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Erden Timur: Illegale Wetten, Geldwäsche und Spielmanipulation bei Galatasaray?

  • Januar 2, 2026
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Erden Timur: Illegale Wetten, Geldwäsche und Spielmanipulation bei Galatasaray?

Die türkische Justiz hat im Rahmen der Ermittlungen zum Wettskandal einen der prominentesten Funktionäre des türkischen Spitzenfußballs festgenommen: Erden Timur, früherer stellvertretender Vorsitzender der Galatasaray. Was ihm vorgeworfen wird.

Wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtet, ordnete ein Istanbuler Richter Untersuchungshaft an. Grundlage ist ein umfangreicher Haftantrag der Staatsanwaltschaft, der Erden Timur schwere Finanzdelikte im Zusammenhang mit illegalen Wettstrukturen vorwirft.

Was der Haftantrag konkret besagt

Laut der von Anadolu vollständig wiedergegebenen Anklageschrift wirft die Staatsanwaltschaft Timur vor, Gelder aus illegalen Wettgeschäften gewaschen zu haben. Demnach seien zwischen Timur und 93 Personen, die ebenfalls unter illegalem Wettverdacht stehen, gegenseitige Geldtransfers in Höhe von insgesamt 1.309.000 Türkischer Lira festgestellt worden.

Diese Zahlungen seien gezielt als Anzahlung für Immobilien deklariert worden, um ihnen einen legalen Ursprung zu verleihen. Die Ermittler bewerten dies ausdrücklich als Versuch, die tatsächliche Herkunft der Gelder zu verschleiern. Alle 93 Personen hätten im übrigen Immobilien von NEF erworben – der Baufirma von Erden Timur.

Kryptotransfers und internationale Geldbewegungen

Besonders schwer wiegt der Vorwurf umfangreicher Kryptotransaktionen. Dem Haftantrag zufolge überwies eine von Timur mitgeführte Firma – Timur Gayrimenkul Geliştirme Yapı ve Yatırım A.Ş. – zwischen 2024 und 2025 ganze 144,2 Millionen Türkischer Lira an die Krypto-Plattform OKX TR. Die Beträge seien in Kryptowährungen umgewandelt worden; rund eine Million US-Dollar davon sei auf Konten einer Person mit den Initialen A.T. bei ausländischen Börsen transferiert worden.

Timur erklärte in seiner Aussage, es handle sich bei A.T. um einen Freund, mit dem ein Darlehensverhältnis bestehe. Die Staatsanwaltschaft hält diese Darstellung angesichts Umfang, Struktur und Häufigkeit der Transaktionen für nicht plausibel und für unvereinbar mit einem normalen Wirtschaftsverhältnis.

Goldgeschäfte, Kapalıçarşı und Verflechtungen im Fußballumfeld

Ein weiterer zentraler Punkt des Haftantrags betrifft Geldbewegungen von rund einer Milliarde Lira, die Timur zwischen 2023 und 2025 über eine im berühmten Grand Bazar (Kapalıçarşı) tätige Firma unter dem Vermerk „Goldhandel“ abgewickelt haben soll. Timur erklärte, damit den Gegenwert von 226 Kilogramm Gold, die er von seinem Vater geliehen habe, zurückgezahlt zu haben.

226 Kilogramm Gold kosten aktuell 1,4 Milliarden Türkische Lira, was umgerechnet etwa 28 Millionen Euro bedeuten. Die Ermittler verweisen darauf, dass über dieselbe Firma zeitgleich auch hohe Transaktionen weiterer Fußballfunktionäre und Vereine abgewickelt worden seien, wie beispielsweise Eyüpspor, die auch im Verdacht der Spielmanipulation stehen. Auch diese Vorgänge bewertet die Staatsanwaltschaft als nicht erklärbar durch einfache private Schuldverhältnisse.

Offizielle Einordnung der Staatsanwaltschaft: Gesetz 6222 im Fokus

In der offiziellen Pressemitteilung vom 26. Dezember 2025 bestätigte die Oberstaatsanwaltschaft in Istanbul, dass im Rahmen der Ermittlungen auch ein „ehemals bei Galatasaray tätiger Manager“ erfasst ist. Der bislang einzige Gala-Funktionär: Erden Timur. Eine Zahl macht den Fall automatisch brisant. Explizit genannt wird dabei das Gesetz Nr. 6222, Artikel 11, das Manipulation und Beeinflussung sportlicher Wettbewerbe regelt. Die Staatsanwaltschaft hält fest, dass die festgestellten Finanzbewegungen im Zusammenhang mit Timurs Amtszeit bei Galatasaray stehen. Damit ist erstmals amtlich dokumentiert, dass der Fall über ein privates Finanzdelikt hinausreicht.

Juristische Konsequenz: Zwangsabstieg möglich

Der Strafverteidiger Ertuğrul Akar erklärte im Sender TGRT, eine Verurteilung nach 6222/11 stelle rechtlich Spielmanipulation dar. Die Konsequenz sei eindeutig:
Wird ein Vereinsfunktionär für Handlungen während seiner Amtszeit verurteilt, ist der betroffene Klub zwingend in eine untere Liga zu versetzen.

Akar präzisierte nach der Festnahme Timurs öffentlich, dass dieser aktuell wegen Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung in Haft sei, die Ermittlungen zur Spielmanipulation jedoch separat weiterliefen. Eine Vorverurteilung sei damit nicht verbunden – die rechtliche Fallhöhe aber erheblich.

