Dilan S. (17) wurde in Berlin von Rassisten angegriffen. Foto: Screenshot/Instagram

Botschaft aus dem Krankenhaus: In einem Video hat sich die 17-jährige Dilan S., die in Berlin brutal attackiert wurde, an die Öffentlichkeit gewandt. Die physisch wie seelisch verletzte Deutsch-Türkin korrigiert in dem Video-Statement Fake News. Eine kommentierende Analyse – mit dem Video im Wortlaut.

„Ich wurde gestern zusammengeschlagen, weil ich Ausländerin bin“. Das ist der Einstieg von Dilan S. in ein Video, das die Massen bewegt und im Netz viral geht. Was danach folgt, ist erschütternd. Immer wieder muss Dilan weinen und ihre Tränen unterdrücken. Doch ihre Botschaft will die junge Deutsche mit türkischen Wurzeln unbedingt loswerden.

Am vergangenen Samstag wurde die 17-Jährige in der Berliner Straßenbahn M4 und an der Haltestelle Greifswalder Straße von Rassist:innen vor den Augen zahlreicher Passanten brutal zusammengeschlagen und beleidigt. Die ermittelten Verdächtigen sind 42, 44 und 51 Jahre alt. Trotz Alkoholeinfluss scheint ihre Tat koordiniert gewesen zu sein. Von den Frauen fehlt noch jede Spur.

„Wie tief die Menschheit gesunken ist“

Neben dem Video, in dem die traumatisierte junge Frau schildert, was ihr widerfahren ist, berichtet sie auch fragmenthaft von der Situation. Aus ihren Schilderungen ergibt sich, dass Dilan den rassistischen Angreifern keinesfalls alleine ausgeliefert war. Doch Dilan wurde nicht geholfen.

Keiner der Anwesenden bewies an diesem Tag offensichtlich Zivilcourage. Schockiert von dem unbegründeten Angriff, filmte Dilan ihr Entsetzen – und die Schaulustgen. Ihr ironischer Kommentar dazu: „Wie tief die Menschheit gesunken ist, dass Sie auch alle zuschauen. Dankeschön!“

Dilan: „Es hätte auch anders ausgehen können“

Die Konsequenzen: Gehirnerschütterung, Bauchtrauma und zahlreiche Prellungen. Mit den psychischen Folgen des Angriffes muss Dilan womöglich ihr Leben lang kämpfen. „Ich bin körperlich und psychisch wirklich am Ende“, konstatiert die Deutsch-Türkin und bricht in Tränen aus.

In ihrer Botschaft macht die junge Frau deutlich, dass sie sich als deutsche Staatsbürgerin versteht. Sie bekräftigt diesen Status bekräftigt immer wieder, obschon es ihr in dem Moment nicht half. Denn dass Rassisten Menschen wie ihr keinen Wert beimessen, daran ändert auch die Staatszugehörigkeit nichts.

Streit wegen Maske? Polizei beschuldigte zunächst Dilan

Indes zieht der Fall Dilan weite Kreise. Menschen mit einem nicht-deutschen Äußeren plagt die Angst vor solchen Übergriffen. Seit Jahrzehnten vernachlässigen und verharmlosen bundesdeutsche Behörden Rechtsextremismus und Nationalsozialismus, man erinnere sich nur an den NSU. Auch die erste Reaktion der Polizei im Fall Dilan zeigt ein strukturelles Problem.

Die von vielen Medien unkritisch übernommene Polizeimeldung erfolgte bereits am Sonntag. In dieser Version hieß es: „Bei einem Streit über eine fehlende Mund-Nase-Bedeckung wurde gestern Abend in Prenzlauer Berg eine 17-Jährige verletzt.“ Demnach soll es Dilan gewesen sein, die die Maske verweigert habe. Doch die Deutsch-Türkin dementierte dies umgehend.

Polizei bestätigt Dilans Version

Später bestätigt die Polizei: Erst nach „Sichtung vorhandenen Videomaterials sowie weiterer Ermittlungen, konnte festgestellt werden, dass die Jugendliche (…) eine Mund-Nase-Bedeckung trug und diese bei dem auf die rassistischen Beleidigungen folgenden Streitgespräch mit den sechs Erwachsenen kurzfristig nach unten gezogen hatte.“

Offenbar hatten sich die betroffenen Beamt:innen bereits ohne eindeutige Beweislage auf eine Variante des möglichen Tathergangs festgelegt. Es erschien also naheliegender, dass jemand wegen einer Maske geschlagen wurde, als wegen eines vermeintlich nicht-deutschen Aussehens. Es ist erschütternd, dass weiterhin Menschen mit Migrationshintergrund und deutschem Pass nicht als Deutsche angesehen werden.

Das Dilan-Video im Wortlaut

Dilans Video verbreitete sich via TikTok, Instagram, Twitter und Facebook Hunderttausende Mal, auch wenn es zwischendurch aus bisher unbekannten Gründen gelöscht wurde. Ihr Fall ist nunmehr kein Einzelschicksal, sondern ein Beweis für alle, die wie die junge Deutsch-Türkin, in den Augen von Rassist:innen als „Fremde“ gelten. DTJ-Online hat das Video transkribiert. Hier finden Sie es in voller Länge:

„Und ich war so: Was? Ich drehe mich um mich. Wie bitte? Warum soll ich mich denn verpissen? Was habe ich denn gemacht? ‚Ja, Du Drecksausländer“‚, unzählige Ausdrücke und rassistische Beleidigungen mir gegenüber. Meine Mutter war die ganze Zeit am Telefon. Dann hat sie mich die ganze provoziert und mir gesagt, ich solle mich verpissen. Am besten ganz nach hinten und hat mir mit der Armbewegung so den Weg gezeigt.

