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Skandale und Politik: Druck auf deutsch-türkische Eliteschule in Istanbul wächst

  • April 26, 2026
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Skandale und Politik: Druck auf deutsch-türkische Eliteschule in Istanbul wächst

Das traditionsreiche İstanbul Erkek Lisesi steht vor einem möglichen Einschnitt: Berichten zufolge plant die türkische Regierung eine deutliche Reduzierung des deutschsprachigen Unterrichts. Gleichzeitig belasten Gewalt- und Sexismusskandale sowie politische Spannungen zwischen Ankara und Berlin das deutsch-türkische Kooperationsmodell.

Das İstanbul Erkek Lisesi (IEL) blickt einer ungewissen Zukunft entgegen. Die Eliteschule mit angeschlossenem Internatsbetrieb wird nicht nur von Gewalt- und Sexismusskandalen erschüttert. Auch die beiden Kooperationspartner beim Betrieb der Einrichtung – der türkische und der deutsche Staat – reden zunehmend aneinander vorbei.

Berichten der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und der „Deutschen Welle“ zufolge soll die Regierung in Ankara planen, den deutschsprachigen Unterricht zu reduzieren. So soll die Zahl der deutschsprachigen Eingangsklassen verringert werden. Außerdem soll es ab Sommer 2026 statt fünf bis sechs nur noch zwei „deutsche“ Klassen geben. In Deutschland betrachtet man dies als Infragestellung des jahrzehntelangen Kooperationsmodells.

Eliteschule galt lange als deutsch-türkisches Vorzeigeprojekt

Das IEL wurde 1884 als private Einrichtung unter dem Namen Şems-ül Mekatib im Bezirk Cağaloğlu der Stadtteilgemeinde Fatih gegründet. 1896 verstaatlichte das Osmanische Reich die Einrichtung, unter dem heutigen Namen besteht das „Istanbuler Jungen-Gymnasium“ seit 1923. Seit 1964 dürfen auch Mädchen die Schule besuchen – der Name wurde jedoch beibehalten.

Eine Kooperation zwischen Deutschland und der Türkei im Bildungswesen besteht seit mehr als 100 Jahren. Seit 1957 gibt es ein deutsch-türkisches Kooperationsabkommen. In diesem heißt es, beide Vertragsparteien würden „bemüht sein, sich gegenseitig dabei zu unterstützen, ihren Völkern die Kenntnis der Kulturgüter des anderen Landes zu vermitteln“. An der Schule unterrichten zurzeit 35 deutsche Lehrer, die aus deutschen Steuermitteln bezahlt werden. Die dafür aufgewendete jährliche Summe soll eine siebenstellige Höhe erreichen.

Die deutsche Zentralstelle für das Auslandsschulwesen vermittelt diese – insgesamt sind es in der gesamten Türkei 80 deutsche Lehrer. Die Kultusministerkonferenz erkennt die IEL offiziell als Deutsche Auslandsschule an. Es ist möglich, an der Einrichtung sowohl deutsche als auch türkische Schulabschlüsse zu erwerben.

Selbstjustiz nach sexistischen Exzessen gegen Schülerinnen

Gegen Ende des Vorjahres hatte es in der Schule einen landesweit beachteten Skandal gegeben. Am 24. November 2025 stürmte Berichten zufolge eine zehnköpfige Gruppe von Elftklässlern den Wohnheimbereich der 9. Klassen und verprügelte sieben Schüler schwer. Der Übergriff war offenbar eine Form von Selbstjustiz.

Zuvor war bekannt geworden, dass die Neuntklässler eine Liste gepflegt haben sollen, auf der die Namen von mehr als 500 Mitschülerinnen vermerkt worden seien. Diesen habe man anschließend beleidigende, sexistische und entwürdigende Kommentare beigefügt. Außerdem sollen sich die Schüler unautorisierten Zutritt zu deren Wohnheim verschafft und unerlaubt Aufnahmen von den Mädchen angefertigt haben.

Die Racheaktion soll von Eltern der Betroffenen gebilligt gewesen sein. Die Schülerinnen sprachen in einer Erklärung von einer „Atmosphäre der Unsicherheit und Drohungen, die unsere Schule infiltriert hat“. Man habe sie „verbalem Missbrauch und psychischer Gewalt“ ausgesetzt. Der Gouverneur von Istanbul und die eingesetzten nationalen Bildungsinspektoren leiteten eine Untersuchung ein.

Irritationen um angebliches „Weihnachtsverbot“

Im Dezember geriet die IEL aber auch in Deutschland in die Schlagzeilen. Angeblich soll es, so berichteten Medien, eine Anweisung der türkischen Schulleitung an die deutschen Lehrer gegeben haben, das Weihnachtsfest ab sofort nicht mehr zum Gegenstand des Unterrichts zu machen. Das Auswärtige Amt hatte daraufhin seine Empörung zum Ausdruck gebracht, deutsche Parteien hatten protestiert.

Allerdings soll es eine solche Anweisung gar nicht gegeben haben. Aus dem Lehrkörper hieß es wenig später in einer Erklärung: „Nach gemeinsamer Sitzung zwischen der türkischen Schulleitung und der Leitung der Deutschen Abteilung können wir mitteilen, dass kein Verbot vorliegt, Weihnachten im Unterricht zu besprechen.“

Auf X erklärte der AKP-Politiker Mustafa Sentop jedoch, es dürfe keine „Missionierung“ in staatlichen Schulen erfolgen. Deutschen Stellen warf er in diesem Kontext Doppelmoral vor: „Geht es um den Islam, ist die ‚laizistische Bildung‘ wichtig. Wenn es um das Christentum geht, denkt man nicht an Laizismus oder dergleichen. Dann heißt es Kulturaustausch.“

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