Erden Timur als Machtfaktor bei Galatasaray

Unabhängig von den strafrechtlichen Vorwürfen war Timur in den Jahren 2022 bis 2024 eine zentrale Figur bei Galatasaray. Als stellvertretender Vorsitzender trat er häufig vor die Medien, verantwortete Sponsoring-Modelle und spielte eine Schlüsselrolle bei hochpreisigen Transfers. Mit seinem nun unter Verdacht geratenen Unternehmen NEF erwarb er in den Jahren 2021 bis 2023 die Namensrechte des Galatasaray-Stadions Ali Sami Yen.

Bei seinem Rücktritt erklärte Timur selbst, er habe nur über persönliche Kontakte weitere 40 Millionen Euro an Sponsorengeldern mobilisiert. Vereinspräsident Dursun Özbek sprach davon, dass Timur erhebliche Mittel „aus eigenem Vermögen“ eingebracht habe – eine Darstellung, die angesichts der Ermittlungen nun zunehmend in Zweifel gezogen wird.

Der Fall weitet sich aus: Eyüpspor und weitere Vereinsfunktionäre im Fokus

Die Ermittlungen gegen Timur bleiben nicht auf Galatasaray beschränkt. Im selben Verfahren taucht auch Eyüpspor auf: Der Vereinsvizepräsident Fatih Kulaksız gehört zu den Beschuldigten. Ergänzend rückt Murat Özkaya in den Fokus. Der Unternehmer und Vereinsverantwortliche von Eyüpspor wird in den Ermittlungsakten im Zusammenhang mit auffälligen Finanztransaktionen genannt, die laut Staatsanwaltschaft im selben Netzwerk aus illegalem Wettgeschäft, Geldwäsche und möglicher Einflussnahme auf den Spielbetrieb geprüft werden.

Die Einbindung mehrerer Vereine und Funktionsträger deutet darauf hin, dass die Behörden nicht von einem isolierten Fehlverhalten ausgehen, sondern strukturelle Verflechtungen untersuchen.

„Ligi bitirtmeyiz“ – Worte mit politischem Nachhall

In der öffentlichen Erinnerung präsent ist eine Aussage Timurs aus der Saison 2023/24, in der er erklärte, man werde „diese Liga so nicht zu Ende spielen lassen“, sollten sich bestimmte Zustände nicht ändern. Gegnerische Fans werteten dies als Drohkulisse gegenüber Schiedsrichtern und Verband. Tatsächlich erwischte die Mannschaft nach diesem Vorstoß von Timur eine Siegesserie in der Liga, die letztlich zur Meisterschaft führte.

Ein strafrechtlicher Zusammenhang ist daraus bislang nicht ableitbar. Politisch-sportlich verdeutlicht die Aussage jedoch, wie sehr Timurs Auftreten als Machtanspruch wahrgenommen wurde. Umso überraschender war sein höchst unerwarteter Abgang im Juni 2024 aus dem Vorstand in Tränen. Gut anderthalb Jahre danach sitzt er nun in Haft.

Reaktionen aus Klub und Fanszene

Das Schweigen der Vereinsführung nach der Festnahme löste scharfe Reaktionen aus. Der Sportjournalist Uğur Karakullukçu kritisierte öffentlich, die fehlende Kommunikation schade dem Verein und liefere Raum für Spekulationen. Haluk Yürekli, ein Galatasaray-Kommentator, schrieb via X in Richtung Timur: „Ich stehe hinter Dir, mein Bruder“. Auch Yürekli kritisierte den Vorstand um Özbek, der Timur gegenwärtig im Stich gelassen habe.

Parallel forderte Sebahattin Şirin, führender Vertreter von UltraAslan, einem Ultras-Fanklub des Vereins, offen den Rücktritt des Vorstands. Dass solche Forderungen unmittelbar nach einer Festnahme laut werden, gilt selbst im emotionalisierten türkischen Fußball als außergewöhnlich. Vielleicht ist das Schweigen von Özbek der letzte Versuch, Galatasaray aus der Affäre rauszuhalten.

Alte Warnungen, neue Gerüchte – und keine Beweise

Im Zuge der Ereignisse rund um Erden Timur kursieren erneut ältere Aussagen von Ali Koç, dem ehemaligen Präsidenten von Fenerbahçe, der Timur bereits im April 2024 öffentlich vorgeworfen hatte, durch „dubiose Verträge“ dem türkischen Fußball und auch seinem traditionsreichen Verein zu schaden. Koç sagte, dass Timur „jede Nacht an ihn denken soll“. Ganz besonders dann, wenn er das Amt des Fenerbahçe-Präsidenten niederlegt.

In sozialen Netzwerken wird spekuliert, Koç habe belastendes Material an die Staatsanwaltschaft übergeben. Seit seinem Amtsabtritt sind nur wenige Monate vergangen. Hat Koç seinen Worten Taten folgen lassen? Für diese Annahme existiert bislang kein bestätigter Beleg; sie bleibt Teil der Gerüchteküche und ist juristisch nicht verifiziert.

Zwischen Strafverfahren und sportlicher Sprengkraft

Entscheidend ist: Weder Gericht noch Staatsanwaltschaft haben bislang eine sportrechtliche Schuld festgestellt. Doch mit der amtlichen Nennung des Gesetzes 6222, der Zuordnung der Finanzströme zur Amtszeit bei Galatasaray und der Fortführung der Spielmanipulationsprüfung ist ein Punkt erreicht, an dem der Fall nicht mehr als privates Strafverfahren behandelt werden kann.

Sollte es zu einer rechtskräftigen Verurteilung kommen, wären sportliche Sanktionen keine politische Entscheidung, sondern zwingende Rechtsfolge. Genau darin liegt die Brisanz dieses Verfahrens – und der Grund, warum der türkische Fußball erneut vor einer Bewährungsprobe steht.

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