DTJ Online

Steinbrück setzt Signal an muslimische Wähler

Steinbrück setzt Signal an muslimische Wähler

Wie der „Spiegel“ berichtete, hat SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück auf seiner Homepage eine Erweiterung seines Kompetenzteams angekündigt. So werden künftig der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und Thüringens Wirtschaftsminister Matthias Machnig den immer noch wenig erfolgreich verlaufenden Wahlkampf des Merkel-Herausforderers verstärken.

Besonders interessant aus Sicht der Migrantencommunity dürfte jedoch der dritte Neuzugang im Kompetenzteam sein. Fortan ist nämlich auch die Bremer Professorin Yasemin Karakaşoğlu mit von der Partie und dabei für die Bereiche Wissenschafts- und Bildungspolitik zuständig.

Seit 2012 ist Karakaşoğlu eine der Konrektorinnen und Konrektoren der Universität Bremen. Ihr Spezialgebiet ist die Erforschung von Interkulturalität. Seit 2004 ist sie Professorin für Interkulturelle Bildung. Von 2007 bis 2011 war sie Prodekanin für Forschung des Fachbereichs 12 und Konrektorin für Interkulturalität und Internationalität der Universität Bremen. Bis 2006 war sie stellvertretende Vorsitzende der Muslimischen Akademie in Deutschland und ist bis heute Kuratorin der Akademie. Yasemin Karakaşoğlu ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Die Berufung Karakaşoğlus ins Kompetenzteam wird vielfach als ein Signal Steinbrücks an muslimische Wähler gesehen. Nachdem die SPD infolge der Sarrazin-Debatte und der umstrittenen Buschkowsky-Äußerungen innerhalb der Migrantencommunity an Boden zu verlieren drohte, hatte Steinbrück bereits vor einigen Wochen mit Äußerungen zum Thema „getrenntgeschlechtlicher Schwimmunterricht“ die Botschaft ausgesendet, dass die Sozialdemokraten ihr interkulturelles Profil wieder steigern wollten.

Auch Yasemin Karakaşoğlu steht als Person eher für eine tolerante und offene Einstellung gegenüber der muslimischen Community. Die Professorin promovierte 1999 mit einer empirischen Arbeit über muslimische Religiosität und Erziehungsvorstellungen bei angehenden Lehrerinnen. Dabei nutzte sie die Methodik qualitativer Sozialforschung, insbesondere das Intensivinterview. 26 Pädagogikstudentinnen türkischer Herkunft wurden von ihr interviewt und die Resultate zur Religiosität, den Erziehungsvorstellungen und deren Zusammenhang typologisch ausgewertet.

Gegen Kopftuchverbote und rechte Demagogie

Wichtigstes Ergebnis war, dass die Motive zum Tragen eines Kopftuchs höchst individuell waren und vom Bekenntnis zur eigenen ethnischen Gruppe über eine Deutung des Islam als aufklärerische Religion bis hin zu einem umfassenden islamischen Erziehungsverständnis reichen konnten. Die Arbeit wurde mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien 2000 ausgezeichnet. Auf der Basis dieser wissenschaftlichen Resultate war Karakaşoğlu Gutachterin beim Prozess vor dem Bundesverfassungsgericht zu Fereshta Ludin und dem Kopftuchverbot des Landes Baden-Württemberg. Sie plädierte hier aufgrund der Forschungslage und speziell ihrer eigenen Forschungsergebnisse für eine Betrachtung des Einzelfalls und gegen eine generelle Regelung.

Auch sonst zeigte Karakaşoğlu nicht selten Mut und Zivilcourage gegen die Political Correctness, in deren Sinne selbsternannte „politisch Unkorrekte“ immer stärker die Glaubens- und Gewissensfreiheit in Frage stellen und gegen Minderheiten hetzen. So veröffentlichte sie zusammen mit dem Psychologen Mark Terkessidis 2006 in der „Zeit“ einen von 60 Personen unterfertigten Offenen Brief, in dem sie die umstrittene kritisierte sie die angeblich autobiografische Schrift Necla Keleks mit dem Titel „Die fremde Braut“ als eines der „reißerischen Pamphlete, in denen eigene Erlebnisse und Einzelfälle zu einem gesellschaftlichen Problem aufgepumpt werden“. Auch an anderen Säulenheiligen der islamfeindlichen und rechtsextremen Szene wie Seyran Ateş und Ayaan Hirsi Ali übte sie Kritik.

Über die Aufgabe interkultureller Bildung äußerte sich Karakaşoğlu vor einigen Wochen gegenüber der Zeitschrift „Perspektive: Bildung“ wie folgt: „Es geht nicht darum, bestimmte kulturelle Identitäten besonders zu stärken, sondern allen Kindern eine Erweiterung ihres kulturellen Horizontes und das Kennenlernen neuer Sichtweisen zu ermöglichen“. Im „Migazin“ warnte sie davor, Individuen mit Kulturen gleichzusetzen, wie dies in der öffentlichen Debatte allzu oft geschehe.

Die mobile Version verlassen