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Politik

Farbloser Bürokrat oder „Gandhi der Türkei“: Wer ist Kemal Kılıçdaroğlu?

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Er marschierte aus Protest von Ankara nach Istanbul, wirbt für Demokratisierung und wirft Erdoğan Versagen in der Erdbebenkatastrophe vor. Der Oppositionsführer Kemal Kılıçdaroğlu arbeitet sich seit Jahren an seinem Gegner ab. Es ist wohl sein letzter Versuch, ihn zu besiegen.

Ein Arbeiter hält ein Schild hoch mit der Aufschrift „adalet“ – „Gerechtigkeit“. Die Figur steht auf dem Schreibtisch des türkischen Oppositionsführers Kemal Kılıçdaroğlu (74) in Ankara. Sie erinnert an einen der starken Momente in seiner Karriere: Vor sechs Jahren führte Kılıçdaroğlu einen Protestmarsch von der Hauptstadt Ankara nach Istanbul an, er lief mehr als 400 Kilometer zu Fuß, Tausende folgten ihm. Auslöser des Protestes war damals die Verurteilung eines Abgeordneten von Kılıçdaroğlus sozialdemokratischer Partei CHP. Der Marsch wurde zum Aufschrei gegen Massenentlassungen, Verhaftungen und der als repressiv wahrgenommenen Politik des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan.

Gegen die Ungerechtigkeit im Land und den „Ein-Mann-Staat“ will Kılıçdaroğlu nun wieder in den Kampf ziehen. Er ist bei den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen in zwei Tagen Kandidat für sechs Oppositionsparteien unterschiedlicher Lager. Der 69-jährige Erdoğan geht nach 20 Jahren an der Macht erstmals nicht als klarer Favorit ins Rennen – er liefert sich ein enges Rennen mit dem Oppositionsführer.

Während seines Protestmarschs 2017 hatten Anhänger Kılıçdaroğlu gefeiert und ihm den Spitznamen „Mahatma Gandhi der Türkei“ verpasst, auch wegen seines ausgeglichenen Gemüts und der leichten Ähnlichkeit mit dem indischen Widerstandskämpfer. Ob Kılıçdaroğlu heute wie damals Massen begeistern kann, daran gibt es dennoch Zweifel.

Öffentliches Bekenntnis zum Alevitentum

Viele waren gegen seine Kandidatur, auch aus den eigenen Reihen. Als Favorit galt der Istanbuler Bürgermeister Ekrem İmamoğlu, der aber mit einem Politikverbot belegt wurde. Kritiker warfen Kılıçdaroğlu vor, dass er den Unmut der Bevölkerung über die wirtschaftliche Lage jahrelang nicht in einen Stimmzuwachs für seine Partei ummünzen konnte.

Erfolge bei nationalen Wahlen konnte Kılıçdaroğlu in seinen 13 Jahren als Oppositionsführer nicht vorweisen – im Gegensatz zu Erdoğan, der, seit er 2003 zum Ministerpräsidenten gewählt worden war, jede Abstimmung gewonnen hat. Erdoğan zieht seinen Gegner gerne damit auf und nennt ihn abfällig (Bay) Bay Kemal (Tschüss/Herr Kemal). Der Oppositionsführer nimmt das gelassen und nutzt „Bay Kemal“ inzwischen als Selbstbeschreibung.

Kılıçdaroğlu wurde 1948 in der osttürkischen Provinz Tunceli geboren und gehört der religiösen Minderheit der Aleviten an. Mit einem Video, in dem er sich im April erstmals öffentlich dazu bekannte, brach Kılıçdaroğlu ein Tabu und erzielte mehr als 100 Millionen Klicks. Studiert hat Kılıçdaroğlu Wirtschaft in Ankara, in den 90er Jahren leitete er mit wenig Erfolg die Sozialversicherungsanstalt. Das Image des farblosen Bürokraten hängt ihm teils noch immer nach.

Alt, aber unermüdlich

Doch in diesen Tagen scheint alles Angestaubte verflogen. In der Erdoğan-Hochburg Ordu am Schwarzen Meer zieht Kılıçdaroğlu Tausende Zuhörer und Zuhörerinnen an. Die Menschen schwenken Fahnen, stehen an Fenstern und sind sogar auf Dächer geklettert, nur um einen Blick auf Kılıçdaroğlu zu erhaschen. Der springt für seine 74 Jahre flink auf die Bühne, formt ein Herz mit Zeigefingern und Daumen und ruft: „Seid ihr bereit für Veränderung?“ – „Evet“ – „Ja“, schallt es ihm entgegen.

