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Debatte um Kunstfreiheit in der Türkei: Mabel Matiz freigesprochen

  • Mai 16, 2026
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Debatte um Kunstfreiheit in der Türkei: Mabel Matiz freigesprochen

Der türkische Popsänger Mabel Matiz ist in Istanbul vom Vorwurf freigesprochen worden, mit einem Liedtext gegen Vorschriften zu „obszönen Inhalten“ verstoßen zu haben. Das Verfahren gegen den Künstler hatte international Aufmerksamkeit erregt, da Kritiker darin einen weiteren Versuch sehen, Kunst- und Meinungsfreiheit in der Türkei einzuschränken.

Einen wichtigen Erfolg hat am vergangenen Freitag der türkische Popsänger Mabel Matiz vor einem Gericht in Istanbul errungen. Wie die Nachrichtenagentur „Anka“ berichtet, hat ihn dieses vom Vorwurf freigesprochen, durch Teile eines Liedtextes den Tatbestand der Verbreitung obszöner Inhalte erfüllt zu haben.

Der 40-Jährige, dessen bürgerlicher Name Fatih Karaca ist, war nach Artikel 226 des türkischen Strafgesetzbuches angeklagt. Dieser verbietet obszönes Gebaren in der Öffentlichkeit – insbesondere mit Blick auf die abstrakte Gefahr einer Konfrontation von Kindern mit diesem. Die Strafdrohung dafür reicht von sechs Monaten bis zu drei Jahren. Der 54. Strafgerichtshof von Istanbul sah jedoch den Tatbestand im Fall des Sängers nicht als erfüllt an.

Ministerium wollte Matiz-Song von Plattformen verbannen

Gegenstand der Anklage war der Text des Songs „Perperişan“ (Am Boden zerstört). Dieser war auf digitalen Musikplattformen verfügbar, zu denen auch Kinder Zugang hätten. Die Staatsanwaltschaft sah in dem Text „körperliche und emotionale Metaphern“, die sexuell konnotiert seien.

Als eine Art Nebenkläger im öffentlichen Interesse beteiligte sich auch das Ministerium für Familie und Soziales an dem Verfahren. Dieses ließ sich durch einen Anwalt vertreten, der eine Verurteilung des Sängers forderte. Das Gericht sah den Nachweis einer strafbaren Handlung jedoch nicht als erbracht an.

Bereits im Vorjahr hatte das Ministerium Musikstreaming-Plattformen dazu aufgefordert, den Zugang zu dem Song einzuschränken, weil dieser die öffentliche Moral verletze. Gleichzeitig bereitete das Innenministerium eine Strafanzeige vor, die in weiterer Folge die Staatsanwaltschaft auf den Plan rief.

Sänger bestritt von Beginn an, gegen Gesetze verstoßen zu haben

Ein Gericht ordnete später eine Zugangssperre für das Lied auf YouTube, Spotify und Apple Music an. Außerhalb der Türkei ist der Song nach wie vor zugänglich – unter anderem auch auf Deezer. Matiz, der als musikalisches Aushängeschild der LGBTQ*-Community gilt, ist seit Anfang der 2010er Jahre auch in der breiten Bevölkerung populär.

Er erklärte, sein Song verwende Metaphern, um in der Tradition türkischer Volksliteratur eine Liebesgeschichte zu erzählen. Ein Gesetz verletze er nicht. Angesichts des Vorgehens der türkischen Regierung gegen ihn und seine Musik erklärte Matiz: „Ich hoffe, dass die öffentliche Ordnung und unser kollektives Wohl nicht so zerbrechlich sind, dass sie durch ein bloßes Lied gestört werden könnten.“

Matiz-Anwalt: „Vorgehen verletzt Meinungsfreiheit“

Auch sein Anwalt Hüseyin Ersöz kritisierte die Anklage und die gegen den Sänger auferlegten Beschränkungen. Diese seien rechtswidrig, da künstlerische und literarische Werke nach türkischem Recht geschützt seien. Auf X schrieb er: „Man mag ein Kunstwerk vielleicht nicht mögen, aber wenn man es zum Gegenstand einer strafrechtlichen Untersuchung macht, verletzt man die Meinungsfreiheit.“

Erst im Dezember 2025 wurden Mitglieder der türkischen Musikgruppe Manifest jeweils zu fast vier Monaten Haft wegen „unsittlichen Verhaltens“ verurteilt. Auslöser war ein Konzert, das sie vergangenen September im Küçükçiftlik-Park in Istanbul gegeben hatte. Die Urteile wurden vom Gericht ausgesetzt.

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