Differenzierung statt Verdacht: Ein erfrischend anderer Beitrag zur Islamdebatte in Deutschland
Kurz vor dem heiligen Fastenmonat Ramadan ist der Islam wieder ein beliebtes Thema für zahlreiche Redaktionen. In Deutschland genießen der Islam und die Muslime in der medialen Berichterstattung keine besonders charmante Behandlung. Oft werden noch Klischees bedient, Feindbilder geschürt und Alarmismus betrieben. Wie es anders gehen kann, zeigt ein Artikel in „Die Welt“.
Der Text „Der Islam gehört zu unserem Land – das hat Konsequenzen“ markiert einen bemerkenswerten Bruch mit dem Ton, den man von Welt-Korrespondent Till-Reimer Stoldt aus früheren Beiträgen kennt. In seinem Meinungsbeitrag dominiert Differenzierung und statt Provokation eine argumentative Ernsthaftigkeit, die sichtbar auf Verständigung zielt.
Besonders überzeugend ist der Einstieg mit einem alten Kinderlied. „C – A – F – F – E – E, trink nicht so viel Ca-a-a-affee! Nicht für Kinder ist der Türkentrank, schwächt die Nerven, macht dich blass und krank. Sei doch kein Muselmann, der das nicht lassen kann!“ Noch vor 20 Jahren, erinnert Stoldt, wurde dieses Lied an deutschen Schulen gesungen.
Dieser Einstieg in den Artikel des erfahrenen Journalisten ist konkret und emotional anschlussfähig, ohne sentimental zu wirken. Der Autor machte damit früh klar, dass es ihm nicht um abstrakte Identitätspolitik geht, sondern um reale Erfahrungen von Ausgrenzung von rund einem Fünftel der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft – ein Zugang, der auch skeptische Leser abholt.
Stoldt entlarvt Doppelstandards, ohne polemisch zu werden
Stoldts zentrale Stärke liegt in der konsequenten Kritik an begrifflicher Grobheit. Die Analyse der „Islamismus-Keule“ und der problematischen Gleichsetzung politischer, konservativer oder religiöser Haltungen mit Extremismus ist sachlich fundiert und argumentativ sauber. Besonders wirksam ist der Vergleich mit dem Christentum: Er entlarvt implizite Doppelstandards, ohne polemisch zu werden.
In seinen Zeilen ist eine pragmatische Anerkennung der muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger zu erkennen. Die AfD würde aktuell die „Islamismus-Keule“ schwingen und wieder vermehrt Muslime in ihren Narrativen aus Deutschland ausschließen. Doch die künftigen „20 Prozent“ muslimischen Schüler würden die AfD überstehen. An Auswanderung würden sie nur denken, wenn die AfD an die Macht kommen würde, wozu es „Gott sei Dank“ nicht kommen werde.
Auch die Einordnung der Türkei-Debatte bleibt auffallend nüchtern. Unabhängig davon, wie man Präsident Erdoğan politisch bewertet, ist der Hinweis korrekt, dass autoritäre Politik nicht automatisch islamistisch ist. Diese Klarstellung trägt zur notwendigen Trennung von Religionszugehörigkeit, politischer Loyalität und Extremismus bei.
Selbstkritik als Glaubwürdigkeitsfaktor
Hervorzuheben ist die explizite Selbstkorrektur des Autors im Umgang mit der Ditib. Die offene Distanzierung von der früheren „Feind“-Rhetorik verleiht dem Text Glaubwürdigkeit und zeigt journalistische Integrität. Diese Passage signalisiert Lernfähigkeit – eine Qualität, die in polarisierten Debatten selten geworden ist. Schließlich verschließt er seine Augen nicht vor den Tausenden „Seelsorgern, Sterbehelfern, Seniorenbegleitern, Nachhilfebetreuern oder Religionsbeauftragten, die sich vor Ort um ihre Gemeindeglieder kümmern.“
Auch der Umgang mit Antisemitismusvorwürfen ist differenziert: Stoldt relativiert diese nicht, warnt aber vor pauschaler Zuschreibung und Vorverurteilung. Damit bewegt er sich auf einem schmalen Grat – und meistert ihn bemerkenswert souverän.
Ein Text mit politischer Relevanz
Der Artikel argumentiert implizit staatspolitisch: Wer ein Fünftel der kommenden Generation permanent unter Generalverdacht stellt, gefährdet sozialen Zusammenhalt und demokratische Stabilität. Diese Perspektive ist weder moralisch überhöht noch alarmistisch, sondern rational begründet. Die Metapher des „religiösen Zweistromlands“ ist dabei klug gewählt: Sie vermeidet Bedrohungsnarrative und beschreibt stattdessen eine strukturelle Realität, die politisch gestaltet werden muss.
Dieser Beitrag wirkt nicht wie ein Gefälligkeitsstück oder Positionswechsel aus Opportunismus, sondern wie ein ernstzunehmender Versuch, eine festgefahrene Debatte zu entkrampfen. Gerade weil er aus der Feder eines bislang islamkritischen Autors stammt, entfaltet er besondere Wirkung. Kritischer Journalismus und faire Differenzierung scheinen für Stoldt kein Widerspruch zu sein.



