Universität Münster schafft erste Fakultät für Islamische Theologie in Westeuropa – Ausbau mit Signalwirkung
Mit der Einrichtung einer eigenständigen Fakultät für Islamische Theologie baut die Universität Münster ihre Rolle als zentraler Standort weiter aus. Der Schritt eröffnet neue Möglichkeiten für Forschung und Ausbildung – wirft zugleich aber grundlegende Fragen nach religiöser Legitimation und staatlichem Einfluss auf.
Die Universität Münster wird ab 1. Juli 2026 über eine eigenständige Fakultät für Islamische Theologie verfügen. Für das bisherige Zentrum für Islamische Theologie (ZIT), das seit 2012 besteht und von Mouhanad Khorchide geleitet wird, bedeutet das eine organisatorische Aufwertung und deutlich erweiterte Möglichkeiten in Forschung und Lehre.
Die Entscheidung des Senats markiert einen weiteren Schritt beim Ausbau islamisch-theologischer Strukturen an deutschen Hochschulen. Für die Universität Münster ist es der erste neue Fachbereich seit mehr als zwei Jahrzehnten, die Rede ist auch von der ersten Einrichtung ihrer Art in Westeuropa.
Ausbau eines etablierten Standorts
Mit rund 250 Studierenden und derzeit acht Professuren zählt Münster bereits jetzt zu den wichtigsten Standorten für islamische Theologie in Deutschland. Er soll bereits 17 Studiengänge bieten. Das ZIT soll zum 1. Oktober 2026 in der neuen Struktur aufgehen und dort seine Arbeit fortsetzen. Künftig kann die neue Fakultät eigenständig Promotions- und Habilitationsordnungen erlassen sowie Studiengänge entwickeln. Neben der Ausbildung von Lehrkräften für den islamischen Religionsunterricht wird die Einrichtung auch weiterhin Imame und Theologen ausbilden.
Als Gründungsdekan ist Mouhanad Khorchide vorgesehen. Er prägt den Aufbau des Fachs in Münster seit Jahren. Perspektivisch soll die Fakultät auf dem neuen „Campus der Theologien“ angesiedelt werden, gemeinsam mit evangelischer und katholischer Theologie. Dort soll auch die größte theologische Spezialbibliothek Europas entstehen.
Die Entwicklung in Münster steht im Kontext einer seit 2011 verfolgten Förderung durch den Bund. Man will islamisch-theologische Studien dauerhaft im deutschen Wissenschaftssystem verankern. So soll eine akademisch fundierte, deutschsprachige Ausbildung für Schule, Wissenschaft und religiöse Praxis von sozialen Einrichtungen bis hin zur Gefangenenseelsorge gewährleistet sein.
Kritik an „staatlich gerahmtem Islam“
Allerdings bleibt die institutionelle Einbindung islamischer Religionsgemeinschaften weiterhin ein sensibler Punkt. Während christliche Theologien traditionell eng mit den Kirchen verbunden sind, erfolgt die Organisation islamischer Theologie in Deutschland häufig über Beiratsmodelle. In diesen sind die Verbände zwar beteiligt, können aber keine vollständige institutionelle Kontrolle ausüben.
Vielfach entsteht bei ihnen der Eindruck, der deutsche Staat behandele sie bewusst stiefmütterlich, weil sie ihm als weniger handzahm erscheinen als die christlichen Großkirchen. Eine verbreitete Kritik seit Gründung der Deutschen Islamkonferenz etwa lautete stets, die etablierten Islam-Verbände seien für deutsche Verhältnisse „zu konservativ“ – und zu wenig repräsentativ. Allerdings verfügen „liberale“ Verbände noch über deutlich weniger Rückhalt in der muslimischen Community.
Kritiker wie der Publizist Birol Kocaman sehen darin ein strukturelles Problem. Der Staat schaffe zunächst die institutionellen Rahmenbedingungen und definiere damit indirekt, welche Formen islamischer Theologie als anschlussfähig gelten. Die religiöse Legitimation werde hingegen nachgeordnet behandelt.
Diese Herangehensweise wirft auch verfassungsrechtliche Fragen auf. Artikel 7 des Grundgesetzes sieht vor, dass Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt wird. In der Praxis arbeitet der Staat jedoch teils mit Organisationen zusammen, die formal nicht als Religionsgemeinschaften anerkannt sind – ein Provisorium, das sich zunehmend verstetigt.
Erfahrungen aus der Türkei als warnendes Beispiel
Der Versuch, religiöse Inhalte über staatliche Strukturen zu steuern, ist kein neues Phänomen. In der Türkei etwa zeigt sich seit knapp 100 Jahren, dass ein stark staatlich geprägter Islam – organisiert über Institutionen wie die Religionsbehörde Diyanet – anfällig für politische Einflussnahme ist. Je nach Regierungslinie nimmt die Politik auch auf die Ausrichtung religiöser Lehre Einfluss. Das kann sowohl die Glaubwürdigkeit religiöser Institutionen als auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt belasten.
Diese Erfahrung dient manchen Beobachtern als Hinweis darauf, dass ein „Staatsislam“ langfristig weder den Gläubigen noch dem sozialen Frieden unbedingt zuträglich ist. Wenn religiöse Inhalte als verlängerter Arm politischer Interessen wahrgenommen werden, leidet das Vertrauen in ihre Unabhängigkeit.
Die neue Fakultät in Münster steht damit exemplarisch für einen grundlegenden Balanceakt: Einerseits geht es darum, islamische Theologie wissenschaftlich zu etablieren und in das deutsche Bildungssystem zu integrieren. Andererseits bleibt die Frage offen, wie viel Einfluss staatliche Institutionen auf Inhalte und Ausrichtung nehmen sollten – und wie echte religiöse Selbstbestimmung gewährleistet werden kann.


