Die Generation Z wendet sich von Präsident Erdoğan ab, hat aber auch kein Vertrauen in die Opposition des Landes. Foto: Unsplash

Inflation, Armut, Arbeitslosigkeit: In der Türkei sind die Perspektiven für junge Menschen nicht besonders gut. Ein Großteil von ihnen wünscht sich deswegen eine Zukunft im Ausland. Eine neue Umfrage liefert neue Erkenntnisse.

Fast drei Viertel (72,9 Prozent) der befragten 18- bis 25-Jährigen würden die Türkei gern verlassen, wie aus einer am Dienstag von der Konrad-Adenauer-Stiftung veröffentlichten repräsentativen Umfrage hervorgeht. Ein knappes Drittel würde am liebsten in europäischen Ländern leben, weil sie dort unter anderem bessere Arbeitsbedingungen, mehr Freiheiten und Menschenrechte sowie einen höheren Lebensstandard erwarten.

Nur gut 27 Prozent der Befragten sagten, sie würden weiterhin in der Türkei bleiben wollen. Für Präsident Recep Tayyip Erdoğan lässt die Umfrage nichts Gutes hoffen. Mehr als 80 Prozent der Befragten, von denen viele bei der Wahl im kommenden Jahr erstmals an die Urne treten dürften, sagten, sie hätten kein Vertrauen in den Präsidenten.

Unzufrieden mit der Regierung, aber auch mit CHP und Co.

62,5 Prozent sind allgemein unzufrieden mit der Führung des Landes. Die Politikverdrossenheit scheint hoch: nur 3,7 Prozent vertrauen Politikern. Im Übrigen geben die jungen Türkinnen und Türken nicht allein den Regierungsparteien AKP und MHP die Schuld für die aktuelle Lage. Aus ihrer Sicht sei es auch der Opposition nicht gelungen, eine Alternative zur Regierung darzustellen.

Als die drängendsten Probleme im Land nannten die Teilnehmenden die wirtschaftliche Situation, mangelnde Freiheit und Gerechtigkeit sowie ein schlechtes Bildungssystem.

Hoffnungsloser Blick in die Zukunft

62,8 Prozent der Befragten äußern, dass sie die Zukunft der Türkei nicht positiv sehen. Die Rate der Befragten, die angaben, dass sie die Zukunft der Türkei sogar völlig hoffnungslos sehen, liegt bei 35,2 Prozent. Dies liegt vor allem daran, dass die türkische Jugend einen besonders pessimistischen Blick auf die wirtschaftliche Situation und ihr eigenes Leben hat.

Die Gründe dafür sind hauptsächlich hohe Lebenshaltungskosten für Studenten, die hohe Inflation und die Angst vor einem möglichen wirtschaftlichen Zusammenbruch. Die Befragung fand im Sommer 2021 statt – bevor die Inflation also in die Höhe schoss und die Lira massiv an Wert verlor.

Nationalismus als Bindeglied der jungen Gesellschaft

Das Vertrauen ins Militär spiegelt sich auch in der Bedeutung, welche den nationalen Symbolen der Republik zugemessen wird: Die Daten zeigen eine nationalistische junge Gesellschaft, die die nationalen Symbole wie die türkische Flagge (89,7 Prozent), die Republik Türkei als Institution (87,4 Prozent) und das Türkisch-Sein (71,6 Prozent) für äußerst wichtig hält.

Auch der Gründer der Republik, Mustafa Kemal Atatürk, ist weiterhin sehr wichtig für den Großteil (83,3 Prozent) der jungen Bevölkerung. Nationalismus ist in der Türkei nicht negativ konnotiert und wird in gewisser Weise als Orientierung an die Ideale der türkischen Republik aufrechterhalten.

Fünf Millionen Erstwähler

Die „Heimatliebe“ wurde auch deutlich in den Gesprächen, in denen einige junge Menschen erzählten, dass sie aus Verzweiflung ins Ausland gehen wollten, sich aber für einen Verbleib in der Türkei entschieden haben, weil sie Nationalisten sind und ihr Land lieben.

Dennoch distanziert sich die türkische Jugend davon, sich selbst in einen ideologischen Rahmen zu stellen, wie es die Jugend der 1970er-, 1980er- und 1990er-Jahre tat. Obwohl die am häufigsten zum Ausdruck gebrachte ideologische Identität „Pro-Atatürk – Kemalist“ (20,5 Prozent) ist, definiert sich fast ein Fünftel (18,8 Prozent) nicht mit einer ideologischen Identität und erklärt, keine Ideologie zu haben und unpolitisch zu sein.

In der Türkei leben mehr als 84 Millionen Menschen. Bei den Kommunalwahlen 2019 waren gut 57 Millionen Menschen wahlberechtigt. Laut der regierungsnahen Denkfabrik Seta werden bei den nächsten Wahlen etwa fünf Millionen Erstwähler ihre Stimme abgeben.

dpa/dtj