Bildung & Forschung Gesellschaft Kultur & Medien

Studie in der Türkei: Staatliche Instrumentalisierung schadet dem Islam

  • März 3, 2026
  • 3 min read
  • 31 Views
Studie in der Türkei: Staatliche Instrumentalisierung schadet dem Islam

Die politische Aufladung und staatliche Vereinnahmung religiöser Symbole hat in der Türkei offenbar Folgen für die Glaubenspraxis. Zu diesem Ergebnis kommt eine Universitätsstudie. Trotz weiterhin hoher Bedeutung des Islam im Alltag vieler Bürger ist die Religiosität seit dem Machtantritt der AKP deutlich zurückgegangen.

Die politische Instrumentalisierung und staatliche Vereinnahmung der Religion schadet auch in der Türkei dem Islam. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie einer Forschungsgruppe unter der Leitung von Murat Çokgezen von der Istanbuler Marmara-Universität.

Zwar erklären etwa 61 Prozent der befragten Türken in der Türkei, der islamische Glaube sei ein sehr wichtiger Faktor in ihrem Leben. Damit ist die Religiosität in der türkischen Bevölkerung deutlich stärker ausgeprägt als in EU-Ländern. Allerdings ist sie nicht nur unter türkischen Einwanderern in der EU höher – der Anteil der religiösen Türken in der Türkei ist damit auch um 18 Prozent geringer als 2002. Von den befragten Türken unter 30 Jahren bezeichnen sich nur 15 Prozent als stark religiös.

Religiöse Aufladung von Politik als Machtinstrument

In diesem Jahr gelangte die AKP an die Macht und mit ihr bald darauf auch Recep Tayyip Erdoğan ins Amt des Ministerpräsidenten. Demgegenüber gehen mittlerweile 35 Prozent der Befragten nie in eine Moschee – gegenüber 14 Prozent zum Beginn der Ära Erdoğan. Zahlreiche Gründer der AKP stammten zwar aus der Bewegung des Milli-Görüş-Anführers Necmettin Erbakan.

Sie war jedoch anfänglich keine religiöse Partei und grenzte sich von Erbakan und seiner Bewegung ab. In den 2000er Jahren bemühte sich die AKP, Benachteiligungen für gläubige Muslime wie das Kopftuchverbot abzuschaffen. Unterm Strich war sie jedoch eine Koalition aus mehreren Bevölkerungsgruppen, die in der Zeit des Kemalismus benachteiligt worden waren.

Eine zunehmende Wiederannäherung an den politischen Islam fand erst Anfang der 2010er Jahre statt. Dies hatte nicht nur innenpolitische Gründe. Auch außenpolitisch entdeckte Erdoğan die religiöse Selbstinszenierung als Machtfaktor. In den Ländern des Arabischen Frühlings und im syrischen Bürgerkrieg verbündete er sich ebenso mit radikalen Islamisten wie in Gaza. Sein Ziel war es auch, damit zum „Helden der Straße“ in weiten Teilen der islamischen Welt zu werden. Gleichzeitig blieb er dort, wo es politisch als opportun erschien, zurückhaltend, wenn es um Unterdrückung von Muslime ging – etwa im Verhältnis zu China.

Wo korrupte Politik mit dem Islam assoziiert wird, schadet das der Religion

Mittlerweile ist eine demonstrative Betonung der eigenen islamischen Frömmigkeit fast schon eine Voraussetzung für eine Karriere in Politik, regierungsnaher Wirtschaft und gesellschaftlichen Institutionen. Gleichzeitig wird die AKP von immer mehr Menschen als korrupt, machthungrig und häufig doppelzüngig wahrgenommen.

Erdoğan und seine loyalen Funktionäre verlieren dafür und aufgrund ihrer durchwachsenen wirtschaftlichen Bilanz immer mehr an Rückhalt in der Bevölkerung. Da der Präsident und die AKP aber gleichzeitig auch mit religiöser Gesinnung und sogar der Religion selbst assoziiert werden, schadet genau dies am Ende dem Islam.

Eine ähnliche Entwicklung hatte sich einer niederländischen Umfrage aus dem Jahr 2023 zufolge auch im Iran abgespielt, wo der schiitische Islam Staatsreligion ist. Einer Befragung unter zehntausenden Iranerinnen und Iranern zufolge habe sich etwa die Hälfte der Bewohner der „Islamischen Republik“ im Laufe ihres Lebens vom Glauben abgewandt. Zudem waren der Zeitung „Entekhab“ zufolge von landesweit rund 75.000 Gebetshäusern etwa 50.000 inaktiv. Die Zahl stammte von einem Berater des damaligen Präsidenten Ebrahim Raisi.

About Author

Ercan Karakoyun