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Schulmassaker in Kahramanmaraş: Darum steht der Name eines toten Schülers in Klammern

  • April 18, 2026
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Schulmassaker in Kahramanmaraş: Darum steht der Name eines toten Schülers in Klammern

Wenige Tage nach dem tödlichen Schulmassaker in Kahramanmaraş ringt die Türkei noch immer um Antworten. Während die Hintergründe der Tat unklar bleiben, rücken Versäumnisse im Umgang mit Waffen, Hinweise auf psychische Probleme und ein seltsamer Vermerk auf einer Opferliste zunehmend in den Fokus.

Die Türkei steht zwei Tage nach dem Schulmassaker an der Ayser-Çalık-Mittelschule in Kahramanmaraş immer noch unter Schock. Nach derzeitigem Erkenntnisstand tötete der 14-jährige İsa Aras Mersinli, der die 8. Klasse der Schule besuchte, am Mittwoch acht Schüler und eine Lehrerin, ehe er sich selbst das Leben nahm. Über ein Dutzend weitere Schüler wurden verletzt.

Es war der zweite Schulamoklauf in der Türkei innerhalb von nicht einmal 24 Stunden. Zuvor hatte ein früherer Schüler die technische Berufsschule in Siverek, Şanlıurfa angegriffen. Dabei wurden 16 Menschen verletzt – der mutmaßliche Täter nahm sich auch hier das Leben, bevor die eintreffende Polizei ihn festnehmen konnte. Ob die Taten in irgendeinem Zusammenhang stehen, ist weiter unklar.

Noch keine Erkenntnisse über Motiv hinter Massaker von Kahramanmaraş

Über die Motivation des Angreifers von Kahramanmaraş gibt es noch keine gesicherten Erkenntnisse. Er nahm zur Tatausführung fünf Pistolen und sieben Magazine in einem Rucksack mit. Diese gehörten seinem Vater, der Polizeibeamter war und mittlerweile wegen des Verdachts des grob fahrlässigen Umgangs mit Waffen in Haft sitzt.

Kursierende Videos lassen erkennen, dass Mersinli vor der Tatausführung ein seltsames Verhalten im Unterricht zeigte. Er schoss anschließend in zwei Klassenräumen um sich. Er soll psychische Auffälligkeiten gezeigt haben, sein Vater sprach in ersten Befragungen von Pubertätsproblemen und Prüfungsangst. Zudem soll er Interesse an Kriegsspielen gezeigt haben.

Der 14-jährige sei in psychiatrischer Behandlung gewesen. Der behandelnde Therapeut hatte jedoch offenbar keine Hinweise auf eine Gefährlichkeit festgestellt. Auf WhatsApp soll Mersinli sein Profilbild in jenes von Elliot Rodger umgewandelt haben. Dieser hatte 2014 bei einem Amoklauf in Isla Vista, Kalifornien mehrere Menschen getötet – zu seinen Motiven gehörte Frauenfeindlichkeit. Angeblich soll Mersinli seine Tat seit dem 11. April geplant haben.

Name von Opfer Yusuf Tarık Gül auf offizieller Liste in Klammern gesetzt

Für Irritationen sorgte unterdessen der Umgang offizieller Stellen mit den Andenken der Opfer und den Hinterbliebenen. Einer der Getöteten war der zehnjährige Yusuf Tarık Gül (Foto). Dessen Vater Burak Gül war erst vor einem Jahr aus dem Gefängnis entlassen worden. Als ehemaliger Polizeibeamter der Sicherheitsdirektion Istanbul wurde er per Dekret (KHK) entlassen und zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und drei Monaten verurteilt.

Ihm wurde vorgeworfen, dem Gülen-Netzwerk angehört zu haben, das in der Türkei offiziell als „Fethullahistische Terrororganisation FETÖ“ bezeichnet wird. Obwohl kein anderer Staat oder ausländischer Nachrichtendienst die Existenz einer solchen annimmt, verfolgt die Regierung in Ankara seit Ende 2013 mutmaßliche Anhänger des 2024 im US-Exil verstorbenen Gülen. Der gescheiterte Putschversuch im Jahr 2016 durch eine Gruppe Armeeangehöriger hat die Intensität der Verfolgung noch weiter gesteigert.

Damit verbunden ist auch eine gezielte soziale Stigmatisierung vermeintlicher oder tatsächlicher Angehöriger des Netzwerks. Auf der offiziellen Totenliste fiel auf, dass der Name von Yusuf Tarık Gül in Klammern gesetzt war – anders als die Namen aller anderen Opfer.

Familienminister soll Desinteresse an „Kindern von Terroristen“ artikuliert haben

In türkischen Listen von Notaufnahmen oder nach Katastrophen und Anschlägen werden Klammern für unterschiedliche Zwecke verwendet. Dazu gehören nachträglich hinzugefügte Einträge, unsichere Identität, Schreibvarianten des Namens oder technische und administrative Markierungen, ohne dass das näher erklärt wird.

Die jahrelange Praxis der Stigmatisierung von Menschen und Angehörigen, die von KHK-Erlassen betroffen sind oder waren, hat jedoch in diesem Kontext Argwohn geweckt, dass es sich um einen weiteren gezielten Akt sozialer Ausgrenzung gehandelt haben könnte. Der Menschenrechtsaktivist und frühere türkische Abgeordnete Ömer Faruk Gergerlioğlu hatte der AKP-Regierung wiederholt vorgeworfen, die Belange der Familien verurteilter Regimekritiker zu missachten.

Er äußerte vor Wochen, die amtierende Familien- und Sozialministerin Mâhinur Özdemir Göktaş auf das Thema von Babys und Kleinkindern angesprochen zu haben, die mit ihren Müttern im Gefängnis leben. Darauf soll diese erklärt haben: „Das sind die Kinder von Terroristen, das ist Sache des Justizministeriums, was geht mich das an?“

Haftbefehl gegen Sohn von Menschenrechtsaktivisten wegen „Falschinformationen“

Dass die Kritik an den Klammern offenbar einen wunden Punkt getroffen hat, zeigt der Umstand, dass gegen Salih Gergerlioğlu, den Sohn des Menschenrechtsaktivisten, ein Haftbefehl erging. Er hatte ein von der Agentur İHA verbreitetes Video in sozialen Medien geteilt.

Dieses soll zeigen, dass Burak Gül, der Vater des gestorbenen Schülers, dem Gouverneur Mükerrem Ünlüer während der Trauerzeremonie schwere Vorwürfe gemacht haben soll. Salih Gergerlioğlu, der sich Berichten zufolge im Ausland befindet, wird nun „Verbreitung irreführender Informationen“ vorgeworfen.

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