Einheit oder Selbstbestimmung: Kurden in Syrien am Wendepunkt
Eine fragile Waffenruhe liegt über Nordostsyrien. Für vier Tage sollen die Waffen seit Montag schweigen – vier Tage, in denen sich entscheidet, ob das kurdische Autonomieprojekt Rojava eine Zukunft hat oder unter die Kontrolle der neuen syrischen Zentralregierung gerät. Der Machtkampf am Euphrat ist mehr als ein regionaler Konflikt.
Seit dem Sturz des syrischen Machthabers Baschar al-Assads im Dezember 2024 versucht die neue Regierung unter Präsident Ahmed al-Scharaa, das zersplitterte Land wieder zu einen. Besonders umkämpft ist der Nordosten, wo die kurdisch geführte Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien bislang weitgehend autonom agierte.
Nun stehen sich zwei politische Visionen gegenüber – und beide beanspruchen die Zukunft Syriens für sich. Denn im kurdisch geprägten Nordosten geht es nicht nur um Territorium. Es geht um die Frage, wie dieses Land nach 14 Jahren Krieg regiert werden soll – zentralisiert oder föderal, homogen oder plural, kontrolliert oder ausgehandelt.
Ein Staat sucht seine Form
Al-Scharaa steht unter enormem Erwartungsdruck. Nach Jahren der Zersplitterung soll Syrien wieder ein handlungsfähiger Staat werden. Der Anspruch ist klar: keine bewaffneten Parallelstrukturen, keine autonomen Militärzonen, keine Kontrolle über Öl, Grenzen und Infrastruktur außerhalb Damaskus’.
Im Zentrum dieses Anspruchs steht der Nordosten. Dort regiert die Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien seit Jahren ein Gebiet von enormer wirtschaftlicher und geopolitischer Bedeutung. Öl- und Gasfelder, der Tabqa-Staudamm, landwirtschaftliche Kernregionen – wer hier herrscht, kontrolliert mehr als nur Provinzen. Al-Scharaas Angebot an die Kurden wirkt daher wie ein politischer Tauschhandel: kulturelle Anerkennung gegen militärische Unterordnung, Teilhabe am Staat gegen Aufgabe realer Macht.
Das Experiment Rojava
Für die kurdische Seite steht mit Rojava weit mehr auf dem Spiel als Verwaltungszuständigkeiten. Die Autonomie war das Ergebnis eines langen Kampfes – gegen das Assad-Regime, gegen den sogenannten Islamischen Staat, aber auch gegen jahrzehntelange politische Unsichtbarkeit. Inspiriert von den Ideen des sozialistischen Terroristen Abdullah Öcalans entstand ein System, das auf lokale Selbstverwaltung, ethnische Koexistenz und formale Gleichstellung der Geschlechter setzte.
Zehn Jahre Rojava: Bedrohtes Demokratie-Experiment in Nordsyrien
International wurde dieses Modell bewundert, mitunter idealisiert. Gleichzeitig blieb es widersprüchlich. In arabischen Gebieten regierte die Selbstverwaltung häufig zentralistisch, oppositionelle Stimmen wurden eingeschränkt, Loyalität eingefordert. Mit dem militärischen Erfolg wuchsen auch Arroganz und Distanz zur lokalen Bevölkerung – ein Versäumnis, das sich nun rächt.
Die verschobene Schutzmacht
Lange konnten sich die Syrian Democratic Forces (SDF) auf die Unterstützung der USA verlassen. Im Kampf gegen den IS waren sie unverzichtbar. Doch mit dem Machtwechsel in Damaskus haben sich die Prioritäten Washingtons verschoben. Stabilität, so die neue Lesart, gehe vor Autonomie.
Diese Neubewertung trifft die Kurden in einem Moment größter Verwundbarkeit. Militärisch geraten sie an mehreren Fronten unter Druck: von Regierungstruppen im Süden, von Türkei-nahen Milizen im Norden, von verbliebenen IS-Zellen im Osten. Der Rückzug aus Städten wie Rakka und aus Gefängnissen mit Tausenden Dschihadisten verschärft die Lage zusätzlich – sicherheitspolitisch wie symbolisch.
Angst vor dem Dazwischen
Hinzu kommt ein tief sitzendes Misstrauen gegenüber der neuen Führung in Damaskus. Al-Scharaa hat sich öffentlich von seiner dschihadistischen Vergangenheit distanziert, doch Teile seines Machtapparats denken weiterhin in religiösen Kategorien. Berichte über Gewalt gegen Minderheiten nähren die Sorge, dass Rechte, die in Rojava selbstverständlich waren, künftig verhandelbar werden.
Für die kurdische Führung ist das ein Dilemma: Ein Entgegenkommen gegenüber Damaskus könnte das Ende politischer Autonomie bedeuten. Eine Ablehnung jedoch womöglich einen Krieg, den sie kaum gewinnen kann.
Ein Frieden ohne Garantie
Die aktuelle Waffenruhe ist daher weniger ein Schritt Richtung Frieden als ein Moment der Entscheidung. General Mazloum Abdi, Oberbefehlshaber der SDF, spricht von „roten Linien“, doch auch er weiß: Ohne internationale Absicherung bleiben solche Linien symbolisch.
Al-Scharaa wiederum braucht den Nordosten – wirtschaftlich, politisch, strategisch. Ein Syrien ohne Zugriff auf seine Ressourcen wäre ein Staat auf dem Papier. Die Frage ist, welchen Preis er bereit ist zu zahlen, um sie zu bekommen. Am Euphrat entscheidet sich in diesen Tagen nicht nur das Schicksal der Kurden. Es entscheidet sich, ob das neue Syrien aus Integration entsteht – oder aus Unterwerfung.



