Die PKK kündigt den Stopp des Rückzugs ihrer Kämpfer an.

Seit der Inhaftierung ihres Führers Abdullah Öcalan im Jahre 1999 gilt Cemil Bayık („Cuma“) als faktischer Chef der terroristischen PKK. Die „Zeit“ hat sich nun in den Bergen von Kandil mit dem Kopf der Terrororganisation im „Gästehaus der PKK“ getroffen und zu aktuellen Entwicklungen befragt.

Im Interview wirft Bayık der Türkei unter anderem vor, nach den Parlamentswahlen 2015 die Kurdengebiete angreifen zu wollen.

So behauptet er, es gäbe innerhalb der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS; ehem. ISIS) und der Freien Syrischen Armee „türkische Spezialeinheiten“. Diese „inoffiziellen“ Kämpfer würden im Auftrag der türkischen Regierung gegen die PKK Krieg führen, da sich Ankara einen offiziellen Krieg gegen die PKK nicht mehr leisten könne.

Die regierende Adalet ve Kalkınma Partisi (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung; AKP) habe, so Bayık, „nicht das Ziel, eine Lösung mit uns zu finden“. Sie habe auch keine Idee, wie eine Lösung des Problems aussehen könnte.

„Dieser Prozess ist einseitig“, äußert sich Bayık gegenüber der „Zeit“. „Wir bereuen nicht, dass wir diesen Weg eingeschlagen haben. Damit es zu einer Einigung kommt, hat unser Anführer Abdullah Öcalan nun einen Verhandlungsentwurf vorbereitet, eine Art Roadmap. Wir haben die Regierung um eine Einschätzung dieses Vorschlags gebeten. Wenn die türkische Regierung diesen Vorschlag nicht akzeptiert, werten wir dies als Kriegsvorbereitung. Das akzeptieren wir nicht.“

„Die Türkei will das Kurdenproblem nicht lösen“

Der Vormarsch des IS und die Angriffe auf Kobani führt der inoffizielle PKK-Führer auf dessen angebliche Unterstützung durch Ankara zurück. „Türkei bedeutet IS, die AKP ist der IS“, behauptet Bayık. „Die AKP hat den IS stark werden lassen und das Unheil auf die Menschen losgelassen. Vielleicht haben ihn auch andere Mächte unterstützt, aber die eigentliche Unterstützung ging von der AKP aus.“

Die AKP habe dem IS geholfen, weil sie einander ideologisch nahe stünden und beide die Kurden treffen wollten. „Die Türkei will das Kurdenproblem nicht lösen“, so Bayık. „Sie sieht nicht ein, dass es da ein Problem gibt. Sie akzeptiert nicht, dass das kurdische Volk natürliche Rechte hat. […] Weil die Türkei das Kurdenproblem nicht lösen will, will sie auch keine Autonomie in Rojava.“

Beweise für seine Behauptungen nennt Bayık trotz mehrfacher eindringlicher Nachfrage durch die Journalisten nicht. Stattdessen behauptet der PKK-Chef, die Türkei sei nicht in die Anti-IS-Koalition eingetreten, da der IS sonst seine Beziehungen zur Türkei offengelegt hätte. „Diese Beziehungen sind viel intensiver, als viele von euch es sich vorstellen können. Der wahre Kalif ist nicht Abu Bakr al-Bagdadi, sondern Tayyip Erdoğan“, meint Bayık.

PKK wird „dem Nahen Osten die Renaissance bringen“

Dass die PKK immer noch von zahlreichen Ländern der Welt als terroristische Organisation eingestuft wird, erklärt Bayık damit, dass die betreffenden Länder vom türkischen Geheimdienst beeinflusst worden wären. „Europa und Amerika haben uns nur durch die Augen des türkischen Staates und seines Geheimdienstes kennengelernt“, so Bayık. „Unser Engagement in Kobani hat nun vielen die Augen geöffnet und ermöglicht, uns objektiver zu betrachten. Man wird sehen, dass die Informationen, die die Türkei und andere über uns weitergegeben haben, nicht mit der Realität übereinstimmen.“

Stattdessen sei die PKK die Hoffnung für den gesamten Nahen Osten. Nicht nur die USA, die man sich als Vermittlerin im Friedensprozess wünscht, sondern auch Europa könnten ihre Interessen nicht ohne die Terrororganisation durchsetzen. „In Europa hat die Epoche der Aufklärung die Renaissance gebracht. Der Nahe Osten wird seine Renaissance über das kurdische Volk erlangen.“