Er ist mit seinem Rücken so gegen mich gegangen. Ich habe sie aufgefordert, dass sie ihre Masken anziehen sollen und danach mit mir weiterreden können. Weil mir der Mann dann etwas zu nah gekommen ist, habe ich ihn von mir weggedrückt. Und er meinte mir dann gegenüber frech zu werden, indem er gesagt hat:

„Mäuschen, mach das noch mal, trau dich und du fängst dir eine!“

„Aus dem Nichts ist sie, wie gesagt, auf mich losgerannt und hat ausgeholt und ich bin ausgewichen. Hinter mir jedoch hat sich dann ein Mann gestellt, wo ich mich dann nicht mehr wehren konnte. Ich konnte dann nicht mehr weitergehen. Ich bin über diesen Mann gestolpert, weil ich ausgewichen bin, nach hinten laufen wollte und dann, als dieser Mann hinter mir stand, da habe ich mich umgedreht und habe gesehen, wie mehrere Menschen um mich herum einen Kreis gebildet haben und alle auf mich eingeredet haben.

Dann ist diese eine Frau, die davor gar nicht da war – also ich habe sie nicht gesehen – aus dem Nichts gekommen und hat gesagt ‚Du dreckiges Miststück, Du dreckige Fotze‘ soll erst mal meine Maske anziehen. Aber wir waren draußen und niemand von den ganzen Leuten hatte eine Maske an.

Und dann habe ich gesagt „Ach so, ich soll eine Maske anziehen, aber sie dürfen hier ohne rumlaufen“. Und dann ist diese Frau auch schon direkt auf mich los gegangen, hat mir ins Gesicht gefasst, hat mein Gesicht so gepackt. Dabei ist meine Lippe gerissen und sie wollte mir meine Maske aufsetzen. Sie hat aber genau das Gegenteil geschafft. Die Maske ist gerissen und auf den Boden gefallen.

Und mit seinen Händen auf mich drauf und hat gesagt, ich soll aufpassen, was ich in seinem Land sage. Dann, als ich ausgewichen bin, habe ich den nächsten Mann gesehen. Ungefähr so groß wie ich, aber trotzdem auch, also 40, hat gesagt:

„Du hältst jetzt deine Fresse, du Miststück“.

Und ich habe hier nichts zu suchen. Und ich bin ‚ein Drecksausländer‘. Währenddessen sind die Frauen von der Seite gekommen, haben mich geschubst und sind auf mich losgegangen. In meinem Ohr habe ich meine Mutter gehört, wie sie geweint hat. Dann ist mir eingefallen, dass ich mein Handy habe und dann habe ich schnell aufgelegt und habe das gefilmt.

Und in diesem Moment ist diese Frau, die mich am Anfang angepackt hat, auf mich losgegangen und hat mich getreten, geschubst und an meinen Haaren gezogen. Dann ist mein Handy runtergefallen und das Video ist leider ausgegangen. Dann kann ich mich auch nur, also das war alles so schnell, kann ich mich daran erinnern, dass mich zwei Männer hier (an den Armen) gepackt haben, also einer hier und einer da…

… und beide Frauen auf mich eingeprügelt haben. Sie haben mich getreten. Sie haben auf meinen Kopf geschlagen und der andere Mann ist dann auch gekommen und hat mich auch geschlagen, sie haben mir in meinen Bauch gehauen, mir auf meinen Kopf mehrmals geschlagen.

Meine Beine haben sie mir getreten und ich hab gemerkt, dass sie mir eher in die Beine getreten haben, weil sie wollten, dass ich runter falle, um mir in mein Gesicht zu treten. Dabei haben sie alle geschrien, ich wäre eine ‚Dreckausländerin‘. Ich habe gebettelt, um Hilfe. Ich habe gesagt, ‚warum hilft mit denn keiner?‘.

Ich erinnere mich daran, wenn ich meine Augen zumache, an dieses Gesicht, was so hasserfüllt war. Ich habe einen Mann gesehen, der vor mir stand, mit seiner Zigarette im Mund mit so einem Lächeln. Er hat gelacht. Er fand es amüsant und hatte einen Hass in seinen Augen. Er hat mich ausgelacht. Und die anderen auch. Die haben mir nicht geholfen. Ich habe gesagt:

‚Warum hilft mit denn keiner?‘

Und dann war ich körperlich als auch psychisch wirklich am Ende. Weil ich nicht verstehen kann, wie 2022 immer noch solche Menschen auf diesem Planeten leben können. Immer noch dieses Mindset besitzen. Und ich verstehe nicht, warum die Presse, Social Media, die Polizei-Webseiten, die Zeitungen nicht ehrlich sind, und die Wahrheit verdrehen. Es hätte auch anders ausgehen können.“