Mit dem Vertrag von Lausanne wurden unter anderem die Grenzen der Türkei, wie sie noch heute verlaufen, festgelegt. Foto: wikimedia

Im Juli 2023 wird der Vertrag von Lausanne 100 Jahre alt. 1923 unterzeichnet, legte er nicht nur die Grenzen der heutigen Türkei fest. Doch rund um das Schriftstück ranken sich nach wie vor Verschwörungstheorien.


Sommer 1923: Der Erste Weltkrieg liegt nun schon ein paar Jahre zurück, das Osmanische Reich ist zerschlagen. Auf dem Papier existiert es zwar noch, aber die staatlichen Strukturen sind weitgehend zusammengebrochen, der Sultan und seine Familie nicht mehr im Land. In Anatolien, dem Kernland des Reiches, tummeln sich verschiedene „Siegermächte“ oder ihre Überreste. Jeder versucht auf der Grundlage des Vertrags von Sèvres (1920), sich ein Stück vom Kuchen zu sichern. Doch mit Mustafa Kemal Pascha, dem späteren Atatürk, wehrt sich ein General gegen den rasanten Niedergang und will eine Republik gründen. Er kämpft gegen die Griechen, die einst zum Osmanischen Reich gehörten, nun aber zu einem Feind geworden sind, den es zu bezwingen gilt. Das gelingt im Griechisch-Türkischen Krieg, der von 1919-1922 anhält, und der aus türkischer Sicht zum Befreiungskrieg wird.

Vom einstigen osmanischen Vielvölkerstaat kann zu diesem Zeitpunkt nicht mehr die Rede sein. Das Gift des Nationalismus, das sich über Europa ausgebreitet hat, hat längst seine Wirkung entfaltet. Die Jungtürken, die gegen die Osmanen rebellierten und den Sultan zu einer Marionette verkommen ließen, wollten ein Reich schaffen, das nahezu ausschließlich aus türkischen Muslimen besteht, Atatürk knüpft daran an. Es kommt zu zahlreichen Massakern und einem „Bevölkerungsaustausch“, der am 30. Januar 1923 beschlossen wird und in Wahrheit viel brutaler ist, als dieser eher harmlose Begriff nahelegt. Orthodoxe Griechen müssen Anatolien verlassen, muslimische Türken im Gegenzug einstige osmanische Gebiete, die mittlerweile zu Griechenland gehören. Die Nachfahren der vertriebenen Griechen beharren noch heute darauf, dass es sich bei den damaligen Geschehnissen um einen Völkermord handele, die Türkei verweist darauf, dass sich das Land in einem Krieg befand.

Die „Große Idee“ der Griechen

Das Jahr 1923, es ist ein Schicksalsjahr aus Sicht der heutigen Türkei. Wie geht es nun weiter? Was wird aus den Trümmern des einst so mächtigen und über 600 Jahre währenden Osmanischen Reiches? Wie lange werden sich die Besatzungsmächte oder das, was von ihnen noch da ist, im Land aufhalten? Werden sie womöglich zurückschlagen? Was wird aus den Minderheiten im Land? Holen sich die Griechen, die von der „Megali Idea“ träumen, der „Großen Idee“, die alle Griechen westlich und östlich der Ägäis zusammenführen soll, Istanbul, das einstige Konstantinopel, zurück? Das dürften nur einige der Fragen gewesen sein, die sich nicht nur die damalige Bevölkerung in Kleinasien gestellt haben dürften.

Mit dem Sieg gegen die Griechen 1922 wendet sich für die Türken unter Führung von Mustafa Kemal das Blatt. Militärische Erfolge waren die unter den Osmanen erfolgsverwöhnten Türken nicht mehr gewöhnt, zu zahlreich und heftig waren die Niederlagen nicht nur im Ersten Weltkrieg, sondern auch in den beiden Balkankriegen und den fast zwei Jahrhunderte andauernden Auseinandersetzungen mit den Russen. Doch dieser Sieg war ein besonderer, stärkte er doch die Verhandlungsposition der neuen Regierung, die längst dabei, die Macht in Anatolien zu übernehmen. Die osmanischen Delegationen mussten die Vertragsbedingungen der Siegermächte stets akzeptieren, zu gering war angesichts der schwindenden Macht der Spielraum, um selbst Bedingungen stellen zu können.

Ohne Sèvres kann man Lausanne nicht verstehen

Mit dem Vertrag von Lausanne, der im Sommer 1923 geschlossen wurde, konnte Atatürk einige Vertragsinhalte von Sèvres wieder rückgängig machen – zugunsten der nun sich abzeichnenden Türkischen Republik, die wenige Monate danach gegründet werden sollte. Die Grenzen der heutigen Türkei wurden festgelegt, einher gingen damit wichtige Gebietsgewinne. Izmir wurde wieder türkisch, auch Istanbul konnte dauerhaft gesichert werden. Auch der Bevölkerungsaustausch wurde nachträglich legitimiert. Ziel war es unter anderem, den blutigen Konflikt zu beenden und künftige Konflikte nach Möglichkeit zu vermeiden. Um Lausanne rankten sich aber alsbald auch verschiedene Gerüchte, die sich hartnäckig bis in die Gegenwart halten und deren Ursprung nicht ganz klar ist.

