Pitbulls wirken oft bedrohlicher als sie sind, in vielen Ländern kommt es aber dennoch regelmäßig zu Angriffen. Quelle: Pixabay

Ein Pitbull-Angriff auf ein kleines Mädchen hat eine neue Debatte in der Türkei ausgelöst. Mit seinen Worten über Pitbull-Halter fachte Präsident Erdoğan diese noch weiter an – selbst unter seiner Anhängerschaft.

Neben der turbulenten Entwicklung rund um die türkische Wirtschaft und Lira bestimmt derzeit ein eher unscheinbares Thema die Schlagzeilen der türkischen Medien: Pitbull-Attacken. Der kürzliche Angriff von zwei Pitbulls auf ein vierjähriges Mädchen im südostanatolischen Gaziantep, das dabei schwer verletzt wurde, rief den türkischen Präsident Recep Tayyip Erdoğan auf den Plan, auf das Thema einzugehen. „Ich rufe die Stadtverwaltungen dazu auf, Schritte zu unternehmen, Tiere ohne Herrchen von der Straße einzusammeln“, sagte er auf einer Rede vor Parteimitgliedern in Gaziantep.

Mit seinen Worten gegen Hundebesitzer:innen löste der Präsident dann eine Kulturdebatte aus: „Schaut, was unserem Töchterchen Asiye widerfahren ist. Weiße Türken, haltet eure Tiere im Zaum“.

„Weiße Türken“ vs. „Schwarze Türken“

Den Begriff „weiße Türken“ dürfte der Präsident bewusst gewählt haben. Dieser wird in der politischen Literatur meist als Synonym für die wohlhabende, republikanische Elite der Türkei, vor allem für Anhängerschaft des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürks genutzt, die eher eine westlich orientierte Lebensweise pflegt.

Das vermeintliche Gegenpol bilden die „schwarzen Türken“, die eher einen islamisch geprägten, anatolischen Lebensstil führen. Es sind beides Termini, die das politische Dasein der Türkei seit über 40 Jahren prägen und oft für die gesellschaftliche Spaltung der Türkei genutzt werden.

„Diese Hunde gehören jenen, die viel Geld haben“, nutzte Erdoğan die Gunst der Stunde und bewies damit einmal mehr, dass er das Prinzip „Teilen und herrschen“ sehr gut beherrscht. Kritik an diesen Sätzen kam unter anderem von der Opposition. Der Sprecher der kemalistischen CHP, Faik Öztrak, warf dem türkischen Präsidenten vor, den Pitbull-Angriff ausnutzen und die Gesellschaft spalten zu wollen. „Es gibt in diesem Land keine Spaltung in weiße und schwarze Türken“, so Öztrak.

„Das kann ich auch nicht nachvollziehen, mein intelligenter Präsident“

Doch überraschenderweise erntete Erdoğan diesmal auch aus den eigenen Reihen Widerspruch; beispielsweise von Tuğba Ekinci. Die türkische Pop-Sängerin postete auf Instagram ein Foto des Präsidenten und schrieb dazu, dass sie das Staatsoberhaupt, den sie als „mein intelligenter Staatspräsident“ bezeichnet, besonders möge, aber die neue Entscheidung bezüglich Straßenhunden nicht nachvollziehen könne.

Erste Stadtverwaltungen legen nach dem Aufruf Erdoğans bereits eine Abwehrhaltung an den Tag. Die Stadtverwaltung Izmir, mit dem CHP-Bürgermeister Tunç Soyer an der Spitze, twitterte, dass es in der Provinzstadt keine neue Regelung bezüglich Straßenhunden geben werde. Indes berichten türkische Medien, dass vor wenigen Tagen erneut ein Mann in Gaziantep von einem Pitbull angegriffen und an 16 unterschiedlichen Stellen verletzt wurde. Zudem soll es in Ankara einen Zwischenfall gegeben haben, bei dem ein Zehnjähriger offenbar mit dem Schrecken davon kam.