vor Jahren deutlich gemacht. Immer wieder ließ er durchblicken, dass er die globale Ordnung der Abschreckung als ungerecht empfindet: Einige Staaten verfügen über Atomwaffen, andere sollen dauerhaft darauf verzichten.
Diese Sicht passt zu Erdoğans Anspruch, die Türkei als eigenständige Macht zu etablieren – weniger abhängig von westlichen Sicherheitsgarantien, selbstbewusster gegenüber Rivalen, schwerer erpressbar. Parallel dazu entsteht im Land eine zivile Atom-Infrastruktur, die geopolitisch Aufmerksamkeit erzeugt.
Türkische Annäherung an Pakistan
Mit dem Kraftwerksprojekt Akkuyu an der Mittelmeerküste steigt die Türkei in die Kernenergie ein – mit russischer Finanzierung, Bau- und Betriebsverantwortung. Ein solches Programm ist zunächst energiepolitisch motiviert, schafft aber langfristig auch Kompetenzen, Anlagen und Abläufe, die international stets unter dem Blickwinkel möglicher Doppelnutzung betrachtet werden.
Hakan Fidan: Der mysteriöse Außenminister im Zentrum der Macht
Die Technik allein ist noch kein militärischer Weg – aber sie kann Optionen erweitern, wenn eine politische Führung irgendwann beschließt, Grenzen auszutesten. Auch außenpolitische Kontakte spielen in die Wahrnehmung hinein. Beobachter verweisen auf die Annäherung an und ohnehin gute Beziehung zu Pakistan, eine Atommacht mit entsprechender Erfahrung.
Fidans politisches Signal
Das ist zwar noch kein Beleg für ein konkretes türkisches Waffenprogramm, erhöht aber die Sensibilität: In einer Region, in der Abschreckung zunehmend als Währung gilt, werden auch indirekte Netzwerke und Lernmöglichkeiten sorgfältig registriert. Besonders aufmerksam reagiert Israel. Dort treffen Fidans Signale auf ein Verhältnis, das sich in den vergangenen Jahren stetig verschlechtert hat – und seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 sowie dem Gaza-Krieg einen Tiefpunkt erreicht hat.
Die türkische Führung positioniert sich scharf gegen Israel, während Israel die Türkei wegen ihres offensiveren Auftretens in der Außenpolitik und Erdoğans Nähe zur Hamas zunehmend als Risiko betrachtet. In diesem Umfeld bekommt jede Andeutung nuklearer Optionen eine zusätzliche Dimension: Sie wirkt nicht nur wie eine sicherheitspolitische Überlegung, sondern wie ein Machtanspruch. Fidans Interview ist weniger ein technischer Ausblick als ein politisches Signal: Die Türkei will und wird in einem möglichen neuen Sicherheitszeitalter sehr wahrscheinlich nicht am Rand stehen.