Vertrag von Lausanne: Bekommt die Türkei ein neues Wahlsystem?

Es war (oder ist nach wie vor) die Rede davon, dass der Vertrag 100 Jahre gültig sei und geheime Klauseln enthalte, die nach dem Ablaufen am 24. Juli 2023 verfallen würden. Die Alliierten hätten festgelegt, dass es der Türkei in diesem Zeitraum nicht erlaubt sei, Bodenschätze zu fördern respektive zu exportieren. Die vermeintliche Idee dahinter: Der neu entstehende Staat sollte so in seinen (Aufstiegs-)Möglichkeiten eingeschränkt werden, womöglich um ein Wiedererstarken nach dem Vorbild der Osmanen zu verhindern.

Ein Quervergleich mit dem Vertrag von Versailles

Dieser Mythos, der über die Jahrzehnte gerne nicht nur von Nationalisten am Leben gehalten wurde, lässt sich gut mit dem Echo vergleichen, den der Versailler Vertrag von 1918 in Deutschland hervorrief. In der damaligen Weimarer Republik, der Nachfolgerin des Deutschen Kaiserreiches, das ja ebenfalls zu den Verlierern des Ersten Weltkriegs zählte, stieß der Vertrag in einigen Teilen der Bevölkerung und Politik auf Ablehnung und Hass. Besonders radikale Kräfte arbeiteten daran, ihn rückgängig zu machen, da sie ihn als Demütigung empfanden. Unter ihnen war auch der damals noch unbekannte Adolf Hitler, der seinen wenigen Anhängern versprach, die „Schmach von Versailles“ vergessen zu machen und das deutsche Volk „vom Joch der Alliierten“ zu befreien. Der Vertrag blieb bis zum Zweiten Weltkrieg, den Hitler vom Zaun brach, ein wichtiges Element in der Propaganda der Nazis.

Ein Vergleich ist aber nur in Ansätzen sinnvoll, hatte der Lausanner Vertrag in der Türkei doch zunächst einen guten Ruf. Die Politik hat sich selten zu diesen Verschwörungsmythen, die übrigens nicht von allen Türken ernstgenommen werden (siehe Video am Ende), geäußert, und wenn doch, dann um sie zu dementieren, wie es unlängst Mustafa Şentop, seines Zeichens Präsident des türkischen Parlaments, tat. Der Vertrag von Lausanne sei mitnichten zeitlich begrenzt und enthalte auch keinerlei geheime Klauseln.

2023, 2053, 2071

Auch wenn die AKP und ihr Anführer Recep Tayyip Erdoğan, der seit 20 Jahren als Minister- oder Staatspräsident die Macht in der Türkei innehat, sich öffentlich nie über diese Verschwörungstheorie ausgelassen haben, so hat insbesondere Erdoğan vermutlich doch dazu beitragen, sie weiter mit Leben zu füllen. Denn „2023“ war in den letzten Jahren einer seiner Lieblings-Slogans; in jenem Jahr werde die Türkei wiedererstarken und zu den führenden Wirtschaftsmächten der Welt gehören. Er dürfte mit der Jahreszahl hauptsächlich auf den 100-jährigen Geburtstag der Republik, die am 29. Oktober 1923 ausgerufen wurde, angespielt haben, doch weil eben auch der Vertrag von Lausanne im selben Jahr 100 Jahre alt wird, dürfte das die Verschwörungskreise in ihrem „Glauben“ bestärkt haben. Überhaupt haben solche symbolischen (Jahres-)Zahlen für den Präsidenten, der gerne über das osmanische und seldschukische Erbe der heutigen Republik spricht, eine wichtige Bedeutung. Regelmäßig fabuliert er über „2053“ (600. Jahrestag der Eroberung Konstantinopels) und „2071“ (1000. Jahrestag der Schlacht von Mantzikert, nach der die Türken Anatolien besiedelten). Damit bestärkt er nicht nur nationalistische, sondern auch religiöse Gefühle, was bei seinen Anhängern gut ankommt.

Ungelegen kommt da die wirtschaftliche Lage der Türkei, in der sich diese derzeit befindet. Wenige Monate vor den Wahlen, die am 14. Mai stattfinden sollen, ist der „2023“-Slogan daher wenig verwunderlich in den Hintergrund getreten, der Effekt verpufft. Er wird sich etwas Neues einfallen lassen müssen, um seine Wiederwahl zu sichern, denn 2053 ist (noch) zu weit weg.