Unter dem Publikum ist auch der 18-jährige Yasin, der glaubt, dass das Volk Kılıçdaroğlu jetzt erst richtig kennenlerne. Wie alle Oppositionspolitiker muss sich dieser Alternativen einfallen lassen, um die Wählerschaft zu erreichen. Erdoğan kontrolliert die meisten Medien. Im April räumte der Staatssender TRT Erdoğan etwa 32 Stunden Sendezeit ein, Kılıçdaroğlu dagegen nur 32 Minuten.

Yasin sagt, erst jetzt verstehe er, „was für ein anständiger und guter Politiker“ Kılıçdaroğlu sei. Yasin gehört zu den rund fünf Millionen Erstwählern in der Türkei – eine heiß umkämpfte Gruppe. Das größte Problem sei die Wirtschaft, betont er. Er könne nur davon träumen, in Deutschland Urlaub zu machen, sein Geld reiche noch nicht mal für ein Ticket nach Istanbul. Kritiker werfen Kılıçdaroğlu vor, keine Anführer-Figur zu sein, wie die Türkei eine brauche. Präsident Erdoğan dagegen „bietet der Welt die Stirn“, sagt etwa ein 58-Jähriger, der sich als bekennender „Tayyip-Fan“ vorstellt.

Politische Videos aus der Küche

Kılıçdaroğlu präsentiert sich als Gegenentwurf zu Erdoğan: Ruhiges statt markiges Auftreten, Wahlkampfvideos aus seinem Arbeitszimmer oder der Küche statt Einweihung von Großprojekten – und gesellschaftliche Versöhnung statt Polarisierung. Die Türken hätten genug von Erdoğan und seinem Führungsstil, ist sich Kılıçdaroğlu sicher und plädiert für eine von „Vernunft“ geleitete Politik. Im Falle eines Sieges will das Bündnis das Präsidialsystem wieder abschaffen und sich, unabhängig von einem Beitritt, der EU annähern. Um die angeschlagene Wirtschaft zu stützen, wolle man Investoren aus Deutschland und Großbritannien gewinnen.

Beim Thema Flüchtlinge schlägt Kılıçdaroğlu einen nationalistischen Ton an. Er kündigte an, die Millionen Syrer im Land auf freiwilliger Basis zurückzuschicken, wohlwissend, dass sich die Stimmung im Land gegen die Flüchtlinge gewandt hat. Nach der Erdbebenkatastrophe vom 6. Februar fand der Oppositionsführer direkte Worte: Er ging Erdoğan mit scharfer Rhetorik an und warf ihm Versagen vor.

Istanbul und Ankara als Hoffnungsmacher

Kılıçdaroğlu gilt als guter Vermittler mit Kompromissbereitschaft. Seine eigene Partei CHP, die als elitär und nationalistisch galt, rückte unter seiner Führung in die Mitte. Die Idee, ein Sechser-Bündnis gegen Erdoğan zu schmieden, soll von ihm stammen. Als das Bündnis Anfang März über die Frage, wer gegen Erdoğan kandidieren soll, kurz vor dem Zerbrechen stand, reagierte Kılıçdaroğlu gelassen. Es werde sich schon alles fügen, beruhigte er – und sollte Recht behalten. Die prokurdische HDP gehört nicht zum Sechser-Bündnis, gilt aber als Königsmacher. Sie hat ihre Wähler inzwischen dazu aufgerufen, Kılıçdaroğlu zu unterstützen.

In seiner jahrelangen Opposition gegen Erdoğan konnte Kılıçdaroğlu erstmals die Bürgermeisterwahlen 2019 als Erfolg für sich verbuchen: Erdoğans islamisch-konservative AKP verlor damals die Mehrheit in wichtigen Städten wie Istanbul und Ankara. Die AKP annullierte die Wahl in Istanbul – bei der Wiederholung gewann die Opposition mit noch größerem Abstand. Auf die Sorge vor Manipulation angesprochen, verweist Kılıçdaroğlu auf die damalige Abstimmung und sagt: „Wir werden ihnen (der Regierung) zeigen, was Demokratie bedeutet und zwar zum zweiten Mal.“

dpa/dtj

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