Politik

Rojava unter Druck: Wie Syriens neue Führung den kurdischen Autonomietraum zurückdrängt

  • Februar 12, 2026
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Rojava unter Druck: Wie Syriens neue Führung den kurdischen Autonomietraum zurückdrängt

Jahrelang galt die kurdisch geprägte Selbstverwaltung im Nordosten Syriens als seltenes Gegenmodell im Bürgerkrieg. Nun rücken Truppen aus Damaskus vor, ein Abkommen soll die Region in den syrischen Staat eingliedern – und stellt die Kurden vor eine existenzielle Entscheidung zwischen Einbindung und Bedeutungsverlust.

Im Nordosten Syriens verschieben sich die Machtverhältnisse in rasantem Tempo. Was lange als relativ stabiler Raum galt – verwaltet von kurdischen Strukturen und abgesichert durch ein kurdisch geführtes Militärbündnis – gerät zunehmend unter Kontrolle der Zentralmacht in Damaskus. Für viele Kurdinnen und Kurden in der Region steht damit mehr auf dem Spiel als eine administrative Reform: Es geht um die Zukunft eines Projekts, das für Selbstbestimmung, politische Teilhabe und eigene Sicherheitsstrukturen stand.

In den vergangenen Wochen drangen Einheiten der syrischen Führung in Gebiete vor, die zuvor von den kurdisch dominierten „Demokratischen Kräften Syriens“ (SDF) kontrolliert worden waren. Die Kämpfe verliefen nicht geradlinig, vielmehr wechselten Phasen intensiver Gefechte mit brüchigen Ruhezeiten. Vereinbarungen zur Deeskalation hielten offenbar immer wieder nur kurz. Die Folge: neue Fluchtbewegungen, Unsicherheit an den Frontlinien – und ein politischer Druck, der sich in Verhandlungen entlud.

Der Plan in Damaskus

Ende Januar wurde ein Waffenstillstands- und Verständigungspaket zwischen Damaskus und der SDF vereinbart. Kern des Deals ist, dass die kurdisch geprägten Gebiete künftig stärker der Zentralregierung unterstellt werden sollen. Aus Sicht der neuen Führung ist das ein Schritt zur territorialen Konsolidierung: Syrien soll wieder als einheitlicher Staat funktionieren – zumindest nach dem Plan in Damaskus.

Für die kurdische Minderheit wirkt derselbe Schritt wie eine Rückabwicklung der Errungenschaften aus den Kriegsjahren. Die Selbstverwaltung hatte sich in einem Machtvakuum entwickelt und in Teilen eine funktionierende Verwaltung aufgebaut. Doch militärisch ist die Lage heute ungünstiger als noch vor wenigen Jahren.

Gefahr durch den IS

Große Gebiete, die im Verlauf des Bürgerkriegs unter kurdischen Einfluss geraten waren, gingen zuletzt verloren – nicht in politischen Verhandlungen, sondern unter dem Druck bewaffneter Vorstöße. Hinzu kommt ein Sicherheitsrisiko, das weit über Syrien hinausreicht. In den Wirren der Gefechte kam es nach Berichten zu Ausbrüchen von Kämpfern des sogenannten „Islamischen Staats“ aus Haftanstalten, die zuvor in kurdisch kontrollierten Arealen lagen.

Die Kurden hatten über Jahre nicht nur den Kampf gegen den IS mitgetragen, sondern auch zehntausende mutmaßliche Dschihadisten und deren Angehörige in Lagern und Gefängnissen bewacht – eine Aufgabe, die international als heikel gilt und die ohne stabile Sicherheitsarchitektur kaum zu erfüllen ist. Jeder Kontrollverlust in dieser Zone ist deshalb nicht nur ein syrisches Problem, sondern ein regionales und europäisches Sicherheitsthema.

Türkei in Schlüsselposition

Politisch wird die Lage zusätzlich dadurch kompliziert, wer in Damaskus die Richtung vorgibt. Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa versucht, den Staat nach Jahren der Zersplitterung wieder zu bündeln. Kritiker verweisen jedoch auf seine Vergangenheit in dschihadistischen Milieus und bezweifeln, dass Minderheitenschutz und pluralistische Strukturen zu seinen Prioritäten gehören.

Einheit oder Selbstbestimmung: Kurden in Syrien am Wendepunkt

Für die Kurden bedeutet das: Selbst wenn das Abkommen kurzfristig Stabilität verspricht, bleibt offen, wie viel kulturelle, politische und sicherheitliche Eigenständigkeit ihnen langfristig zugestanden wird. Eine Schlüsselrolle spielt in diesem Gefüge die Türkei. Ankara betrachtet kurdische Autonomieprojekte an seiner Südgrenze seit Jahren als strategische bzw. terroristische Bedrohung und hat wiederholt militärisch Einfluss genommen.

Die Schatten des IS

Dass Damaskus nun die Kontrolle im Nordosten ausweitet, könnte aus türkischer Sicht ein Vorteil sein – sofern die kurdischen Strukturen geschwächt werden. Gleichzeitig wächst das Risiko, dass Syriens Nordosten zum Schauplatz konkurrierender Interessen bleibt: syrische Zentralisierung, türkische Sicherheitsdoktrin, kurdische Selbstbehauptung – und die Schatten des IS.

Auch die westlichen Partner spielen in der kurdischen Kalkulation eine Rolle, allerdings zunehmend als unsichere Größe. In kurdischen Kreisen überwiegt die Wahrnehmung, dass europäische Staaten und die USA zwar von der kurdischen Rolle im Kampf gegen den IS profitierten, sich nun aber stärker auf die politische Zukunft Syriens unter Damaskus orientieren. Für die Kurden ist das eine doppelte Belastung: Sie verlieren militärisch Terrain und politisch Rückhalt – während sie zugleich weiterhin Verantwortung für Gefangene und Lager tragen, die für die internationale Sicherheit relevant sind.

Lauter offene Fragen

Wie es weitergeht, hängt davon ab, ob das Abkommen zur Eingliederung tatsächlich umgesetzt wird – und zu welchen Bedingungen. Entscheidend dürfte sein, ob Damaskus bereit ist, lokale Verwaltung, Sprache, politische Repräsentation und Sicherheitsstrukturen zumindest teilweise zu erhalten. Ohne glaubwürdige Garantien droht das, was viele in der Region bereits befürchten: dass aus einem Projekt der Selbstverwaltung ein Randgebiet wird, dessen Zukunft nicht mehr in Qamischli oder Hasaka verhandelt wird, sondern ausschließlich in Damaskus – und indirekt auch in Ankara.

Für Syrien könnte die Rückkehr zentralstaatlicher Kontrolle ein Schritt zur Stabilisierung sein. Für die Kurden fühlt sie sich indes wie das Ende einer historischen Chance an. Inmitten dieser Spannungen bleibt eine offene Frage: Wird der neue Frieden die Grundlage für ein gemeinsames Syrien – oder der Preis dafür die politische Unsichtbarkeit einer Minderheit, die den Krieg an entscheidender Stelle mitentschieden hat?

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Stefan Kreitewolf