Extremismus Politik

Selbst Demirtaş kondolierte: Wie entlarvend die türkischen Reaktionen auf den Tod des Hamas-Führers sind

  • August 7, 2024
  • 4 min read
  • 1836Anzeigen
Selbst Demirtaş kondolierte: Wie entlarvend die türkischen Reaktionen auf den Tod des Hamas-Führers sind

Die gezielte Tötung des Hamas-Anführers Ismail Hanija sorgt weiterhin für internationale Spannungen. Fragen nach seiner Nachfolge, der Gefahr, dass Hanijas Tod einen Flächenbrand im Nahen Osten auslösen könnte, und das damit verbundene unermessliche Leid der Palästinenserinnen und Palästinenser stehen im Raum. Ein weiterer Aspekt sind die individuellen Reaktionen auf Hanijas Tod, die offenlegen, wie polarisiert die Meinungen sind. Ein Rückblick mit ein wenig Abstand.

Ali Ertan Toprak tritt in Deutschland oft als Sprecher für die kurdische Gemeinde auf. Während Erdoğan-Anhänger in deutschen Talkshows den türkischen Präsidenten verteidigten, war Toprak häufig als kritische Stimme zu Gast, die die Interessen der pro-kurdischen Organisationen in der Türkei vertrat, darunter auch die HDP, heute bekannt als DEM. Doch selbst Toprak scheint nach den jüngsten Entwicklungen seine Haltung geändert zu haben.

Auf X schrieb er nämlich vor rund einer Woche: „Die türkische LINKE (auch die DEM), die dem mörderischen und islam-faschistischen Hamas-Führer nachweint, hat von nun an kein Recht mehr, etwas über Erdoğan zu sagen!“

Demirtaş kondoliert Hanija mit Postkarte und Foto

Grund für diese Reaktion ist eine Wortmeldung, die in der deutschen Öffentlichkeit kaum Beachtung fand. Der in der Türkei aus politischen Gründen inhaftierte ehemalige Co-Vorsitzende der heute nicht mehr existierenden HDP, Selahattin Demirtaş, äußerte sich aus der Haft heraus zum Tod von Ismail Hanija. Auf eine Postkarte schrieb Demirtaş: „Die feige Ermordung von Hanija verfluche ich und wünsche ihm Gottes Segen und seiner Familie sowie dem gesamten palästinensischen Volk mein Beileid.“

Demirtaş ging in seinem Kondolenzschreiben noch weiter. Der charismatische kurdische Politiker behauptete, dass man Hanija stets als eine Person in Erinnerung behalten werde, die ein bedeutungsvolles Leben im Kampf gegen das Unrecht verbracht habe. Dieses Schreiben veröffentlichte Demirtaş über X, begleitet von einem Foto der handschriftlich verfassten Postkarte mit seiner Signatur sowie einem Foto von ihm mit dem Hamas-Führer. Auch der für seine pro-kurdische Haltung bekannte umstrittene ehemalige Politiker und jetzige Journalist Tobias Huch zeigte sich über Demirtaş‘ Post empört. „Handshake with ISIS/Hamas?“, fragte Huch anklagend.

CHP: Hanijas Tötung ist ein Gewaltakt

In Deutschland bleibt weitgehend unbeachtet, dass die Politik in der Türkei in der Palästina-Frage flächendeckend einer Meinung ist. Stattdessen wird der Eindruck suggeriert, dass nur das AKP- und national-konservative Lager die Palästinenser unterstützt. Dabei erklärte der Vorsitzende der CHP, Özgür Özel, zur Ermordung des Hamas-Führers: „Diejenigen, die Beifall klatschen, sind für die Fortsetzung dieser Gewalt verantwortlich. Die Tötung des Hamas-Führers ist ebenfalls ein Gewaltakt, ein Mord. Auch das billigen wir nicht. Egal, wo auf der Welt es passiert, jeder Tropfen Blut und jede vergossene Träne schmerzen unser Herz.“ Auch sein Vorgänger Kemal Kılıçdaroğlu äußerte sich noch deutlicher und verurteilte die Tat. Seinen Eintrag auf X löschte er jedoch später wieder.

Deutsch-Türke Yeneroğlu spricht Beileid aus

Auch der deutsch-türkische Abgeordnete der oppositionellen DEVA-Partei, Mustafa Yeneroğlu, schrieb via X: „Ich spreche Ismail Hanija, der durch einen israelischen Anschlag getötet wurde, mein Beileid aus und wünsche ihm Allahs Barmherzigkeit und dem palästinensischen Volk mein Beileid.“ Yeneroğlu verurteilte „die unmenschlichen Massaker Israels aufs Schärfste“. Anlässlich des Todes von Hanija grüße er „das palästinensische Volk, das für ein menschenwürdiges Leben und Freiheit kämpft“, mit tiefer Demut.

Hamas regelt Nachfolge von Hanija

Derweil steht rund eine Woche nach dem Tod von Hanija fest, wer dessen Nachfolger wird. Es ist Yahya Sinwar. Der neue Anführer der terroristischen Hamas lebt, anders als der getötete Hanija, offenbar nicht außerhalb von Gaza. Medienberichten zufolge befindet sich Sinwar in Gaza, in den Tunneln der Hamas, und dürfte auf der Abschussliste Israels weit oben stehen. Sinwar wird als der Verantwortliche für den Anschlag auf Israel vom 7. Oktober 2023 angesehen. Er hat das Sagen, was die Situation der israelischen Geiseln angeht. Mit diesem klaren Druckmittel ist ein Ende der Eskalationsspirale kaum vorstellbar. Daran hat auch der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kein Interesse. Die Leidtragenden dürften wie in den letzten Monaten vor allem die Menschen in Gaza sein.

About Author

dtj-online