Kurden schwenken die Flagge der Region Kurdistan im nordirakischen Erbil. Foto: Levi Meir Clancy / Unsplash

Angriffe in Nordsyrien, Raketen im Nordirak, Unterdrückung in der Türkei und Erschießungen im Iran: Verteilt über mehrere Staaten werden die Kurden einmal mehr zum Spielball brutaler Machtpolitik. 

In wenigen Wochen jährt sich ein aus Sicht der Kurden unrühmlicher Deal zum 100. Mal. Die Rede ist vom Vertrag von Lausanne, der 1923 ihr Schicksal besiegelte – und ihre Heimat Kurdistan auf vier Staaten aufteilte: Iran, Irak, Syrien und die Türkei. Das rächt sich dieser Tage wieder einmal.

Mahabad, Kobane, Südkurdistan: Die kurdischen Gebiete im Iran, in Nordsyrien und im Nordirak werden belagert und angegriffen. Zivilisten werden getötet, Infrastruktur bombardiert, Menschenrechte verletzt. Letzteres trifft auch in den von Kurden bewohnten Gebieten in der Türkei zu.

Panzer in Mahabad

Im Iran gehen seit Wochen Menschen auf die Straße. Im Zuge der landesweiten Proteste sind es vor allem auch die Kurden, die gegen das Regime demonstrieren. Teheran unterstellt ihnen, dass die Proteste zu schüren. Als Reaktion marschierten die iranische Polizei und das Militär mit Panzern in den kurdisch geprägten Westen des Landes ein.

In Mahabad schossen sie wahllos auf Unbewaffnete. Zu den genauen Todeszahlen ist nichts bekannt. Wegen eines Lockdown des Militärs und einer rigorosen Internetsperre dringt aus diesem Teil Kurdistans wenig nach außen.

Angriffe auch in Nordsyrien

Das iranische Regime ist es auch, dass die Kurden im Nordirak bombardiert. Das Ziel waren angeblich Zentralen kurdischer Parteien aus dem Iran, die aus dem irakischen Exil agieren. Fakt ist aber, dass auch Zivilisten unter den Opfern waren. Die Wut dort wächst mit jedem Toten.

Kampfflugzeuge, Artillerie, Drohnen: Im nordsyrischen Rojava greift die Türkei auf breiter Front an – auch hier mit zivilen Opfern, was Ankara dementiert. Recep Tayyip Erdoğan möchte das als Reaktion auf den İstiklal-Terroranschlag in Istanbul verstanden wissen.

Grenzenlose Gewalt gegen die Kurden

Tatsächlich plant er seit Monaten eine Offensive in dem Gebiet. Zuletzt kündigte er gar eine Bodenoffensive an. Erdoğan fühlt sich von dem kurdischen Autonomie-Projekt, das in der vergangenen Dekade im Nordosten Syriens entstanden ist, bedroht. Schon lange spricht er von einem Krieg gegen die „südliche“ Grenze, mit der traditionell die kurdischen Anrainergebiete gemeint sind.

Was hinter den türkischen Plänen zur Syrien-Offensive steckt

Ankara betont immer wieder, einzig gegen Terrororganisationen wie die PKK vorgehen zu wollen. Doch die seit 40 Jahren praktizierte Strategie der harten Hand führt nur zu mehr Gewalt – und Terror.

Iran, Irak, Syrien, Türkei: In diesem Teil der Welt scheint das internationale Völkerrecht nicht viel wert zu sein. Hundert Jahre nach der willkürlichen Grenzziehung des Lausanner Vertrags bleibt die Gewalt gegen die Kurden grenzenlos.